reflections

Hier präsentiere ich euch meine erste Sunrise Avenue- FF.

Die Geschichte ist aus der Sicht von Emilia/Emi geschrieben, sie ist eine ziemlich komplizierte Frau, was man auch ziemlich oft mitbekommt.
Ich verdiene mit der Geschichte kein Geld und Samu und die anderen Jungs gehören mir nicht, die anderen Personen schon!

Viel Spaß beim Lesen!

THE ONLY ONE

 -1-

Mein Handy klingelt. Alle Leute, na gut, fast alle Leute in der Straßenbahn glotzen mich an. Ich krame in meiner Tasche. Und ich finde es einfach nicht. Als es verstummt habe ich es endlich in der Hand und schaue wer mich da angerufen hat. Unbekannt. Na super. Ich behalte das Handy in meiner Hand. Die Leute glotzen immer noch. Am liebsten würde ich was sagen. Aber ich bin alleine, ohne Begleitschutz, also halte ich meinen Mund.

Als ich kurz vor meiner Haustür bin klingelt das Handy erneut, gerade habe ich es eingesteckt, da ich schon meine Schlüssel in der Hand habe.

"Ja hallo?" Diesmal schaffe ich es ranzugehen ehe der Jenige am anderen Ende wieder auflegt.

"Hallo. Hier ist Tomi." Ich rolle mit den Augen.

"Wie oft habe ich dir jetzt schon gesagt, dass du nicht mehr anrufen sollst?", frage ich sauer und es hallt durch den Hausflur in dem ich mich mittlerweile befinde. Stille am anderen Ende. "Hallo? Hast du mich verstanden? Ich will nicht dass du mich ständig anrufst, lass es einfach sein!" Ich schließe meine Haustür auf, lege auf und betrete meinen kleinen Flur. Ich atme tief durch und ich merke wie ich schon wieder wütend werde. Ich weiß nicht was dieser Typ von mir will. Auf jeden Fall mehr als ich von ihm will, da ich weiß dass er verheiratet ist und eine kleine Familie hat. Ich weiß nicht was in seinem Kopf vorgeht, ich begreife es einfach nicht. Ich habe noch nie begriffen was in den Köpfen von Männern vorgeht und so wirklich will ich es auch gar nicht wissen. Es interessiert mich, aber ich will es nicht wissen.

Ich packe meinen Einkauf aus und komme dabei auf andere Gedanken. Und schon wieder höre ich mein Handy klingeln. Aber sofort sehe ich dass das Bild von meiner besten Freundin auf dem Display zu sehen ist, freudestrahlend gehe ich ran.

"Emilia, hast du heut Abend schon was vor?" Emilia? Warum nennt sie mich nicht Emi, so wie immer? Irgendwas muss passiert sein.

"Hallo Aino. Nein hab ich nicht."

"Super, dann sehen wir uns um 19 Uhr. Ich hol dich ab und dann heißt es ÜBERRASCHUNG!" Das letzte Wort ist fast gesungen.

"Okay. Auch wenn deine Überraschungen oft in Katastrophen enden. Heute ist Freitag, ich muss morgen nicht arbeiten. Ich bin dabei!" Kurz plaudern wir noch und dann geh ich schnell duschen und suche mir was vernünftiges zum Anziehen. Okay, wie auch immer man vernünftig definiert. Ich mag es eher etwas freizügiger als andere Frauen, was nicht heißt dass es aufreizend sein soll für Männer. Ich fühle mich so einfach frei und glücklich.

Um Punkt 19 Uhr klingelt es an meiner Haustür und ich flitze schnell nach unten. Als ich Aino sehe wundere ich mich warum ihr Strahlen nicht bis in den Hausflur geleuchtet hat. Wir umarmen uns und begrüßen uns mit einem Kuss auf den Mund.

"Wo gehen wir hin?", frage ich und sie sagt nichts. Das macht mich verrückt.

"Erstmal zur Straßenbahn und dann wirst du ja sehen wo wir aussteigen.", grinst sie und ich werde noch bekloppter im Kopf. "Emi, vertrau mir doch mal.", sagt sie schmollend und ich sehe sie mit hoch gezogenen Augenbrauen an. Sie weiß ganz genau dass ich ihr immer vertraue, aber bei dem Wort "Überraschung" aus ihrem Mund wird mir immer etwas anders zu Mute.

"Tomi hat mich heute wieder angerufen.", sage ich ziemlich gelassen und bin selber erstaunt. Aino sieht mich fragend an. "Ich hab nur gesagt dass er nicht mehr anrufen soll. Er soll endlich aufhören damit. Ich hab das schlechte Gewissen, das ihn plagen müsste.", sage ich traurig und sie sieht mich verständnisvoll an.

"Meine Überraschung kommt dir gerade recht wie ich merke.", sagt sie dann und plötzlich klingt das Wort doch gar nicht mehr so verkehrt.

Als wir aus der Straßenbahn aussteigen ist mir eigentlich schon klar wo wir jetzt hingehen.

"Was für eine Überraschung.", sage ich gelangweilt und Aino sieht mich enttäuscht an.

"Die Überraschung wartet ja drinnen. Aber nein, es kann ja nie toll genug sein für die Dame.", meckert sie rum und plustert sich dabei richtig doll auf.

"Das habe ich doch gar nicht SO gemeint!", wehre ich mich, doch sie macht weiter. "Aino, ist gut jetzt, ehrlich. Lass und reingehen und einen schönen Mädelsabend verbringen. Auf was anderes habe ich doch gerade auch gar keine Lust!", unterbreche ich sie und die Leute schauen uns an weil wir wohl lauter geworden sind als wir wollten.

"Mädelsabend?", fragt sie und ist plötzlich rot wie eine Tomate. "Daraus wird nix, Emi. Ich bin hier mit jemanden verabredet und er bringt jemanden mit, also einen Kumpel und ich bring dich mit." Ich werde wütend, richtig wütend. "Nicht sauer sein, bitte!"

"Bin ich aber!", schnaufe ich. "Scheiße, hat es nicht gereicht mit Tomi? Soll ich mich ins nächste Desaster stürzen? Vielleicht diesmal mit einem der 10 Jahre verheiratet ist und 5 Kinder hat?" Ich bin immernoch sauer, rede aber viel leiser als vorher. DAS musste nämlich nun wirklich keiner hören.

"Du bist echt dumm.", bekomme ich von meiner eigentlich besten Freundin an den Kopf geknallt. "Die beiden sind Single."

"Ja und meine Mama die Kaiserin von China.", platzt es aus mir raus.

"Bitte versau mir nicht mein Date. Du musst doch nix mit seinem Kumpel anfangen." Ich habe keine Worte mehr für sie. Ich bin einfach nur sprachlos und überlege hin und her ob ich nicht einfach nach Hause fahre und mir dort einen schönen Couch- Abend mache.

Aber nein. Ich lasse mir von Aino nicht den Abend versauen. Ich bin 25. Jung. Sexy. Und ich hasse es einfach nur auf der Couch zu sitzen. Es stellt sich auch ziemlich schnell raus, dass unsere Dates ja schon ganz niedlich sind. Aber sauer bin und bleib ich auf Aino. Sie hätte das hier nicht als Überraschung verpacken dürfen.

Smalltalk. Ich fühle mich gelangweilt und fange an mir bei der Bedienung etwas härtere Getränke zu bestellen, sonst halt ich das nicht mehr lange aus. Irgendwann merke ich dann nicht mehr viel und lache die ganze Zeit.

"Samu und Sami...", singe ich die ganze Zeit vor mich hin und kriege mich gar nicht mehr ein.

-2-

Am nächsten Morgen wache ich mit einem Kater auf, der sich gewaschen hat. Ich kann gar nicht klar denken so tut mir alles weh. Das einzige was ich gerade weiß, ist, dass ich Aino´s Date total versaut habe. Keine Ahnung ob ich mich gerade darüber freue oder nicht. Ich bin für solche Gefühle gerade nicht gemacht, das würde meinen Kopf zum Sprengen bringen. Es klingelt an der Haustür. Das bringt meinen Kopf zum Sprengen. Es fühlt sich an als würde er sich im gesamten Zimmer verteilen. Wie bin ich überhaupt hier her gekommen in meine Wohnung?

Ich stehe langsam auf und schleiche wie eine Oma zur Tür. An der Sprechanlage drücke ich einfach auf den Knopf. Wird schon niemand sein der böse zu mir ist. Und dann steht plötzlich Tomi vor mir. Mein Kater ist wie weg geblasen, mein Herz schlägt schneller und ich will einfach nur dass er wieder geht.

"Süße, ich muss mit dir reden.", sagt er und jetzt sehe ich dass er verweint aussieht. Ich sage nichts, zeige ihm mit einer knappen Geste dass er reinkommen soll. Er zieht seine Schuhe aus und dann gehen wir ins Wohnzimmer. Ich bin immernoch stumm. Ich sehe bestimmt auch ganz schrecklich aus, aber das scheint ihn nicht abzuschrecken. Leider.

"Was gibt es denn?", frage ich nach einer gefühlten Stunde, in der wir nur so da sitzen, er sieht mich an und ich die Wand gegenüber von mir.

"Ich kann das nicht mehr so. Ich will nicht mehr mit Hanna zusammen sein." Ich sehe immernoch zur Wand. Ich merke wie mir Tränen in die Augen steigen. Mal wieder vor Wut und weil mir Hanna leid tut.

"Das kannst du doch nicht einfach so beschließen. Und selbst wenn, dann ändert das nichts zwischen uns!" Mir entweicht eine Träne und ich wische sie sofort weg, erst danach sehe ich ihn an. "Du hast deine Frau betrogen, deine kleine Tochter dazu. Du hast für einen Abend komplett ausgeblendet dass es sie gibt. Du hast mich angelogen."
"Aber doch nur weil ich gemerkt habe dass du mehr für mich bist!"
"Wir waren total betrunken, da fühlt man komplett anders.", sage ich sauer.

"Aber jetzt fühle ich genau so und ich bin nicht betrunken!", widerspricht er mir.

"Tomi. Wer sagt mir dass du mich nicht mal so betrügst wie du Hanna betrogen hast? Irgendwann hättest du von mir auch genug!" Er schüttelt den Kopf. "Das kannst du gar nicht wissen ob es vielleicht irgendwann doch mal so ist!"

"Du kannst es aber auch nicht wissen!", sagt er und ich will einfach nur dass er geht.

"Das ist mir egal. Denn zwischen uns wird nichts mehr laufen. Das tut einfach schon so verdammt weh. Mir tut deine Dummheit weh, mir tut es weh wie du mit deiner Familie umgehst." Ich fange an, bitterlich zu weinen. "Ich weiß, dass ich keinen Fehler gemacht habe, aber trotzdem fühlt es sich so an und ich könnte kotzen!", schreie ich ihn an. Er sitzt reglos da und sagt auch nichts. "Ich hoffe dass du wenigstens den Arsch in der Hose hast und Hanna erzählst was passiert ist und was dir durch den Kopf geht." Er sieht mich traurig an. Das kann er sich sparen. "Und jetzt geh. Ich will dich nie wieder sehen!"

Er geht aus der Tür und ich weine nochmal von vorne laut los. Das schmerzt einfach so. Diese Erfahrung, die hätte ich mir gerne erspart. Und genau aus diesem Grund will ich so schnell kein Date mehr oder irgendwas anderes mit einem Mann zu tun haben.

Am Abend klingelt mein Telefon.

"Na, lebst du noch?", fragt Aino und sie hört sich nicht wirklich besser an als ich.

"Ja. Noch!", antworte ich monoton.

"Was ist los?", fragt sie besorgt. Ist sie gar nicht sauer wegen gestern?

"Erzähle ich dir wenn wir uns sehen. Und ich dachte du bringst mich um wegen gestern. Ich hab mich ganz schön daneben benommen. Jedenfalls das, was ich noch weiß." Sie lacht.

"Du warst ja erst wirklich lustig, aber dann als du in die Straßenbahn gekotzt hast und Samu auf seine teuren Nike- Schuhe. Das war dann weniger witzig und ich musste dich bis ins Bett bringen. Sami hatte mir noch geholfen dich nach oben in die Wohnung zu schleppen.", erzählt sie und ich kann mich wirklich nicht dran erinnern und mir ist das alles sehr peinlich.

"Du hast einen fremden Mann in meine Wohnung gelassen?", frage ich.

"Nein, er war nicht in deiner Wohnung und außerdem ist er nicht fremd. Ich bin früher mit ihm zur Schule gegangen. Wir waren immer auf der selben und unsere Eltern kennen sich auch und ein paar Jahre waren wir in der gleichen Klasse. Und jetzt haben wir halt wieder Kontakt." Ich schlage mir meine rechte Hand flach an die Stirn so dass es knallt. "Was war das?", fragt Aino erschrocken.

"Meine rechte Hand auf meiner Stirn." Sie sagt nichts. "Ich habe dir gestern ein echt tolles Treffen vermasselt, oder?", frage ich und mein schlechtes Gewissen findet man in meiner Stimmlage wieder.

"Ja, ein bisschen!", sagt sie leicht enttäuscht.

"Es tut mir total leid, wirklich. Ich war einfach so sauer, weil du..."
"Ja, es tut mir auch leid.", unterbricht sie mich. "Ich hab ehrlich gesagt als ich mich mit den beiden verabredet hab überhaupt nicht an die Sache mit Tomi gedacht." Bei dem Namen dreht mir sofort der Magen um. "Das war echt blöd. Ich mach das nie wieder!"

"Wollen wir uns nachher noch sehen?", frage ich und sie ist sofort einverstanden.

-3-

Um 20 Uhr stehe ich bei ihr vor der Tür und als sie mich in die Wohnung lässt sehe ich sofort wie sie schon wieder alles umgeräumt hat. Ich muss lachen und sie weiß auch sofort warum.

Wir setzen uns mit 2 Gläsern und einer Flasche Wein bei ihr auf ihren Kuschelteppich und hören tolle Musik. Nebenbei erzählen wir und zwischendurch bekommt sie einen Anruf von Sami und wird dabei ganz rot. Wie süß.

Als sie mal für kleine Mädchen muss schnappe ich mir ihr Handy und schaue nach ob sie auch die Nummer von Samu hat. Ja. Hat sie. Ich speichere sie sofort in mein Handy und schreibe eine SMS an ihn, was er für seine Schuhe bekommt. Als Reinigungskosten oder sonst was. Ich schreibe ihm dass es mir sehr unangenehm ist und meinen Namen drunter. Gerade als Aino wieder ins Zimmer kommt piept mein Handy und ich habe eine Antwort von ihm. Sie sieht mich neugierig an.

"Du wolltest mir was erzählen.", sagt sie und setzt sich wieder zu mir. Sie sieht mich erwartungsvoll an. Also lese ich die SMS nicht und erzähle ihr die Geschichte von Tomi, als er heute bei mir war. Komischerweise kann ich ihr alles, Wort für Wort, so erzählen wie es war. Was ich gesagt habe, was er gesagt hat. Das kommt nicht häufig bei mir vor.

Als wir ewig über dieses Thema geredet haben macht sie mich drauf aufmerksam, dass ich vorhin eine SMS bekommen habe. Ich nehme mir mein Handy und lese. Dann schnappe ich nach Luft und weiß nicht ob ich lachen oder heulen soll.

"Du blöde Kuh hast mich verarscht!", sage ich grinsend und Aino sieht mich mit großen Augen an. "Ich habe mir Samu´s Nummer aus deinem Handy abgeschrieben und hab ihn gefragt was er von mir bekommt weil ich ihm auf die Schuhe gekotzt hab!" Jetzt lachen wir beide. In Wirklichkeit habe ich nicht seine Schuhe getroffen. Aber schlimm genug dass ich in eine Straßenbahn gekotzt habe. Ich dachte immer sowas machen nur Teenager.

"Ich musste dir einfach eins reinwürgen, weil du mir so ein bisschen die Tour vermasselt hast!" Wir können gar nicht mehr aufhören zu lachen und ich bin froh dass ich hier bei ihr bin und dass ich eine so tolle beste Freundin habe wie sie!

Am Morgen danach wache ich lächelnd neben Aino in ihrem Bett auf. Sie ist schon wach und grinst mich breit an.

"Guten Morgen. Hast du auch so Lust auf baden gehen wie ich?" Für so eine Frage ist mein Gehirn gerade noch nicht hoch genug gefahren. Ich sehe sie überlegend an.

"Guten Morgen.", sage ich nur und drehe mich erstmal auf den Rücken.

"Die Sonne scheint so schön und ich habe Lust baden zu gehen!", quengelt sie wie ein kleines Kind.

"Okay, dann gehen wir baden.", sage ich genervt und sie hüpft aus dem Bett als wäre sie schon fertig angezogen und würde jeden Moment aus der Haustür stürzen um schwimmen gehen zu können. "Ich brauche aber noch Sachen von zu Hause!", stelle ich fest und sehe sie an.

"Dafür musst du aber erstmal aufstehen!", grinst sie und verlässt das Zimmer. So langsam wie es nur geht stehe ich auf. Freitag und Samstag Alkohol, nie wieder! Mein Körper verträgt das einfach nicht mehr so wie früher.

Als wir bei mir waren um Sachen zu holen fahren wir mit der Straßenbahn an unseren Lieblingsstrand. Ein paar Freunde von uns kommen auch, hat Aino alles so eingefädelt. Ist auch mal ganz gut andere Leute um mich zu haben als immer nur sie.

"Kommt Sami auch?", frage ich und sie wird gleich wieder rot.

"Ich weiß nicht. Ich hab ihm auch eine SMS geschickt, aber es kam keine Antwort.", sagt sie total traurig.

"Kann doch sein dass er trotzdem zum Strand kommt. So als ÜBERRASCHUNG!", grinse ich und piekse ihr in die Seite. Sie lächelt und dann steigen wir aus weil wir da sind.

Aleksi und Lenni, meine beiden Lieblingskumpels sind schon da. Wir begrüßen uns herzlich und quatschen gleich los was im Moment so passiert ist.

"Wir haben euch am Freitag gesehen. Ward ihr mal wieder in eurer Stammbar?", grinst Aleksi und ich nicke. "Da seid ihr ja so selten.", sagt er ironisch und wir müssen lachen.

"So langsam sollten wir uns eine neue suchen, ihr Stalker." Aino lacht auch.

"Kommt jemand mit ins Wasser?", frage ich und Aino, die sich gerade hingesetzt hat, sieht mich ganz verwundert an, weil ich plötzlich so heiß darauf bin schwimmen zu gehen. Lenni steht auf und kommt mit mir mit. Eine gute Gelegenheit nachzufragen was nun mit ihm und seiner Freundin ist. Ich bin zwar schon neugierig, aber wenn mir jemand was erzählt sage ich es nicht weiter. Und ich gebe gerne Ratschläge.

"Sara ist schwanger!", lächelt er nachdem er mir von dem ganzen Streit erzählt hat.

"Nein!" Ich sehe ihn völlig erstaunt an. Die beiden haben sich das schon ewig gewünscht und irgendwie hat es nie geklappt und ich freue mich so sehr für die beiden.

"Doch. Und jetzt ist plötzlich dieser ganze Druck weg. Diese Last. Und wir freuen uns so sehr auf das Baby und jetzt streiten wir uns auch nicht mehr."

"Herzlichen Glückwunsch!", so gut wie es geht umarme ich ihn, immerhin sind wir schon ziemlich weit raus geschwommen und es ist verdammt tief hier. "Das ist ja der absolute Wahnsinn!", sage ich als wir weiterschwimmen und mir rinnen nur so die Tränen über die Wangen. Aber er bekommt es nicht mit.

-4-

"Hast du Hunger?", fragt Aino als ich gerade aus dem Wasser komme. Ich nicke und wir gehen zu einem kleinen Imbiss. Ich hole mir ein Eis. Das brauche ich jetzt einfach. Es ist heiß und ich habe Lust auf Frustessen.

"Hallo ihr beiden!" Ich kann es kaum glauben wer da vor uns steht als wir wieder zurück zu unserem Platz gehen. Die beiden von Freitagabend. Wir begrüßen uns mit Umarmungen und von Samu bekomme ich links und rechts ein Küsschen auf die Wange. Hui.

"Schön dass ihr auch hier seid.", strahle ich und Aino sieht so aus als würde sie sich unwohl fühlen. Die beiden breiten ihre Handtücher aus und sie lassen auch die Hüllen fallen bis sie beide nur noch in Bade- Boxershorts vor uns stehen. Meine beste Freundin guckt lieber erst gar nicht hin, ich kann meine Augen nicht mehr von denen lassen. Ich muss innerlich über mich selber lachen. Ich bekomme gerade richtig heftige Sommergefühle. Samu legt sich neben mich, ich liege auf dem Rücken und er legt sich auf den Bauch. Dann kramt er in seiner Tasche von Adidas rum, die er hundert pro in der Frauenabteilung gekauft hat und holt Sonnencreme raus.

"Cremst du mir den Rücken ein?", fragt er dann und erst als ich ihn ansehe merke ich, dass er mich das gefragt hat. Ich muss mir das Lachen sehr doll verkneifen. Was ist er denn für ne Lady?

"Aber klar doch!", grinse ich. Egal was für eine Lady er ist, es ist eine gute Gelegenheit seinen echt schön trainierten Körper anzufassen. Ich verteile die Creme in meinen Händen und dann schmiere ich sie liebevoll auf seinen Rücken. Verbunden mit ein paar Massagegriffen. "Du bist verspannt.", stelle ich fest als ich an seinem Nacken bin.

"Woher weißt du das?", fragt er.

"Ich bin Masseurin!", lache ich.

"Wirklich?"

"Ja. Warum sollte ich dich anlügen?"

"Ich weiß nicht, du machst das verdammt gut." Seine Stimme ist schon ein halbes Schnurren und ich fühle mich noch besser als so schon.

"Emi geht gleich wieder richtig ran.", lacht Aleksi und ich werfe ihm böse Blicke zu. Solche Kommentare können sie sich dann auch sparen.

"Ich habe böse Verspannungen gefunden, ich mache nur meinen Job!", gebe ich ernst zurück, streiche nochmal über Samu´s Rücken und lege mich dann wieder neben ihn, diesmal auch auf den Bauch.

"Nein. Du darfst nicht aufhören.", nuschelt er mit geschlossenen Augen und ich mustere ganz genau sein Gesicht. Irgendwie schön. Aber total dumm dass ich meine Augen gar nicht mehr loskriege von ihm. "Mach bitte weiter." Er öffnet langsam die Augen und ich könnte nochmals dahin schmelzen. Erst dieser Körper, dann dieses Gesicht, dazu jetzt auch noch wunderschöne blaue Augen und diese Hitze macht das ganze nicht besser.

"Meine Hände brauchen auch mal Pause.", meine ich und drehe mich auf den Rücken rum. Da hat er jetzt mal was zu gucken.

"Wo arbeitest du?", fragt er interessiert und das macht mir schon wieder panische Angst. Aber trotzdem antworte ich ihm brav wo ich arbeite und wir kommen ins Gespräch. In ein sehr nettes und lustiges, unter anderem erkläre ich ihm auch meine SMS und was passiert war. Ich bin so sehr vertieft darin dass mich Aleksi drauf aufmerksam machen muss dass Aino vor einer Stunde gegangen ist.

"Oh. Ich rufe sie mal kurz an.", meine ich, stehe auf und gehe ein Stückchen von den anderen weg. Sami ist noch da, ich hatte gehofft, dass er zusammen mit ihr gegangen ist. Dann wäre mein schlechtes Gewissen nicht so groß wie es jetzt ist. Scheiße.

Da sie auch nach dem dritten mal nicht rangeht gehe ich zu den anderen zurück und bin sehr bedrückt. Ich habe keine Ahnung ob es Sinn macht jetzt zu ihr zu fahren. Vielleicht ist sie gar nicht da. Aber mich hier mit den Jungs zu vergnügen kann ich auch nicht. Ich mach mir halt so meine Gedanken.

"Hat sie irgendwas gesagt?", frage ich an alle gerichtet und ziehe mir etwas über. Irgendwie hat es sich leicht abgekühlt.

"Sie meinte nur sie muss jetzt gehen, weil sie noch was wichtiges zu erledigen hat!", meint Sami und ich kenne diese Aussage von Aino. Wenn sie sauer, wütend, enttäuscht oder sonst was ist dann sagt sie das und macht sich aus dem Staub.

"Okay, danke." Ich fange an meine Sachen zu packen.

"Willst du jetzt los?", fragt mich Samu leise und ich nicke. "Schade."

"Tut mir leid, aber wir sehen uns bestimmt bald wieder."

"Naja, mal sehen. Wir haben im Moment ziemlich viel zu tun.", meint er und jetzt fällt mir auf dass er gar nicht erzählt hat was er so macht. Er wollte viel über mich wissen, aber ich weiß nicht mal was er beruflich macht.

"Womit hast du viel zu tun?", frage ich.

"Wir haben gerade unsere erste Single rausgebracht und die müssen wir jetzt überall promoten und dann auch in andere Länder reisen nach und nach." Ich sehe ihn ungläubig an.

"Wie heißt ihr als Band?"

"Sunrise Avenue!", meint er und ich falle fast um. Ich fange an das Lied zu singen was ich immer im Radio höre. Er nickt und grinst. "Wir hätten das mit dir zusammen aufnehmen müssen.", lächelt er und ich fühle mich geschmeichelt.

"Oh nein, glaub mir, das klingt so tausend mal besser. Ich mag das sehr. Und du bist der Sänger?" Wieder ein Nicken. "Wenn ihr ein Konzert spielt, ich bin dabei!", verspreche ich ihm und dann verabschieden wir uns auch wenig später voneinander an der Straßenbahn. Ich habe ein so breites Grinsen auf den Lippen, die gehen dadurch über die Ohren hinaus habe ich das Gefühl.

Nichts desto Trotz mache ich mich auf den Weg zu Aino, an ihr Handy geht sie immernoch nicht und ich wette das hat was mit meinem Namen zu tun. Ich klingele bei ihr an der Tür und ein zaghaftes "ja!?" ist zu hören.

"Emi hier. Mach mal bitte auf."

"Auf gar keinen Fall!", sagt sie sauer.

"Was habe ich denn jetzt schon wieder gemacht?", frage ich und hab echt keine Ahnung auf was sie schon wieder so sauer ist.

"Das fragst du noch?"
"Ja, weil ich nicht weiß was los ist und ich habe keine Lust hier mit so einer blöden Sprechanlage zu reden. Wenn wir das nicht unter vier Augen klären können dann kannst du mich mal!" Ich werde immer lauter, aber es ist mir egal. Jedes mal bin ich die Blöde.

"Du kannst mich sowieso mal. Schnapp dir doch gleich noch Sami dazu. Würde doch einen perfekten Dreier ergeben. Aber du checkst es nicht mal wie er dich ansieht und wie er dich mit seinen Blicken auffrisst!", schreit sie in ihren Hörer dass es bei mir unten sehr undeutlich ankommt. Ich bin sprachlos, kann es nicht glauben was sie mir da an den Kopf wirft. Ich überlege hin und her richtig böse und ausfallend zu werden.

"Auf so ein Niveau hab ich keinen Bock. Kannst dich ja melden wenn du wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet bist!" Dann drehe ich mich um und mache mich auf den Weg nach Hause, der ja von ihr aus nicht sehr weit ist.

Das einzige tröstende an diesem Abend ist die liebe SMS die mir Samu geschickt hat. Er hofft auf ein baldiges Wiedersehen und wird alles dafür tun dass es nicht mehr so lange hin ist. Nur wegen dieser SMS schlafe ich nicht mit Tränen auf meinen Wangen ein.

-5-

Guten Morgen grauer blöder Arbeitsalltag! Dieses Wochenende hat mich völlig aus der Bahn geworfen. Aber arbeiten muss ich, da bleibt mir keine andere Wahl.

Und zum Glück ist es heute sehr ruhig. Viele reisen heute an im Hotel oder ab und da ist nie sehr viel los. Und gerade habe ich Mittagspause und stehe draußen auf der Terasse um etwas frische Luft zu schnappen und mein Brötchen zu verdrücken.

"Hallo, da bist du ja!" Ich drehe mich erschrocken rum und Samu steht vor mir.

"Hallo. Was machst du denn hier?", frage ich freudestrahlend und wir umarmen uns lange.

"Dich besuchen!", grinst er. "Wir haben gerade Pause. Wir proben immer gleich hier drüben." Ich muss lachen.

"Zufälle gibts!"

"Ja. Hast du Zeit?", fragt er und schmunzelt dabei.

"Wofür?"

"Na zum Massieren!", grinst er. "Ich dachte das ist dein Beruf!" Ich nicke.

"Aber ich hab noch Mittagspause.", sage ich und strecke ihm die Zunge raus.

"Okay, dann rauche ich noch eine und lass dich in Ruhe."

"Nein Quatsch, bleib hier.", sage ich als er gerade weggehen will und ziehe ihn wieder leicht zurück am Oberarm. Kurz treffen sich unsere Blicke und mein Herz schlägt mir in diesem Moment einfach zu schnell. "Wo hast du denn Schmerzen?", frage ich ihn.

"Überall!", sagt er und scheint das echt ernst zu meinen. "Hey, ich bin 30. Ein alter Mann." Ich lache.

"Guter Witz!", meine ich und muss immernoch lachen.

"Okay, ein alter Mann bin ich nicht, aber 30." Ich sehe ihn mit großen Augen an. Das kann doch jetzt nicht sein Ernst sein, dass er 30 ist.

"Du siehst absolut nicht aus wie 30. Viel jünger. Also nicht wie ein Junge oder so. Du bist schon sehr männlich und so, aber 30, nein, das hätte ich niemals gedacht.", staune ich vor mich hin und merke jetzt erst was ich da grad gesagt habe. Ich rede mich um Kopf und Kragen. "Lass uns reingehen!", meine ich als er nichts sagt und dann suche ich uns einen Entspannungsraum der frei ist. Dann erzähle ich ihm was ich so für Massagen mache, was sie kosten, wie lange sie gehen und dass wir keine Erotikmassagen machen. Er grinst dabei kurz, aber ich meine das ernst. Er ist jetzt nun mal mein Kunde in diesem Moment und nichts weiter.

Nach einer Stunde verabschieden wir uns voneinander und er erzählt mir dass sie heute Abend nach Deutschland fliegen. Beide sind wir irgendwie bedrückt als wir uns nochmal in die Arme nehmen. Ich habe das Gefühl dass wir beide nicht loslassen wollen, aber wir schaffen es doch irgendwie.

Als ich endlich zu Hause bin kreisen meine Gedanken immernoch um diesen Moment als wir uns umarmt haben. Wir kennen uns kaum und es fühlt sich so gut an, so richtig, wenn er in meiner Nähe ist. Wir können reden, lachen und es fasziniert mich einfach. Seine Art, wie er redet, wie er sich bewegt. Ich finde es selbst wunderschön wie er raucht und das ist ziemlich krank, weil ich Rauchen überhaupt nicht mag. Ich kann an nichts anderes denken und werde es auch gar nicht versuchen, damit würde ich alles nur noch schlimmer machen.

Mitten in der Nacht werde ich wach von einem kurzen Piep. Ich habe eine SMS bekommen.

>Wir sind gut gelandet, sehr müde, aber wir können gleich schlafen. Gute Nacht.<

Na super. Ab jetzt ist die Nacht vorbei. Wieder schlägt mein Herz schneller und ich kann das alles nicht glauben. Ich frage mich was daraus wird.

Die ganze Woche vergeht eher schleppend. Da ich Samstag und Sonntag auch arbeiten muss komme ich gar nicht dazu mich mal bei Aino zu melden. Obwohl ich mich auch frage ob ich das wirklich tun muss. Es ist ja nicht das erste mal dass sie so austickt weil ich mich mit einem Mann unterhalte. Sie ist in dieser Beziehung halt ganz anders als ich. Sie verliebt sich gleich in jeden und oft auch in welche, die halt nur das eine wollen und mehr nicht. Ich finde sowas ja schon toll. Ich habe halt gerne Sex. Es ist eine wunderbare Sache und ich mache es weil es mir Spaß macht, ich bekomme dafür kein Geld. Das würde ich auch nie machen. Ich habe Phasen da habe ich jedes Wochenende ein One Night Stand und es gibt Monate wo ich einfach auf gar nichts sexuelles Lust habe. Und sie sieht das alles, in meinen Augen, zu streng. Sie ist immer zugeknöpft von oben bis unten, obwohl sie sich ganz anders kleiden könnte, aber das habe ich ihr schon zu oft gesagt und jedes mal meinte sie, sie sei einfach nicht die richtige Frau für diese Kleidung.

Mit Samu hatte ich die ganze Woche über SMS Kontakt. Egal wie sehr sie dort im Stress waren, er hat immer wieder die Zeit gefunden mir zu schreiben. Ich weiß gar nicht wie ich darüber denken soll. Er muss doch durch die Band so viele Leute kennen lernen und warum schreibt er ausgerechnet mir? Ich bin glücklich darüber, keine Frage. Aber auch misstrauisch und mir geht die Frage nicht aus dem Kopf warum er das macht, warum er mir täglich schreibt, mich jeden Tag fragt wie es mir geht und überhaupt. Diese ganze Situation überfordert mich leicht.

-6-

Einen Monat nach unserem letzten "Treffen", dort wo er bei mir auf der Arbeit war sehen wir uns heute wieder. Ich freue mich wie ein kleines Kind. Er hat sicherlich viel zu erzählen. Wir haben mittlerweile oft telefoniert, aber da hat er nicht so viel erzählt. Um so gespannter bin ich jetzt. Sie sind zwar seit 2 Wochen wieder in Finnland, aber nicht in Helsinki. Sie touren durch ganz Finnland und heute Abend spielen sie in Helsinki. Ich freue mich sie live zu sehen und ich denke dass ich heute Abend auf Aino treffen werde. Falls sie überhaupt noch Kontakt hat zu Sami. Wer weiß, vielleicht ist sie auf ihn genau so sauer wie auf mich. Total grundlos.

Ich stehe vor dem Spiegel und begutachte mich nochmal. Jeans, ein schwarzes Oberteil und Pferdeschwanz. Sieht ziemlich neutral aus, aber für heute ist es ausreichend und ich fühle mich wohl wenn ich dort jetzt so hingehe. Ich bin nervös, das stört mich. Ich will locker sein, nicht so verkrampft wie es Aino immer ist.

Als ich an der Halle ankomme geht es mir schon etwas besser, mir war teilweise richtig schlecht in der Straßenbahn. Ich habe so etwas immer zusammen mit meiner besten Freundin erlebt und jetzt bin ich hier alleine. Das fühlt sich sehr komisch an. Aber nicht falsch. Ich freue mich auf das Konzert.

Samu hatte mir gesagt wo ich warten soll. Dort stehe ich nun und schaue jede 10 Sekunden auf mein Handy. Dann geht die Notausgangs- Tür auf und ich husche schnell rein. Er grinst mich an wie ein Honigkuchenpferd und dann umarmen wir uns erstmal. Wir scheinen hier alleine zu sein.

"Es ist schön dich zu sehen!", sagt er leise und die Art wie er es sagt hinterlässt eine angenehme Gänsehaut auf meinem Rücken. Und wieder lässt er mich so schnell nicht los.

"Danke dass ich hier sein darf.", lächele ich ihn an als er mich doch irgendwann loslässt.

"Danke dass du her gekommen bist!" So schnell kann ich gar nicht gucken, wie er mir einen Knutscher auf die Wange verpasst und ich habe das Gefühl, ich werde rot wie ein kleines Mädchen, das eben ihren ersten Kuss bekam.

Ab diesem Moment fehlen mir die Worte, wir sind mittlerweile bei den anderen die gerade essen. Jede Frage die mir gestellt wird beantworte ich kurz und knapp und doch verspreche ich mich ständig dabei. Ich kenne die anderen Jungs, außer Sami, ja noch gar nicht, das muss ja echt einen tollen Eindruck machen.

"Wie geht es Aino?", fragt Sami.

"Weiß ich nicht. Habt ihr keinen Kontakt?"

"Nein, aber ihr anscheinend auch nicht.", sagt er verwundert. "Ich hatte sie angerufen und ihr auch ein paar SMS geschrieben dass ich mir Sorgen mache, aber es kam nichts zurück. Seitdem sie einfach so am Strand gegangen ist." Ich zucke mit den Schultern.

"Ich war danach bei ihr, wir haben uns ziemlich heftig gestritten und ich weiß nicht mal warum!", sage ich traurig und Samu streicht mir kurz über den Rücken. Er macht mich völlig verrückt.

Beim Konzert stelle ich mich hinten hin. Ich kann nicht sehr viel sehen, aber ich will sie ja hören. Und das was ich da höre hört sich alles so verdammt gut an und ich will mehr. Immer mehr. Bei manchen Liedern erzählt Samu wie sie entstanden sind und ich finde dass er total gefühlvoll ist. Diese Texte, wie er von den Liedern erzählt, wie er sie singt.

Und es ist erstaunlich wie viele Fans die Jungs schon haben und was sie nicht alles so erzählen und wie gut sie informiert sind. Jedenfalls bestätigen sie, dass er wirklich schon 30 ist.

Nach der Show hole ich mir an der Bar eine eiskalte Cola, mir ist wirklich sehr warm geworden beim Tanzen und Klatschen und auch Mitsingen, na gut, ein Lied, aber da kommt man auch ins Schwitzen. Ich gucke zu wie die Fans alle langsam die Halle verlassen und überlege was ich jetzt mache. Am besten bleibe ich erstmal hier.

Nach einer halben Ewigkeit kommt Sami zu mir mit einer Flasche Bier in der Hand.

"Kannst du mich zu Aino bringen?", fragt er und ich sehe ihn verwirrt an. "Ich muss mit ihr reden, ich halte das nicht mehr aus." Ich verstehe nur Bahnhof. "Ich bin seitdem ich denken kann in sie verliebt und sie will das einfach nicht verstehen oder was auch immer." Ich muss lachen.

"Aino musst du es ins Gesicht schreien, sonst versteht sie das nicht. Sie ist da so ein bisschen wie ihr Männer!", grinse ich und er sieht mich beleidigt an. "Ist doch so!"

"Ja ja.", sagt er eingeschnappt. "Aber würdest du das machen?" Ich nicke. Er guckt mich so lieb an, da kann ich gar nicht nein sagen. "Aber nicht sofort, ein bisschen Zeit haben wir noch. Die anderen sind draußen bei den Fans, ein bisschen plaudern, geh doch schon mal nach hinten, da kannst du es dir ein bisschen gemütlich machen!" Mit diesem Pass um meinen Hals kann ich hier echt überall hin gehen. Also mache ich das und setze mich im Backstage- Bereich auf eine Couch die echt gemütlich ist. Ich darf nur nicht einschlafen.

"Hey schöne Frau!" Ich schrecke zusammen.

"Scheiße, bin ich doch eingeschlafen!", stelle ich sauer fest und sehe dann wie die Jungs um mich rum lachen, dann gehen sie weiter, außer einer bleibt neben mir sitzen.

"Das ist nicht scheiße.", grinst er und ich pieke ihm in die Seite. "Ich würde auch gerne schlafen!", meint er und macht die Augen zu und dazu ein Schnarchgeräusch.

"Wenn du wirklich so schnarchst, dann möchte ich niemals neben dir liegen!", stelle ich ernst fest und er sieht mich so komisch an dass ich lachen muss. Und dann fängt er an mich abzukitzeln und das ist so fies. "Du bist viel stärker als ich, das ist unfair!" Ich kann gar nicht so schnell gucken wie er mich in die Horizontale gebracht hat und dadurch noch mehr Kraft hat.

"Unfair?", fragt er und hört kurz auf. "Unfair ist deine Schönheit!", lächelt er und macht dann weiter, aber komischerweise bin ich plötzlich stärker und rolle mich von der Couch und so hat er keine Chance mehr. Ich stehe schnell auf und sehe ihn fragend an. Was hat er da gerade gesagt?

"Sami will, dass ich ihn nachher zu Aino bringe.", sage ich schnell um nicht mehr an diesen Satz denken zu müssen. "Ich denke dass wir auch bald losmüssen, sonst ist sie nicht mehr wach oder so!" Und mal wieder rede ich mich um Kopf und Kragen bei diesem Mann. Irgendwas läuft hier falsch, Emi. Ich weiß nur noch nicht genau was.

Wie gut dass Sami sich gerade zu uns gesellt und der Meinung ist dass er jetzt loswill. Erleichtert atme ich leise aus.

"Ich kann doch auch mitkommen.", meint Samu voller Begeisterung und ich weiß gar nicht was ich sagen soll.

"Warum?", frage ich also und er zuckt mit den Schultern.

"Ich will nicht dass du alleine durch die Nacht fahren oder laufen musst."

"Aber ich wohne nicht weit weg von Aino. Und bis zu Aino hab ich ja Sami bei mir." Jetzt sieht er richtig beleidigt aus. "Aber hey, wenn du unbedingt möchtest, dann komm mit. Dann hab ich zwei starke Männer an meiner Seite!", lächele ich und schon kann auch er wieder lächeln. Da hat wohl jemand seine Tage oder so.

Wir sitzen in der Straßenbahn und keiner sagt etwas. Richtig spannend. Ich könnte einschlafen, aber da ich ja sagen muss wo es langgeht und erstmal wo wir aussteigen müssen kann ich das jetzt schlecht bringen. Als wäre es nicht alles schon verrückt genug, dass ich hier mit zwei "Stars" sitze und Straßenbahn fahre, um den einen zu meiner besten Freundin zu bringen, dass er ihr endlich mal sagen kann, dass er in sie verliebt ist.

Als wir vor ihrer Haustür stehen, bleiben Samu und ich ein Stück weg von der Haustür. Dann hören und sehen wir wie Aino ihn ins Haus reinlässt.

"Und was machen wir jetzt?", fragt Samu.

"Erstmal warten!", sage ich etwas genervt.

"Was ist denn plötzlich los?" Das war so klar dass diese Frage jetzt kommt. Ich überlege was ich jetzt sagen soll und was ich lieber nicht sagen sollte. "Kannst du nicht damit umgehen wenn man etwas nettes zu dir sagt?" Es wundert mich dass er so ruhig bleibt. Er klingt nicht mal sauer oder so.

"Doch, schon. Aber das war so plötzlich.", stottere ich rum.

"Okay, dann werde ich dich das nächste Mal vorwarnen und so etwas ankündigen!" Er dreht sich leicht von mir weg und macht sich eine Zigarette an. Wieder bin ich fasziniert von dem was er macht, jede Bewegung, ich sauge alles in mich auf wie ein Staubsauger.

"Tut mir leid, das war nicht so gemeint.", sage ich nach einer ganzen Weile. Er nimmt noch einen Zug von seiner Kippe und schnippt sie dann weg.

"Ist schon okay.", lächelt er. Dann kommt er immer und immer näher und legt seine verdammt starken und muskulösen Arme um mich. Ich kann mich einfach nicht dagegen wehren. Ich war noch nie so schwach, wirklich noch nie. Ich habe mich immer gegen so etwas gewehrt. Nie habe ich das zugelassen und jetzt ist plötzlich alles anders und ich verstehe die Welt nicht mehr. Unsere Umarmung hält an, wir schweigen und diesmal wird sie so lange dauern wie sie dauert. Diesmal gibt es keinen Grund, dass wir uns loslassen und wir scheinen beide auch gar nicht dran zu denken. Aber was bringt uns das ganze hier? Tausend Fragen und Gedanken in meinem Kopf und nichts davon möchte oder kann ich aussprechen.

 

"Langsam wird mir kalt.", sage ich leise und löse mich aus der Umarmung. "Lass uns gehen.", meine ich und lächele ihn freundlich an.

"Wohin?" Eine berechtigte Frage würde ich mal sagen.

"Das wirst du schon sehen!" Ich zwinkere ihm zu und wir gehen los. Er nimmt ganz sanft meine Hand, sieht mich von der Seite an wie ich reagiere. Ich sehe ihn an und lächele. Dann drückt er sie etwas fester und ich fühle mich plötzlich wieder wie 15. Zehn Jahre zurück gesetzt.

Ich lasse seine Hand los um in meiner Tasche nach meinem Schlüssel zu suchen.

"Scheiß Handtasche!", schimpfe ich und knalle sie auf den Boden um so nach dem Schlüssel zu suchen. Das Licht der Laterne hilft mir ein bisschen.

"Du hast eine typische Frauen- Handtasche.", lacht Samu. Ich sehe ihn böse an. "Aber sag mal, du wohnst hier?" Ich nicke, immernoch suchend. "Ich wohne eine Straße weiter." Ich sehe ihn ungläubig an. "Doch wirklich.", lacht er und ich habe plötzlich meine Schlüssel in der Hand.

"Na dann gute Nacht, bis dann!", meine ich und gehe an ihm vorbei zur Haustür.

"Was?" Ich drehe mich zu ihm um. "Ist das jetzt dein Ernst?" Ich nicke und jetzt merke ich wie er sauer wird. "Was bildest du dir eigentlich ein?"

"Das frage ich dich!"

"Ich dachte wir können uns eine schöne Nacht machen, reden, Tee trinken, oder Kaffee, lachen..."

"Und rumvögeln?", frage ich sauer.

"Was? Spinnst du?" Ich weiß selber nicht was ich da gerade gesagt habe, überhaupt, ich bin völlig verwirrt. Bei jedem anderen hätte ich doch nicht einfach gute Nacht und bis dann gesagt. Jeden anderen hätte ich mit hoch genommen und... "Emi, was ist denn los?" Samu steht vor mir und sieht mich traurig an. Er ist enttäuscht von mir. "Wir kennen uns noch nicht lange, ja. Aber es war immer toll dich in meiner Nähe zu haben. Selbst als du in die Straßenbahn gekotzt hast." Wir müssen beide kurz lachen. "Und als wir in Deutschland waren, ich habe das richtig vermisst. Ich wusste einfach, dass du nicht in der selben Stadt bist wie ich. Ich mag dich einfach sehr." Mir steigen Tränen in die Augen.

"Danke. Ich mag dich auch sehr. Und jetzt komm mit hoch, ich erfrier hier gleich vor lauter Müdigkeit.", labere ich vor mich hin und es bringt ihn zum Lachen.

Oben in der Wohnung zeige ich ihm alles und mache uns dann einen Tee. Eine ganze Weile sitzen wir auf der Couch und reden und lachen über jeden möglichen Scheiß. Wir sind völlig übermüdet und das macht sich immer mehr bemerkbar. Aber ihn hier bei mir zu haben ist gerade so ein Gefühl das ich nicht kenne. Aber ich lerne es gerade kennen und es macht mich unglaublich glücklich.

-7-

"Scheiße, ich spüre meine Beine nicht mehr!" Verschlafen blinzele ich und erkenne dass ich in meinem Wohnzimmer bin. Aber was war das eben für eine Stimme? Höre ich plötzlich Stimmen? Ich sehe zwei Beine die nicht mir gehören, sie gucken unter einer Decke hervor. Ich drehe mich langsam um. "Aua, verdammt, meine Hand!" Dann sehe ich in Samu´s schmerzverzogenes Gesicht.

"Guten Morgen. Tut mir leid!" Ich sehe ihn entschuldigend an. "Warum hast du mich nicht geweckt?", frage ich und er antwortet nicht. Warum liege ich halb auf ihm drauf? Ich wette ihm tut noch mehr weh, so verschlungen wie wir hier auf der Couch liegen.

"Ich wollte dich einfach nicht wecken, du sahst so süß aus." Ich lächele ihn verlegen an.

"Aber deine Beine!", meine ich. "Die brauchst du doch noch." Er zuckt mit den Schultern. Ich lege meinen Kopf auf seinem Oberkörper ab und er legt seine Arme fest um mich. "Ich bin dafür dass wir den Tag heute so verbringen!", säusele ich völlig verträumt vor mich hin und frage mich im nächsten Moment woher die Worte kommen und auch woher dieser Wunsch kommt hier einfach so mit ihm liegen zu bleiben. Er schweigt und ich merke dass er seine Nase in meinen Haaren vergräbt.

"Wäscht du deine Haare mit Kokosmilch?" Ich fange an zu lachen und kriege mich gar nicht mehr ein. "Deine Haare riechen total danach und ich liebe diesen Geruch.", schwärmt er und ich muss immer noch grinsen.

"In dem Shampoo is irgendwas mit Kokos, ja."

"Darf ich das auch mal benutzen?", fragt er dann und ich bekomme den nächsten Lachanfall. Ich nicke aber trotzdem.

"Was hast du denn aber davon? Du kannst doch nicht an deinen Haaren riechen, dafür sind sie dann doch wieder zu kurz." Ich drehe mich kurz zu ihm um und er überlegt. "Du bist ein Spinner." Ich strecke ihm kurz die Zunge raus und drehe mich dann wieder um. Seine Arme die er um mich gelegt hat betrachte ich genau und fange an sie zu streicheln. Ich merke wie Samu meinen Hinterkopf küsst und schließe meine Augen. Möge dieser Traum nicht so schnell zu Ende sein.

Ich höre einen Magen knurren.

"Oh, du hast Hunger!", stelle ich erschrocken fest. Ich weiß nicht wie lange wir hier jetzt liegen und ich habe auch keine Ahnung wie spät es ist, aber so lange er hier bei mir ist haben wir noch nichts gegessen.

"Ein bisschen!", sagt er leise, murmelnd. Ich glaube ich habe ihn geweckt. Ich bewege mich langsam und löse mich aus seiner Umarmung, die man eigentlich Umklammerung nennen kann, als würde er mich festhalten wollen, so dass ich nicht runter falle. Hm, so schmal und hoch ist meine Couch dann doch wieder nicht.

"Ich mach uns was zu Essen!", sage ich begeistert und er sieht mich nur komisch an. "Was?", frage ich deshalb.

"Ich will doch gar nichts essen."

"Aber dein Magen. Und ich will nicht dass deine Mama irgendwann mit mir schimpft wenn ich sie kennen lerne, dass ich ihrem Sohn nix zu essen gegeben habe.", scherze ich rum und bemerke erst etwas später, dass ihm das jetzt nicht so gepasst hat, was ich da gesagt habe. Ich warte darauf dass er etwas sagt, aber da nichts kommt verlasse ich das Wohnzimmer und gehe in die Küche. Ich habe das Gefühl ich strahle die ganze Zeit vor mich hin, weil ich einfach so glücklich bin. "Samuuuu!", rufe ich und nach einer halben Ewigkeit kommt ein blonder Wuschelkopf in meine Küche. Ich muss lachen. "Ich hab nur Milchreis da!", sage ich geknickt und jetzt lacht er.

"Milchreis ist toll. Hab ich lange nicht mehr gegessen!", sagt er grinsend und lehnt sich an den Türrahmen.

"Okay Wuschelkopf, dann gibt es Milchreis." Das mit dem Wuschelkopf ist mir so rausgerutscht. Ich gehe ein paar Schritte näher zu ihm und wuschel ganz schnell über seinen Kopf nur um danach schnell wieder wegzuhüpfen um mich dem Milchreis zuzuwenden.

"Ich bin kein Wuschelkopf." Beleidigt steht er da und zieht einen Flunsch wie es sonst Dreijährige machen. Ich lache wieder. Dann schalte ich das Radio an und da gerade ein tolles Lied kommt tanze ich dazu und ich sehe ganz genau wie er mich dabei beobachtet, also lasse ich meine Hüften kreisen und benutze den Kochlöffel als Mikrofon. "Kann ich duschen gehen?" Na Danke. Ich nicke und als er schon auf dem Weg ins Bad ist fällt mir ein dass ich ihm ja alles zeigen und geben muss, also Handtuch und so. Ich husche ihm schnell hinterher und hui, er hat sich schon das Shirt ausgezogen und hält mir jetzt einen meiner BH´s vors Gesicht, den hab ich da wohl liegen lassen. "Sexy.", grinst er. Ich reiße ihm den BH aus der Hand und hole ihm ein Badehandtuch aus dem Schrank. "Danke.", meint er nach einer Weile, da ich gar nicht gemerkt hab, dass er mir das Handtuch schon aus der Hand genommen hat und ich dastehe als würde ich auf etwas warten. Ich meine, er könnte sich jetzt gern hier vor mir ausziehen und... Halt, Emi. Stopp.

"Scheiße, der Milchreis!", fällt mir plötzlich ein und ich renne quietschend in die Küche. Unten ist er verbrannt. Ich kippe das was noch zu retten ist in einen anderen Kochtopf und ärgere mich total über mich selber. Ich blöder und dummer Tollpatsch!

Ich setze mich an meinen Esstisch mit dem Blick zum Fenster und träume vor mich hin. Die Sonne ist gerade dabei unter zu gehen. Schon so spät? Ich frage mich wie lange er noch hierbleibt. Ich hoffe noch lange. Aber ich glaube die Realität sieht anders aus.

"Naaa?" Zwei starke Arme legen sich von hinten um mich und ich rieche mein Duschgel. Dann bekomme ich ein paar Wasserspritzer ab da der Herr der Meinung ist seine nassen Haare über mir schütteln zu müssen. Und dann rieche ich auch zum ersten Mal diesen Kokos- Duft.

"Hm. Du riechst gut." Ich schließe kurz meine Augen. Dieser Moment ist wieder so einer den ich aufbewahren will. Den ich mir immer vorgestellt habe und nie war er so da wie jetzt. Nach dem Duschen sind sie immer gegangen. Ich drehe mich zu ihm um und sehe erst jetzt dass er nur das Handtuch um die Hüften gebunden hat. "Oh, sexy!", grinse ich.

"Was ist denn nun mit dem Milchreis?", fragt er und ich höre seinen Magen wieder laut knurren. Ich stehe auf und fülle zwei Schüsseln, seine voller als meine.

"Setz dich doch mal hin." Dann hole ich noch Zucker und Zimt dazu und los kann es gehen, unser erstes gemeinsames Essen, dass ich nicht lache. Milchreis.

"Lecker!", grinst er. Ich grinse zurück.

"Ich hätte nie gedacht, dass mal ein halbnackter Mann gegenüber von mir sitzt, in meiner Küche und mit mir Milchreis isst." Beide müssen wir lachen.

"Hey warte.", meint er, fummelt kurz irgendwas unter dem Tisch und meint dann: "Mach nackt aus halbnackt." Ich sehe dass er das Handtuch abgewickelt hat, er sitzt jetzt nur noch auf dem Handtuch, mehr sehe ich nicht. Ich will es gar nicht sehen. Ich werde total rot und er isst weiter als wäre nichts gewesen. Ich bekomme kaum noch einen Bissen runter. Als ich fertig bin stehe ich auf und stelle meine leere Schüssel in die Spüle.

"Wehe du stehst auf ohne dir das Handtuch wieder umzuwickeln.", sage ich sauer.

"Was ist dann wenn ich es nicht mache?", fragt er frech.

"Dann, dann...", stottere ich rum. "Dann sehe ich etwas was ich nicht sehen will!", sage ich knallhart und vollkommen ernst und er sieht mich etwas bedeppert an. Dann bindet er sich das Handtuch wieder rum und ich nehme seine Schüssel um sie ebenfalls in die Spüle zu stellen. "Danke!", meine ich dann noch und hoffe dass er mal auf die Idee kommt sich richtig anzuziehen. Er kann doch hier nicht einfach halbnackt rumrennen und nackt rumsitzen. Spinnt der?

Am späteren Abend als wir es uns gerade wieder gemütlich gemacht haben auf der Couch erzählt er mir dass er heute noch mit den Jungs verabredet ist. Sie haben jetzt wohl eine Woche Urlaub, müssen aber auf Abruf zu Interviews. Und da müssen sie wohl noch einiges klären wie sie das am besten machen und und und...

Die Verabschiedung ist nicht so herzlich wie sonst, nur eine kurze Umarmung und dann stürmt er davon. Ja, das trifft es ganz gut, so schnell wie er plötzlich weg musste.

-8-

Ich bekomme von dem Urlaub der Jungs nicht sehr viel mit. Sie haben nämlich viel zu tun, ein gewisser Herr findet auch kaum noch Zeit sich mal zu melden und ich bin traurig und enttäuscht, was ich gar nicht sein will.

Da ich in dieser Woche nur 30 Stunden arbeite habe ich mal Zeit mich mit Freunden zu treffen. Zum Beispiel auch mit Sara und Lenni, die jetzt wirklich ganz anders drauf sind, seitdem sie wissen, dass sie Eltern werden. Ich freue mich für die beiden, keine Frage. Aber es macht mich auch traurig. Die beiden sind schon 8 Jahre zusammen, sie planen den Rest ihres Lebens zusammen und darauf bin ich neidisch. Ich kenne diese Seite von mir nicht. Die Seite, die sich nach einem festen Partner sehnt mit dem man irgendwann Kinder haben wird oder heiraten wird. Oder mit dem man sich ausmalt wie es wohl wäre wenn man mit 80 noch glücklich verheiratet wäre und die Urenkel tanzen um einen herrum. Ich kenne das nur von Erzählungen von Freunden. Ich denke, ich bin selber Schuld. Mit meiner Art und Weise wie ich bisher Männern gegenüber getreten bin. Wie ich mich anziehe, wie ich die Männer damit anziehe, es ist kein Wunder, dass die nur das eine wollen. Ich biete ihnen ja gar nichts anderes. Und wer weiß, vielleicht sieht Samu das auch so. Vielleicht ist er deswegen so schnell gegangen. Er wollte was ganz anderes was er nicht bekommen hat. Nur bei ihm hat sich alles ganz anders angefühlt. Ich habe mich ihm gegenüber total unterlegen gefühlt, nicht so stark und sexy wie sonst. Sondern eher wie ein kleines Schulkind kam ich mir vor. Aber das ist nicht negativ gemeint. Ich habe mich wohl gefühlt in seiner Nähe. Und wir sind uns ja schon ziemlich nahe gekommen.

Einen Tag lang bin ich mit Aino unterwegs, sie ist komisch. Irgendwas ist mit ihr, sie will aber nicht so richtig drüber reden. Also beschließe ich dass wir heute Abend zu mir gehen, lecker Rotwein trinken und dann ist sie sowieso betrunken und erzählt mir alles was ich wissen will.

"Ich bin zur Zeit total unglücklich mit meinem Leben!", fängt sie an als sie noch nicht mal das eingegossene Glas in der Hand hat. Ich sehe sie mitfühlend an. Sie hat oft ihre Phasen, gerade wenn der Sommer sich dem Ende neigt fangen bei ihr diese Depressionen an und sie grübelt die ganze Zeit über ihr Leben nach. "Dabei sollte ich so glücklich sein.", meint sie und nimmt sich das eine Glas vom Tisch. "Sami und ich, wir sind ein Paar. Endlich." Ich sehe sie freudestrahlend an und sie lächelt auch, aber viel zu kurz. "Aber was für eins? Er ist so gut wie nie da. Ich hatte mich gefreut als er meinte dass er Urlaub hat. Und jetzt sind sie überall auf Platz 1 mit ihrem beschissenen Lied und ich sitze deswegen alleine zu Hause rum. Manchmal telefonieren wir. Super, jeden zweiten Tag!", schimpft sie. "So lange habe ich drauf gewartet dass wir endlich zusammen sind, so richtig und jetzt sowas." Alles komisch. Ich weiß gar nicht was sie hat. Sie kann doch froh sein einen Freund zu haben, der weiß was er will und sie kann doch stolz drauf sein was er mit der Band erreicht hat. Und telefonieren ist zwar kein Ersatz für Körperkontakt, aber besser als gar nichts. Ich lasse diese Gedanken einfach mal so in meinem Kopf rumschwirren. Sie erzählt ja sowieso gerade weiter und ihr Gejammer geht mir grad ziemlich auf die Eierstöcke. Wenn es etwas sinnvolles wäre dann würde es mir ja leid tun und ich könnte auch dazu etwas sagen, aber so ist mir das einfach viel zu blöd.

"...aber naja, du hast es da ja leichter. Du hattest Samu für eine Nacht und das reicht dir ja!" Dieser Satz schmeißt mich sowas von aus meiner Gedankenbahn dass ich erstmal überlegen muss ob sie in der Lage ist sowas wirklich von sich zu geben. Ich stelle mein Glas auf den Tisch nachdem ich nochmal einen großen Schluck genommen habe.

"Steh mal bitte auf!", sage ich ziemlich forsch nachdem ich von der Couch aufgestanden bin. Sie macht was ich sage. "DA IST DIE TÜR!", schreie ich sie an und deute mit dem Finger auf die Richtung. Sie sieht mich völlig perplex an. "DU KOTZT DICH HIER AUS WIE EINE BEKLOPPTE, ICH HÖRE DIR ZU UND DANN BEHAUPTEST DU SO EINE SCHEISSE?" Ich kann mich gar nich beruhigen. "Sei doch froh dass du überhaupt so einen tollen Typen wie Sami abbekommen hast. Der weiß was er will und er ist erfolgreich bei dem was er macht. Und er wird wohl kaum für dich Jammertante seinen Job in der Band hinschmeißen!" Wir sind mittlerweile an der Tür angekommen. Ihr fehlen die Worte, mir mittlerweile auch. Ich bin verletzt, tief verletzt von dem was sie mir schon wieder an den Kopf geknallt hat. Und mir stehen die Tränen in den Augen. "Aino, ich habe Sami zu dir gebracht. Ich habe ihm gezeigt wo du wohnst, dass er dir sagen kann was er für dich empfindet. Und sowas muss ich mir einfach nicht mehr von dir anhören. Verschwinde einfach aus meinem Leben!" Ich lasse sie alleine im Flur zurück, sie zieht sich gerade ihre Jacke über. Ich mache die Tür zum Wohnzimmer zu und weine laut los. In der Hoffnung dass sie wirklich verschwindet.

-9-

Endlich Freitag! Was für eine beschissene Woche. Auf Arbeit stressen alle rum, meine Freunde beleidigen mich weil ich ja so böse war zu Aino und ich finde nachts keine Ruhe mehr.

Als ich mich auf Arbeit gerade umziehe gucke ich auf mein Handy und wow, eine SMS von Samu. Er fragt wann ich Feierabend habe und ob wir uns sehen wollen. Nachdem ich mich fertig um- und angezogen habe und draußen vor dem Hotel stehe rufe ich ihn an. Er klingt total müde, erschöpft und ich habe das Gefühl er weiß nicht so recht was er da von sich gibt.

Da er gerade im Proberaum ist beschließen wir dass er rüber kommt zum Hotel und dann gehen wir zu ihm. Er kommt mir mit zwei ziemlich großen Taschen entgegen und er sieht genau so aus wie er am Telefon geklungen hat. Er stellt eine Tasche ab um mich flüchtig zu umarmen mit einem Arm und als er die andere wieder nehmen will greife ich schneller zu.

"Hör auf mit dem Quatsch!", sagt er in einem komischen Ton, der eher wie meckern klingt als alles andere.

"Nein, ich helfe dir jetzt und hör auf mich blöd von der Seite anzumachen. Ich freue mich nämlich dich wieder zu sehen!", sage ich ziemlich enttäuscht. Wir fahren mit der Straßenbahn und kommen dann kurze Zeit später bei ihm vor der Haustür an. Ein schickes Haus wo er drin wohnt.

"Gib mir mal bitte noch die Tasche. Ich will nicht dass du sie die Treppe hochschleppen musst!" Ich gebe ihm die Tasche nicht und gehe einfach an ihm vorbei. Ich will ihm helfen und weil es nicht gentlemen- like ist will er das nicht. So ein Quatsch! "Du bist unmöglich, Emi!" Ich höre wie er lacht. Ich bleibe kurz stehen und drehe mich zu ihm um, er lächelt mich an.

"Das habe ich vermisst!", meine ich und laufe weiter. "Wie hoch noch?"

"Bleib stehen!", sagt er und ich mache was er sagt. "Danke, du bist echt toll!", meint er als er vor mir steht. Wie er mich ansieht, ich kann ihm gar nicht in die Augen sehen, sonst setzt bei mir alles aus. Er beendet diesen peinlichen Moment zum Glück indem er aus seiner Jackentasche einen Schlüssel holt und die Tür aufschließt.

"Du siehst ziemlich kaputt aus. Willst du nicht erst mal deine Ruhe haben? Ich kann doch später nochmal..."

"Nein!" Er lässt mich gar nicht ausreden, er schließt die Tür und umarmt mich fest. "Ich wollte dich unbedingt bei mir haben." Meine Gefühle fahren Achterbahn. Ich lege meine Hände auf seinem Rücken ab und schließe die Augen. "Ich hab das Gefühl wir sollten mal reden." Das klingt nicht so toll. Ich löse mich aus der Umarmung und sehe ihn fragend an. "Darf ich erst duschen gehen?" Ich nicke.

"Mach doch erstmal." Ich bin ziemlich bedrückt. Ich frage mich über was er reden will. Ich habe keine Lust auf Reden, erst Recht nicht über ungelegte Eier. Und das mit uns beiden, das ist eines. Und über so etwas sollte man nicht reden, man sollte alles so kommen lassen wie es kommen will.

Nachdem er mir seine Wohnung gezeigt hat und mir erklärt hat was ich alles machen darf setze ich mich auf die Couch und starre Löcher in die Luft. Dann lege ich mich aber doch lang und weil ich echt müde bin mache ich die Augen zu und drifte ab ins Land der Träume.

Jemand streicht mir durch die Haare, streift mir die aus dem Gesicht die dort gelandet sind. Dann spüre ich weiche Lippen auf meiner Wange und lächele. Ist das nur ein Traum? Ich blinzele und sehe in Samu´s Gesicht.

"Sorry, ich bin eingeschlafen.", sage ich mit kratziger Stimme und es ist mir auch ein bisschen peinlich.

"Gar nicht schlimm. Aber du schläfst ja wie ein Stein. Dich kann man ja mit nichts wecken. Ich habe geduscht, Wäsche gewaschen und ich war einfach so laut!", grinst er. Er hockt immernoch vor mir. "Und ich habe es uns ein bisschen schön gemacht!" Dann steht er auf und ich sehe die ganzen kleinen Lichter im Raum verteilt. Ich komme vom Liegen ins Sitzen und komme gar nicht mehr aus dem Staunen raus.

"Wow, wie schön!" Mir steigen Tränen in die Augen. Ich kann sie auch gar nicht zurück halten und sie rollen über meine Wangen, ohne Ende.

"Hey, nicht weinen." Samu ist leicht überfordert, setzt sich aber zu mir und ich schmiege mich an ihn.

"Doch. Meine Woche war so beschissen. Alle hacken auf mir rum und immer bin ich die Böse. Und dann kommst du und machst sowas tolles für mich. Ich bin dir so dankbar!", weine ich vor mich hin und kann mich jetzt erst recht nicht mehr beruhigen.

"Und ich Blödmann melde mich nicht bei dir. Es tut mir so leid!", sagt er ehrlich.

"Du kannst so stolz auf das sein was ihr erreicht habt und was ihr gerade erlebt. Das ist vielleicht nicht für immer. Und ich will dir nicht noch mehr Stress machen als du schon hast." Klar habe ich mich auch darüber geärgert dass nichts von ihm kam weil ich mir einfach solche Gedanken gemacht habe. Aber jetzt siegt einfach dieses wunderschöne Gefühl was sich gerade in meinem ganzen Körper breit macht.

"Weißt du eigentlich, dass du eine ziemlich typische Frau bist und gleichzeitig so untypisch? Ich weiß gar nicht wie ich das beschreiben soll. Du hast Macken die typisch sind für Frauen. Aber bei den Dingen wo es richtig drauf ankommt... da bist du anders!" Wir sehen uns an und müssen beide schmunzeln. "Aino war vorhin im Proberaum und hat erzählt dass du sie rausgeworfen hast als sie bei dir war!" Ich denke, dass er deswegen vorhin so komisch zu mir war. Ich löse mich von ihm so dass ich ihn beim Erzählen angucken kann.

"Ja, weil sie nur Scheiße von sich gegeben hat. Erst meinte sie dass es ja voll doof ist mit Sami, weil er nicht da ist und dann hat sie etwas zu mir gesagt was einfach nur unfair und verletzend war."

"Sie hat mir erzählt was sie zu dir gesagt hat und sie ist auch der vollen Überzeugung dass es so war oder ist." Ich sehe ihn ungläubig an.

"Warum erzählt sie dir so etwas? Das ist eine Sache zwischen ihr und mir!" Ich bin fassungslos. Was hat sie ihm noch erzählt? Was weiß er jetzt alles über mich?

"Ja, das stimmt schon.", druckst er rum.

"Sie hat dir noch mehr erzählt, oder?" Ich sehe ihn mit großen Augen an und er nickt leicht.

"Sie hat Andeutungen gemacht." Ich könnte ausflippen, richtig doll. Ich möchte sie schlagen, grün und blau prügeln. "Du musst mir nichts erzählen, es geht mich nichts an."

"Aber irgendwie muss ich es dir jetzt erzählen, weil da ansonsten etwas zwischen uns steht und das will ich nicht. Ich hab dich echt gern und irgendwie hat sich einiges verändert seitdem wir uns kennen.", fange ich an und er sieht mich gespannt an. Ich habe keine Ahnung ob das hier das richtige ist was ich mache. Aber das weiß man ja nie vorher. "Ich hatte noch nie eine richtige Beziehung. Bei mir war alles was ich mit Männern hatte Sex. Freundschaft oder Sex. Was anderes gab es da nie. Ich hab mich immer gut gefühlt dabei, ich habe nichts vermisst. Überflüssige Gefühle wollte ich nie haben, die wären mir nur im Weg gewesen." Ich hole tief Luft und suche nach den richtigen Worten. "Und jetzt werden plötzlich zwei Freunde von mir Eltern und eine Freundin von Aino heiratet und irgendwie mache ich mir in letzter Zeit darüber mehr Gedanken, als nur immer über das Spaß haben mit den Männern. Ich will nicht dass du denkst dass ich nur das eine will. Nicht bei dir. Ich weiß ehrlich gesagt noch nicht was ich von dir will." Die ganze Zeit nimmt er seine Augen nicht von mir, er guckt mich an als würde er jedes Wort in sich aufsaugen. "Ich will auch nichts beschließen, ich will sehen was die Zeit bringt und du musst ja auch wissen was du willst!" Ich plappere und plappere, ich bin unsicher ob ich vielleicht irgendwas gesagt habe was ihn jetzt kränken könnte.

"Aino ist ziemlich eifersüchtig auf dich, hat sie auch allen Grund zu!", grinst er und ich bin erleichtert dass er nicht auf das Thema mit den Männern eingeht. Es ist schon genug dass ich ihm das so gesagt habe. Ich öffne hier gerade mein Herz. Warum ausgerechnet bei ihm? Was ist an ihm so besonders, so anders? "Es ist mir egal was sie sagt oder erzählt!"

"Danke!" Ich schmiege mich wieder an ihn, höre seinen Herzschlag und frage mich ob sein Herz immer so schnell schlägt. Seine Fingerspitzen krabbeln meinen Rücken entlang bis hoch zum Nacken, sanft schiebt er die Haare weg und kitzelt mich leicht am Nacken. Auf meinem ganzen Körper macht sich eine Gänsehaut breit, ich löse mich von Samu und sehe ihn an. Ich gucke auf seine Lippen, starre sie förmlich an. Er lächelt und auch ich muss lächeln. Dann legt er seine Hand auf meine Wange, macht aber nichts weiter...

-10-

...Das Telefon klingelt. Nein, doch nicht jetzt. Er springt von der Couch hoch und geht ran. Hätten wir uns jetzt geküsst wenn es nicht geklingelt hätte? Ich bin völlig durcheinander, noch schlimmer als so schon. Kam ihm dieser Anruf vielleicht gerade recht? Oder ist es etwas wichtiges wo er drauf gewartet hat? Scheiße. Ich sitze wie angewurzelt da, er ist mittlerweile in einem anderen Zimmer verschwunden zum telefonieren. Ich sehe mich um, wie schön er alles gemacht hat. Was für Absichten stecken dahinter? Stecken da überhaupt bestimmte Absichten dahinter? Mein Blick fällt auf die Uhr. Es ist verdammt spät. Ich bin verdammt müde. Vielleicht sollte ich einfach gehen, der schönste Moment an diesem Abend wurde sowieso zerstört. Ich warte noch ein bisschen, aber er lässt sich nicht sehen im Wohnzimmer. Ich stehe von der Couch auf und gehe in den Flur. Er muss so leise sprechen dass ich ihn nicht mal hier hören kann. Ich ziehe mir meinen Pulli und meine Jacke über, wickele den Schal irgendwie um meinen Hals und als ich gerade meine Schuhe anziehen will steht Samu plötzlich vor mir und sieht mich an als wäre ich ein Alien.

"Was machst du da?", fragt er.

"Es ist spät, ich muss ins Bett.", stottere ich als Antwort und kann ihn dabei nicht ansehen, was ich ja auch nicht unbedingt muss weil ich gerade meine Schuhe zubinde.

"Aha, wenn du meinst!"

"Tut mir leid, aber es ist besser so. Wir sehen uns ein anderes mal wieder!", meine ich und ohne richtige Verabschiedung gehe ich aus der Tür und laufe schnell die Treppen nach unten. Den Weg zu mir nach Hause renne ich so gut wie es geht in diesen Schuhen. Und dann fange ich an zu weinen. Was hat dieser Typ nur mit mir gemacht? Er ist doch ein ganz normaler Mann wie alle anderen auch. Warum kann ich nicht mit ihm meinen Spaß haben, ohne diese komischen Gefühle, die ständig wieder hochkommen wenn er mir näher kommt als einen Meter Abstand? Das ist doch nicht normal.

Am nächsten Morgen habe ich keine Lust aufzustehen und da Samstag ist, es draußen regnet und ich nicht arbeiten muss bleibe ich liegen. Und liege einfach so da. Ich habe das Gefühl dass ich die ganze Zeit über nichts nachdenke. Ich lasse mich einfach treiben, in Gedanken die keinen wirklichen Sinn machen, aber das ist mir im Moment lieber als alles andere. Einfach mal wieder abdriften, in den eigenen vier Wänden sein und doch so weit weg.

Irgendjemand gönnt mir das nicht und klingelt Sturm. Ich fluche rum weil ich so unsanft geweckt wurde aus meinen wunderschönen Gedanken und Träumereien. Wie immer betätige ich ohne nachzufragen, wer da ist, den Türöffner. Doch die Tür öffne ich noch nicht, erstmal durch den Spion sehen wer da ist. Und ich kann es nicht glauben. Samu. Wer eigentlich sonst? Ich öffne die Tür und hoffe dass ihm mein Anblick so sehr verstört dass er gleich wieder geht. Ich in meinem rosa Pyjama, dazu die dicken rosa Socken und mein Gesicht und meine Haare sind heute auch nicht das Frischeste. Doch nichts von alle dem schreckt ihn ab und er betritt meinen Flur. Und wenig später auch das Wohnzimmer wo wir zum reden hingehen. Mal wieder will er mit mir reden. Worüber denn jetzt schon wieder?
"Was hattest du gestern für ein Problem?", fragt er und klingt dabei wie ein Psychologe.

"Gar keins.", antworte ich ihm und ich weiß ja selber dass es eine Lüge ist, aber was soll ich denn sagen? Ich kann das nicht beschreiben.

"Und deswegen konntest du dich auch nicht richtig verabschieden? Emi, so geh ich nicht mal mit nem Freund um, das mache ich mit Leuten die ich nicht leiden kann.", sagt er enttäuscht. Wie macht er das nur, dass er mich immer so genau ansehen kann beim Reden und Zuhören? Ich bekomme das nicht hin. "War es weil wir uns fast geküsst haben?" Ich zucke mit den Schultern. "Das hätte nicht passieren müssen. Du musst doch nichts machen was dir nicht gefällt." Er atmet schwer aus. "Ich bin nicht einer der Männer die nur mit dir schlafen wollen, du musst mir nichts beweisen und du kannst mit mir reden. Mir sagen was du magst und was nicht." Ich schäme mich gerade so dermaßen. Es war vielleicht doch ein Fehler ihm davon zu erzählen weil er sich jetzt mit Männern vergleicht die er gar nicht kennt. "Ich bin ab morgen wieder weg, viel unterwegs. Wir haben sehr viel zu erledigen und auch ein paar Auftritte die jetzt spontan dazu kamen. Drei Wochen bin ich weg, vielleicht denkst du ja in der Zeit ein bisschen nach."

"Das habe ich jetzt immer gemacht, wenn du nicht da warst. Ich habe mich gefragt was du gerade machst, ob du auch mal an mich denkst oder ob du dazu keine Zeit hast. Meine Gedanken kreisen doch fast nur noch um dich. Aber ich weiß nicht was diese Gedanken sollen, das ist das einzige was ich noch rausfinden muss. Und das ist verdammt nochmal nicht so leicht!" Mir laufen mal wieder Tränen über die Wangen und diesmal kann ich ihn ansehen beim Sprechen. Schwach bin ich jetzt sowieso, ob mit oder ohne Tränen. "Ich wünsche euch erstmal alles Gute!", meine ich.

"Ich geh dann mal." Auch er hat Tränen in den Augen. Aber was soll ich denn machen? Ich kann ihm nicht das Blaue vom Himmel versprechen, wenn ich mir noch gar nicht sicher bin, ob das jetzt eine Phase ist, oder ob das was ernstes ist was sich da in meinem Kopf und in meinem gesamten Körper abspielt. Wieder ohne jeglichen Körperkontakt verabschieden wir uns und als ich die Tür geschlossen habe, lasse ich mich mit dem Rücken an ihr nach unten gleiten, bis ich auf dem Boden sitze und lasse meinen Tränen freien Lauf. Ich weine und schluchze und heule wie lange nicht mehr, ich kann es nicht zurückhalten. Wie kann er mir so plump sagen dass er drei Wochen weg ist? Er weiß doch ganz genau dass ich ihn vermissen werde. So langsam fange ich an Aino zu verstehen. Das was sie erzählt hat, ich erkenne es wieder. Und es hindert mich an der Vorstellung dass Samu und ich vielleicht irgendwann ein Paar werden. Ich kann doch nicht mit jemandem zusammen sein der 5 Wochen im Jahr zu Hause ist.

-11-

Eine Woche später, es ist Samstag. Ich bin mit Aino verabredet. Wir haben uns am Mittwoch getroffen und ausgesprochen. Es tat so gut, so dass wir beschlossen haben wieder mehr zusammen wegzugehen. Das Thema Sami und Samu ist tabu, für uns beide. Ich habe zwar keine Ahnung warum sie nicht über Sami reden will, aber ich akzeptiere das genau so wie sie es akzeptiert dass ich nicht über Samu reden will. Im Moment gibt es da ja eh nichts zu erzählen. Wir haben null Kontakt. Ist vielleicht auch besser so.

Es ist 23 Uhr und das Clubleben in Helsinki beginnt. Ich warte auf Aino und im nächsten Moment sehe ich sie auch schon auf mich zukommen. Wir umarmen uns herzlich und dann begutachte ich ihr Outfit.

"Wow, du siehst heiß aus.", grinse ich und freue mich dass sie endlich mal zeigt was sie hat.

"Heißer als du?", fragt sie mich zwinkernd.

"Nein, das schafft keiner.", sage ich gespielt ernst und dann müssen wir beide lachen. Dann gehen wir in eine Bar in der wir noch nie waren, wir suchen jetzt immer Bars die neu sind für uns, haben wir uns vorgenommen, irgendwas muss sich verändern. Und das ist ja schon mal ein Anfang. "Wow ist das schön hier!", schwärme ich und wir setzen uns an einen Tisch der für zwei Personen ist. Ich bestelle mir einen Mai Tai und Aino bestellt sich einen Cosmopolitan. Beide trinken wir etwas völlig anderes als sonst.

"Es ist wirklich toll hier.", stimmt Aino mir zu und dann fängt sie an zu erzählen was ihr so alles passiert ist in letzter Zeit und ich muss bei einigen Dingen wirklich sehr lachen. Ich bin enttäuscht von mir selbst dass ich ihr nicht viel zu erzählen hab weil sich alles nur um Samu drehte und ich die Zeit wo er hier war auch fast immer mit ihm verbracht habe. Und die Highlights an den Tagen wo er nicht da war, waren die SMS´ und Anrufe von ihm. Und wenn er sich nicht meldete gab es keine Highlights, der ganze Tag war im Arsch. Das wird mir gerade zum ersten Mal so richtig bewusst. Ich bin froh dass Aino plötzlich anfängt von "früher" zu reden, da ich da gut mitreden kann und wir auch viel lachen müssen, weil wir echt schon eine Menge Blödsinn gemacht haben zusammen.

Zwei Stunden später verlassen wir die Bar. Wir sind schon ziemlich angetrunken, wenn nicht sogar betrunken. Wir lachen die ganze Zeit und wissen nicht mal worüber.

"Ich will tanzen!", schreie ich lallend über die ganze Straße. Aino lacht wie eine Blöde.

"Ich auch!", schreit sie dann und wir nehmen uns an die Hand und laufen händchenhaltend durch die Straßen und labern jeden an den wir sehen. Um so blöder die Blicke von den Leuten, um so lauter müssen wir lachen.

"Ich muss pinkeln.", stelle ich plötzlich fest und Aino lacht. "Ey Mensch, das ist nicht witzig, das ist voll mein Ernst!", sage ich völlig empört und hickse einmal kräftig.

"Dann musst du gehen!"

"Ja wo denn?", schreie ich sie an.

"Da!" Schwankend zeigt sie auf die Büsche auf der Straßenseite gegenüber. Ich renne so schnell ich kann rüber und ich will in dem Moment nicht wissen wie ich aussehe. Dann ziehe ich schnell alles runter und hoch, so wie es sich gehört und fange an mich zu entleeren, ich schwanke dabei hin und her und muss aufpassen nicht umzufallen. Als ich fertig bin stöhne ich laut zur Erleichterung und ziehe mir alles wieder hoch und runter, so wie es sein muss. Dann drehe ich mich um und schreie vor Entsetzen. Ich habe nicht gesehen dass hinter den Büschen eine beleuchtete Haltestelle ist.

"Scheiße scheiße scheiße.", fluche ich vor mich hin und renne wieder zurück zu Aino die mittlerweile auf dem Bürgersteig sitzt, im Schneidersitz. "Scheiße Mann, scheiße. Da, da war, da war... eine Haltestelle!", stottere ich. "Da stand ein Mann und der hat meinen Arsch gesehen... meinen nackten Arsch!" Meine Zunge fühlt sich so krass schwer an.

"Welcher Mann von Helsinki hat noch nicht deinen nackten Arsch gesehen. Sind doch eh nicht so viele!", grinst sie mich an und dann fängt sie an zu lachen und weil mir gerade auffällt wie cool und wahr dieser Spruch eigentlich ist, muss ich mitlachen und wir können gar nicht mehr aufhören. Als sie aufstehen will kann sie das nicht, weil sie immer wieder anfängt zu lachen. Ich versuche ihr zu helfen, aber da ich selbst so betrunken bin kriegen wir es erst nach einer gefühlten Stunde hin dass sie neben mir steht.

"Jetzt gehen wir tanzen." Ein Wunder dass die uns noch reingelassen haben, aber wir haben uns auch ziemlich bemüht nicht so sehr betrunken auszusehen. "Ich suche mir heute eine Frau zum Knutschen!", schreie ich Aino ins Ohr als wir eine Weile ausgiebig getanzt haben. Sie grinst mich fett an. Dann legt sie ihre Arme um mich, ihre Hände auf meine Arschbacken und küsst mich sanft auf die Lippen.

"Die hast du doch schon gefunden!", grinst sie dann wieder, richtig versaut. Ehrlich gesagt habe ich mich immer gefragt wie es wäre wenn wir uns mal richtig küssen, aber dass das mal je passiert hätte ich nie gedacht. Wieder legt sie ihre Lippen sanft auf meine, ich schließe meine Augen und lasse meine Hände auf ihrer Taille liegen. Ich blende alles um mich herum aus und genieße diesen Kuss einfach nur. Und irgendwie können wir auch gar nicht mehr aufhören, wir finden kein Ende. Die ganze Nacht können wir unsere Finger und Lippen nicht voneinander lassen. Weder im Club wo wir es nicht lange aushalten, noch bei ihr, als wir im Bett liegen. Wir haben vorher zusammen geduscht und jetzt welzen wir uns in ihrem Bett rum, nackt und völlig hemmungslos. Sie liebkost meine Brüste, wandert mit ihrer Zunge nach unten, um meinen Bauchnabel rum und noch tiefer. Ich stöhne laut. Mein Körper bebt vor Erregung. Ich fahre ihr mit meinen Fingern durch die Haare, über den Nacken um zum Rücken zu gelangen und kralle mich fest. Ich kann das nicht glauben was ich hier gerade mache, was sie macht. Ich will nicht drüber nachdenken, zu schön fühlt sich das an und ich genieße es. Ich genieße, wie unsere Körper miteinander verschmelzen, ihre Küsse, ihre Berührungen überall auf meiner Haut. Ich bin in einer für mich völlig fremden Welt gelandet, für eine Nacht.

-12-

Als ich aufwache erscheint mir das alles wie ein schöner und dennoch sehr seltsamer Traum. Doch schnell verstehe ich dass es die Realität war oder noch immer ist. Aino schläft noch tief und fest neben mir. Ich kann das nicht glauben was wir da getan haben. Nein, ich bereue es nicht. Im Gegenteil. Diese Erfahrung gemacht haben zu dürfen ist fast wie ein Geschenk und vor allem mit einer Person die ich schon so lange kenne, der ich vertraue, bei der ich weiß, dass sie jetzt nicht aufsteht und geht. Und ich muss auch nicht aufstehen und gehen. Hoffe ich jedenfalls.

"Hey, guten Morgen!" Ich rüttele etwas an ihr rum, um sie zu wecken und dann blinzelt sie mich an, sie lächelt und fängt im nächsten Moment an schallend zu lachen. Ich sehe sie fragend an.

"Oh Gott. Was für eine Nacht!", grinst sie. "Guten Morgen meine Freundin!", sagt sie und drückt mir einen Kuss auf den Mund. Dann lacht sie wieder und ich stimme mit ein. Beide kringeln wir uns vor Lachen, hier in dem Bett wo wir in der Nacht noch miteinander geschlafen haben. Das ist verrückt.

"Das sagen wir keinem!", grinse ich.

"Das sehe ich genauso. Es war eine schöne Erfahrung und echt toll mit dir. Ich kann jetzt die Männer verstehen!" Sie zwinkert und ich lache.

"Und ich kann jetzt verstehen wie es ist mit jemandem zu schlafen, den man kennt, dem man vertraut und mit dem man auch andere Dinge macht außer Sex.", sage ich ernst und Aino sieht mich auch ganz ernst an, irgendwie friedlich.

"Ich weiß wir wollten das Thema eigentlich nicht auf dem Tisch haben, aber..."
"Wir haben hier keinen Tisch, nur ein Bett!", unterbreche ich sie grinsend.

"Stimmt, na dann... Also, Sami und ich haben uns erstmal getrennt. Ich weiß nicht ob ich jemals wieder mit ihm zusammen sein will. Es ist echt hart wenn er weg ist und ich kann nicht mit jemandem zusammen sein der fast nie da ist. Ich bin dafür einfach nicht gemacht!", sagt sie traurig. "Ich bin stolz auf das was er macht und auch dass er weiß was er will finde ich klasse, aber da ist er einfach nicht der einzige Mann. Es gibt andere Männer auf die man stolz sein kann, die auch eine Menge erreichen, vielleicht sogar mehr als Sami und die sind einfach so gut wie immer da." Ich bin etwas erschrocken über das was sie sagt und doch kann ich sie verstehen, sie hat Recht.

"Hast du einen anderen Mann kennen gelernt?", frage ich und Aino sieht mich nicht mehr an, sie dreht sich auf den Rücken und starrt an die Decke. "Jetzt sag schon!", sage ich ungeduldig und ich sehe wie sie grinst. Dann nickt sie.

"Aber ich will noch nicht drüber reden weil noch nicht viel passiert ist.", meint sie dann und ich ziehe einen Schmollmund den sie ja nicht sehen kann. "Und du und Samu?", fragt sie und dreht kurz ihren Kopf zu mir.

"Gar nichts.", sage ich kurz und knapp und atme dann laut aus, was ihr nicht entgeht.

"Das glaube ich dir nicht."

"Es ist wie bei dir, es ist einfach noch nicht viel passiert, das ist alles." Ich werde plötzlich wieder ganz traurig und ich will das aber nicht.

"Willst du denn dass mehr passiert?", fragt sie und das ist eine berechtigte, aber absolut doofe Frage. Ich antworte ihr nicht. "Also ja.", grinst sie und ich tue so als wollte ich sie schlagen. "Ich hab das noch nie erlebt, dass du dich so verhalten hast wenn du einen neuen Mann kennen lernst!", sagt sie ernst und dreht sich wieder zu mir.

"Ich weiß. So war ich auch noch nie bei einem. Und ich habe keine Ahnung warum ich so bin, ausgrechnet bei ihm."

"Weil du einfach mal noch nie so sehr verknallt warst wie jetzt!", sagt sie ernst und ich warte drauf dass sie anfängt zu lachen, oder wenigstens zu grinsen, oder zu lächeln... aber nichts passiert und ich verstehe gerade gar nichts mehr. Mein Gehirn arbeitet auf Hochtouren, mein Magen dreht sich um und mein Herz schlägt 200 Mal pro Minute.

"Nein! Ich kann mich gar nicht verlieben!", sage ich völlig perplex, völlig außer mir.

"Emilia, du hast dich in ihn verliebt, Hals über Kopf. Von Anfang an." Ich sehe sie ungläubig an, als würde sie mir erzählen dass gestern blaue Marsmenschen in Finnland gelandet sind. Aber das würde ich ihr mehr glauben als das andere. "Er hat dich von Anfang an nicht auf dein Äußeres reduziert, er wollte wissen wer du bist, was du machst und ich glaube, er will noch viel mehr über dich wissen." Ich lasse meinen Kopf in das Kissen sinken, drehe mich auf den Rücken und merke wie Tränen in meine Augen steigen. Ich versuche sie zu unterdrücken. "Im Gegenteil zu dir weiß er schon längst was er will. Und er weiß dass er Gefühle für dich hat, dass er verliebt ist. In dich." Jetzt kann ich sie nicht mehr zurück halten, die Tränen rinnen über meine Wangen und ich schluchze kurz. Aino nimmt meine Hand und streicht mit dem Daumen über sie.

"Ich habe es nie jemandem erzählt, aber als ich 16 war, da wurde ich vergewaltigt. Von diesem Tag an habe ich mir geschworen mich nie in einen Menschen zu verlieben, erst recht nicht in einen Mann. Ich wollte nie Gefühle für jemanden haben. Ich habe an diesem Tag gelernt, dass nur mein Körper zählt, das Äußere, alles andere geht niemanden etwas an." Meine Tränen stoppen, dafür fängt Aino an zu weinen. Sie will etwas sagen, schafft es aber nicht. "Dieses Gefühl zu beschreiben, was an diesem Tag passiert ist, was mit mir passiert ist, das kann man nicht in Worte fassen, weder ich, noch ein anderer." Es ist komisch darüber zu sprechen, es ist fremd, aber es fühlt sich richtig an. Aino kommt näher zu mir und ich kuschele mich an sie ran, so dass wir einfach nur eng umschlungen da liegen und nichts sagen.

"Hast du es damals wirklich keinem gesagt?", fragt Aino als wir bei ihr in der Küche sitzen und Abendbrot essen. Die erste Mahlzeit heute für uns. Den ganzen Tag lagen wir nur im Bett, bis jetzt.

"Ich konnte es einfach nicht und mit der Zeit musste ich immer weniger daran denken, also schien es mir total unsinnig jemandem davon zu erzählen, nur um alles nochmal durchleben zu müssen beim Reden. Und der Typ hatte wohl vor mir auch andere Mädchen vergewaltigt und er wurde dann geschnappt und sitzt noch immer im Gefängnis, so viel ich weiß!"

"Ich bin froh dass du mir das erzählt hast. Ich kann dich jetzt verstehen. Das mit den Männern und überhaupt dein Verhalten. Ich hab das Gefühl du möchtest etwas ändern. Du ziehst dich auch gar nicht mehr so freizügig an.", lächelt sie und ich nicke. "Nur weil das mit Sami und mir nicht geklappt hat heißt das nicht, dass es bei euch auch nicht funktioniert. Du bist ganz anders als ich. Und es wird ja sowieso erstmal komisch für dich in einer richtig festen Beziehung zu sein."

"Oh ja.", sage ich nickend. "Ich erkenne mich jetzt auch manchmal gar nicht wieder. Samu kann mich immer angucken, egal was ich sage oder was er sagt. Und ich kann das nicht immer. Dabei ging es immer bei anderen.", sage ich als wollte ich mit mir selber schimpfen.

"Süß wie du seinen Namen aussprichst.", grinst sie und ich werde rot.

"Ich habe keine Ahnung was dieser Mann mit mir gemacht hat!"

"Du warst schon immer wundervoll, aber er hat aus dir eine tolle, wundervollere Emi gemacht." Jetzt haben wir beide Tränen in den Augen, schlucken sie aber beide runter und müssen kurze Zeit später über diesen Moment lachen.

Als wir uns ziemlich spät voneinander verabschieden da ich gehen muss um morgen fit zu sein auf Arbeit, sind wir beide überglücklich und doch traurig dass diese super schöne Zeit jetzt erstmal wieder vorbei ist.

-13-

Endlich Urlaub! Es ist November, so langsam sinken die Temperaturen und ich krame meine Wintersachen aus dem Schrank. Ich habe mir kurzfristig Urlaub genommen, von heute an, da die Jungs heute zurück kommen. Ich habe mir in den letzten zwei Wochen zum ersten Mal Musiksender angesehen. Um Samu zu sehen. Wenn ich Glück hatte war auch gerade ein Interview zu sehen und ich habe mich vor den Fernseher gesetzt wie ein Teenie der total in ihn verschossen ist. Außer dass ich kein Teenie bin stimmt ja auch alles. Ich hab es eingesehen. Aus dieser Nummer komme ich so schnell nicht mehr raus und es ist auch keine Phase. Es ist pure Verliebtheit und seitdem mir das so klar ist fühle ich mich glücklich. Nur der Gedanke wie Samu mittlerweile darüber denkt macht mir zu schaffen. Was ist wenn er seine Meinung plötzlich geändert hat?

>Hey schöner Mann. Ich würde mich total freuen wenn du dich meldest wenn ihr gut gelandet seid und du Lust hast mich zu sehen Emi< Eine SMS an ihn.

Und von da an gucke ich jede paar Sekunden auf mein Handy. Etwas bekloppt, da der Ton an ist und ich es ja hören würde wenn er schreibt.

Als ich fertig bin und meine Wintersachen wieder nach vorne geholt habe im Schrank, mache ich mir einen Kaffee und setze mich auf die Couch. Ich atme tief durch... und es klingelt an der Tür. Ist ja klar, wenn ich mich hinsetze dann klingelt es. Für einen Moment denke ich an Samu.

"Hallo?" Ausnahmsweise frage ich doch mal wer da unten steht.

"Die Post, ein Paket für sie." Enttäuscht lege ich auf und drücke auf den Knopf um dem Postboten die Tür zu öffnen. Ich nehme noch einen Schluck aus meiner Tasse und stelle sie dann auf dem Schuhschrank ab. Dann öffne ich die Tür und falle fast in Ohnmacht als ich sehe wer da steht. Ich strahle über beide Ohren und falle ihm in die Arme.

"Samu! Was machst du hier?", frage ich und wir lassen uns los, dann drückt er mir einen wunderschönen Blumenstrauß in die Hand und ich bewundere ihn. Ich weiß gar nicht wen ich mehr bewundern soll, ob Samu oder den Blumenstrauß.

"Ich wollte dich sehen!", sagt er. Ich lege den Blumenstrauß neben meiner Tasse auf dem Schrank ab.

"Danke!" Ich umarme ihn und gebe ihm dann einen flüchtigen Kuss auf den Mund. Danach sieht er mich total perplex an, aber grinsend. "Komm doch erstmal rein!", meine ich und schließe die Tür hinter ihm. "Zieh dich doch erstmal aus!", meine ich und nehme den Blumenstrauß um im Wohnzimmer eine geeignete Vase zu finden.

"Ich soll mich ausziehen?", höre ich ihn im Flur lachen.

"Mann nein, nur Schuhe und Jacke.", rufe ich und muss auch lachen. "Möchtest du auch Kaffee?", rufe ich und erschrecke mich als ich mich umdrehe, da er hinter mir steht. Wieder müssen wir beide lachen.

"Oh ja, gerne."

"Bekommst du. Setz dich doch erstmal." Er macht es sich auf der Couch gemütlich und ich fülle die Vase in der Küche erstmal mit Wasser, dann noch eine Tasse mit Kaffee und mit beidem gehe ich zurück ins Wohnzimmer. Samu sieht gut aus, nicht so wie letztes Mal als er länger weg war. Hm, schon irgendwie komisch. "Der Strauß ist wunderschön!", schwärme ich und sehe erst den Strauß an, dann wieder ihn und ich lächele. Ich stelle ihm die Tasse Kaffee hin und setze mich dann neben ihn, mit einem kleinen Abstand.

"Wie geht es dir?", fragt er und sieht mich wieder so mit diesem Blick an wie er es von Anfang an getan hat. Nur dass er meiner Meinung nach immer intensiver wird.

"Mir geht es wunderbar... Ich habe meinen Kaffee im Flur stehen lassen!", stelle ich fest und springe hoch um ihn mir zu holen. Als ich wieder ins Zimmer komme lacht Samu. "Und wie geht es dir?", frage ich. "Du siehst gut aus.", grinse ich.

"Sah ich sonst nicht gut aus?"

"Doch, natürlich. Ach Mann, du weißt schon was ich meine."

"Nein weiß ich nicht!", sagt er gespielt ernst. Ich sehe dass er es nicht ernst meint.

"Du willst ja nur hören wie heiß du aussiehst.", sage ich und trinke einen Schluck von meinem Kaffee der nur noch lauwarm ist.

"Na klar!", grinst er und wieder lachen wir. "Okay, im Ernst, es geht mir wirklich gut. Die drei Wochen waren toll. Wir hatten diesmal Zeit um uns die Städte richtig anzusehen und die Shows waren teilweise richtig bombastisch. Wir sind alle sehr zufrieden." Ich finde es so toll wie begeistert er das alles erzählt. Ich bin richtig neidisch. "Warum bist du eigentlich zu Hause?", fragt er plötzlich.

"Ich habe Urlaub!", antworte ich ihm ganz normal. Dass ich den genommen hab weil er wieder da ist verschweige ich ihm erstmal.

"Wie cool!" Dann nimmt er auch endlich seine Tasse und genießt den Kaffee. Eine Weile schweigen wir uns einfach nur an. Doch dann fängt er wieder an zu erzählen, er erzählt mir von den ganzen drei Wochen und ich könnte ihm stundenlang zuhören. Es stört mich nicht dass es dabei nur um ihn geht, um seinen "Beruf", um das was er gemacht hat, was die anderen Jungs gemacht haben. Welche Städte sie gesehen haben, wie viele Länder. Ich finde es einfach nur spannend. Draußen wird es langsam dunkel und ich mache ein paar kleine Lichter an, auch ein paar Kerzen, dabei erzählt er weiter und ich merke wie er beim Erzählen alles beobachtet was ich mache. Mein Herz springt.

"...und ich habe viel an dich gedacht.", sagt er als ich wieder auf der Couch sitze, diesmal halb liegend, an ihn gelehnt. "Ich habe nachgedacht. Ich war ein Idiot. Ich war unfair. Es war scheiße dir zu sagen dass du nachdenken sollst und dass ich drei Wochen weg bin. Die Art und Weise war nicht richtig. Ich habe gehört wie du bitterlich geweint hast als ich gegangen bin, aber es hat mich in dem Moment nicht ergriffen." Wir sehen uns an und ich nicke. "Aber in dem Moment war ich einfach enttäuscht. Ich wusste ganz genau was ich will und du nicht. Das hat mir nicht gefallen. Und jetzt ist mir klar dass einer immer mehr Zeit brauch als der andere und dass ich jetzt mal der war, der als erster wusste was er will." Ich bin total überwältigt von dem was er sagt und wie er es sagt. Und mir fällt in dem Moment auf dass wir fast genau so dasitzen oder daliegen wie in dem Moment als wir bei ihm waren und das Telefon klingelte.

"Ich kann dich verstehen. Im Nachhinein habe ich alles verstanden. Mir wurden die Augen geöffnet. Ich weiß jetzt auch was ich will. Ich will so einen Idioten wie dich, der mir an den Kopf knallt dass ich nachdenken soll, der mir einfach so sagt dass er mal drei Wochen weg ist und der eigentlich gar kein Idiot ist, sondern ein heißer, wundervoller und schöner Mann!", lächele ich und so wie er auf meine Lippen starrt und lächelt, so starre ich auf seine. Wie Magneten ziehen sie sich an, ich schließe meine Augen und spüre wie er mich sanft küsst. Dann wird er fordernder und irgendwann sind wir in einer leidenschaftlichen Knutschrei verloren. Ich wünsche mir dass das nie aufhört. Ich hatte noch nie so ein Kribbeln in meinem Bauch, noch nie eine Gänsehaut wie diese. Mein ganzer Körper weiß gar nicht was los ist und mein Gehirn hat sich gerade sowieso abgemeldet für eine unbestimmte Zeit.

"Und wie kommt es nun dass du plötzlich nicht mehr nur Sex haben willst?", fragt Samu mich als wir uns wieder einigermaßen eingekriegt haben nach unserem ersten langen und tollen Kuss.

"Wer sagt denn sowas?", frage ich grinsend und löse mich etwas von ihm. Er sieht mich komisch an, als würde er das jetzt nicht verstehen dass es spaßig gemeint war. "Ich will echte Gefühle, ich ... mir wurden die Augen geöffnet, wie ich eben schon meinte." Mein Gehirn kann doch jetzt nicht wieder von null auf hundert auf Hochtouren arbeiten. Was verlangt er von mir? Mir ist das hier alles völlig fremd.

"Aber so plötzlich?", fragt er und jetzt gehe ich ganz und gar von ihm weg. Ich fühle mich total bedrängt. Warum nimmt er es nicht einfach so hin? Wenn er allem so nachgeht, na dann vielen Dank.

"Samu, was soll das jetzt werden? Ein Verhör?", frage ich ärgerlich. Da er nichts mehr sagt stehe ich auf und gehe erstmal ins Bad um mich unter anderem frisch zu machen. Mir ist eben wirklich sehr heiß geworden. Mein Körper ist das gar nicht gewohnt dass nach so einer heißen Knutscherei kein Sex hinter her kommt. Ich muss kurz lachen und sehe dann in den Spiegel. Meine Augen sehen traurig aus. Verdammt. Ich gehe in die Küche wo ich erstmal auf die Uhr sehe. Es ist 19 Uhr, mein Magen macht sich bemerkbar. Dann schaue ich erstmal was ich hier habe. Ich möchte ihm heute mehr bieten als nur Milchreis, auch wenn er solche dämlichen Fragen stellt. Es ärgert mich so. Es ist doch alles schon schwer genug für mich, er kennt die richtigen tiefgründingen Hintergründe nicht, klar, aber er muss es nicht wissen. Ich kann nicht fast 10 Jahre darüber schweigen und es jetzt jedem erzählen. Dass ich es Aino erzählt habe war ein großer Schritt, diesen Schritt kann ich so schnell nicht noch einmal machen, außerdem gehört es der Vergangenheit an. Und diese Vergangenheit geht ihn nichts an.

"Vom Reinstarren füllt sich der Kühlschrank nicht.", witzelt Samu hinter mir und ich erschrecke leicht. Ich sehe ihn bedrückt an. "An was denkst du?" Ich sage nichts, krame in der Küche weiter nach Essen rum. Ich wäre jetzt total gern alleine, aber ich glaube, ich bin jetzt in einer Beziehung, ganz am Anfang und da kann man nicht einfach jemanden rausschmeißen. Stelle ich mir jedenfalls eher kontraproduktiv vor.

"An deine Frage. Ist es nicht egal wer oder was mir die Augen geöffnet hat? Ist es nicht schön genug dass es jetzt so ist?" Ich merke wie mir Tränen in die Augen steigen. "Tut mir leid, aber manche Dinge kann und will ich nicht erklären!"

"Hey, ist doch alles gut.", lächelt er und kommt auf mich zu. Er streicht mir die Wange und küsst sie dann sanft. "Ich dachte es gibt eine einfache Erklärung. Manchmal hat man doch so einen Moment wo es Klick macht." Ich nicke. Bei mir war dieser Moment als ich mit meiner besten Freundin geschlafen habe. Das kann ich ihm doch nicht einfach so sagen, außerdem haben wir uns geschworen dass wir es keinem sagen.

Durch seine komische Frage ist ein peinliches Schweigen in den Raum eingetreten und auch beim Essen sehen wir uns nur ab und zu an. Ich weiche seinen Blicken aus.

"Soll ich lieber gehen?", fragt er nachdem er aufgegessen hat und sein Glas dass er geleert hat wieder auf den Tisch gestellt hat.

"Nein. Warum?", schießt es aus mir raus.

"Ich weiß nicht."

"Bitte geh nicht, ich bin so froh dass wir endlich diesen großen Schritt aufeinander zu gemacht haben.", sage ich leise und nehme seine Hand die er auf dem Tisch abgelegt hat. "Es war Aino die mir die Augen geöffnet hat. Sie meinte dass ich mich doch mal ansehen soll wie verliebt ich bin. Sie hat mich noch nie so erlebt. Und sie meinte dass du aus mir eine tollere Emi gemacht hast!" Ich spreche immer noch leise. Er freut sich einen ab, das sieht so süß aus. Ich lehne mich über den Tisch und er macht es mir nach und dann küssen wir uns kurz.

"Hast du eben echt gesagt dass du dich in mich verliebt hast?", fragt er vorsichtig. Ich nicke. "Dann ist ja gut dass das auf Gegenseitigkeit beruht.", grinst er und wir küssen uns erneut. Da das aber mit diesem Küchentisch zwischen uns nicht so leicht ist gehen wir knutschend und händchenhaltend zurück ins Wohnzimmer, als wir dort auf der Couch angekommen sind müssen wir beide lachen.

"Wir benehmen uns wie Teenies.", stelle ich lachend fest. Samu nickt und küsst mich dann wieder. "Deine Küsse machen süchtig.", hauche ich ihm ins Ohr und ich merke gerade mal wieder wie verrückt ich nach ihm bin. Ich könnte ihn auffressen so toll finde ich ihn, so sexy und heiß.

-14-

Zwei Wochen lang verbringen wir eine wunderschöne gemeinsame Zeit. Manchmal zusammen mit Freunden, aber mehr alleine und so haben wir uns besser kennen gelernt auf allen Ebenen, außer auf der körperlichen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass er sich nicht traut einen Schritt weiter zu gehen und andererseits gebe ich ihm keinerlei Zeichen dafür dass er es machen soll.

Neulich waren wir sogar zusammen mit Sami und Aino unterwegs und wie ich so mitbekommen hab läuft zwischen den beiden wieder etwas. Ich muss mich unbedingt alleine mit ihr treffen, ich will wissen was da los ist und was mit ihrem anderen Typen ist. Als wir zu viert so über intimere Dinge gesprochen haben trafen sich ihre und meine Blicke immer und es war irgendwie plötzlich so beschämend, dabei fanden wir es doch beide anfangs gar nicht schlimm und eigentlich finde ich es auch jetzt nicht schlimm. Es war etwas großartiges und einmaliges. Mehr nicht.

Der Abend des Abschieds rückt näher. Morgen früh ist er wieder weg, diesmal für unbestimmte Zeit. Wie oft habe ich in den letzten Tagen deswegen geweint? Ich weiß es nicht. Ich habe mich immer versteckt, im Bad, in der Küche, er sollte es nicht mitbekommen. Ich will nicht dass er merkt, wie wichtig er mir gworden ist. Es ist einfach zu früh. Außerdem soll er sich auf andere Dinge konzentrieren. Ich bin gerade im Bad und dusche, Samu sitzt im Wohnzimmer und sieht sich ein Fußballspiel an. Das klingt wie 30 Jahre Ehe und nicht wie frisch verliebt zusammen. Ich muss kurz grinsen. Als ich fertig bin merke ich, dass ich meine Sachen im Schlafzimmer hab liegen lassen. Also wickele ich mir das große Handtuch um den Körper und gehe über den kalten Flur. Sofort ist mir kalt und ich bin froh als mich im Wohnzimmer eine wohlige Wärme umhüllt. Samu sieht mich grinsend an.

"Mir ist kalt, das ist nicht lustig.", schimpfe ich.

"Ich laufe auch immer mit nassen Haaren und nur in ein Handtuch gewickelt rum wenn mir kalt ist!", sagt er ironisch und grinst weiter. Ich gehe zum Tisch, nehme die Fernbedienung und drücke auf den roten Knopf. "Hey, das kannst du nicht machen!" Jetzt ist ihm das Grinsen vergangen. Ich gehe tonlos, mit der Fernbedienung in der Hand, ins Schlafzimmer. Er kommt mir nach, schneller als ich gucken kann. Er umarmt mich von hinten, schmiegt sich an mich und küsst sanft meinen Hals. Ich lehne meinen Kopf nach hinten, schließe meine Augen und dann ist er auch schon wieder weg und jetzt erst merke ich dass mir dieser Arsch die Fernbedienung aus der Hand geklaut hat.

"Du Arsch!", schreie ich und höre ihn nur blöd lachen. Ich bin aber richtig sauer. "Das ist kein Witz, ich meine das ernst du Idiot!", schreie ich als ich wieder zurück im Wohnzimmer bin. "Du kannst sowas nicht mit mir machen." Er sieht mich völlig perplex an und plötzlich ist der Fernseher total unwichtig. "Du verschwindest morgen wieder und wir haben noch nicht mal..." Ich spreche nicht weiter. Ich stehe vor ihm wie so ein Depp in meinem rosa Handtuch. Und plötzlich rollen einzelne Tränen über meine Wangen. Er macht den Fernseher aus und stellt sich vor mich. Er wischt die Tränen von meinen Wangen und sieht mich bedrückt an. Doch dann küsst er mich, leidenschaftlich, sanft und ich könnte dahin schmelzen. Langsam gehen wir küssend ins Schlafzimmer. Dabei ziehe ich ihm sein Shirt über den Kopf und er grinst etwas versaut. Seine Hose findet den Weg auf den Boden. Ich lege mich aufs Bett, er sich auf mich, unsere Küsse werden immer heißer, mir wird immer heißer und ich befreie mich aus meinem Handtuch, um mich ihm zu zeigen. Völlig nackt. Er wandert mit seinen Lippen über mein Kinn zum Hals, küsst meine Brüste, liebkost sie. Ich fahre ihm mit den Händen den Rücken entlang, spiele an seiner Boxershort und ziehe sie ein Stück nach unten so dass ich seinen Knackpo zu fassen bekomme. Mein Gehirn verabschiedet sich wieder und jede Zelle meines Körpers ist plötzlich so empfindlich auf Berührungen. Als er wieder mit seinem Mund nach oben wandert ziehe ich ihm seine Unterhose noch weiter nach unten und so langsam aber sicher werden wir vertrauter, hemmungsloser und verschmelzen miteinander. Noch nie hat es sich so richtig angefühlt mit jemandem zu schlafen, noch nie war es so vertraut, noch nie so wunderschön, noch nie so intensiv und gefühlvoll.

"Jetzt haben wir!" Sanft lächelt er mich an, wie ein Engel und ich kann es nicht glauben dass das eben wahr war. Es kommt mir vor wie ein Traum. Doch dann küssen wir uns erneut, können gar nicht mehr voneinander lassen und lieben uns noch einmal.

Am Morgen danach wache ich schon grinsend auf, ich strahle vor mich hin obwohl das Wetter hinter dem Vorhang nicht danach aussieht, aber es fühlt sich an als hätte ich die Sonne in mir. Ich drehe dem Fenster meinen Rücken zu und mir vergeht mein Grinsen ganz schnell. Die Seite neben mir ist leer. Nein, nicht ganz, ein Brief liegt neben mir. Ich drehe mich auf den Bauch um, rutsche auf die Seite wo Samu in der Nacht lag. Und dann lese ich den Brief, der mit einer wunderschönen Handschrift geschrieben wurde.

>Guten Morgen meine Schöne,

es tut mir leid, dass ich schon weg bin, wenn du das liest.

Ich wollte es dir und uns nicht schlimmer machen als es schon ist. Es ist schon hart genug immer für eine bestimmte Zeit Abschied zu nehmen, gerade wenn man so frisch in einer Beziehung ist. (Jedenfalls hoffe ich dass wir das sind.) Und diesmal ist es für eine unbestimmte Zeit. Aber ich finde es wunderschön wie es jetzt war. Die Nacht mit dir, ich werde sie im Kopf, im Herz und woanders behalten. :D...

Ich kann gar nicht mehr aufhören zu lachen an dieser Stelle. So ein Spinner. Wegen ihm liege ich hier und heule und lache gleichzeitig. Ich lese weiter.

Ich will dass du weißt, dass ich wiederkomme, zurück zu dir. Ich bin nicht einer dieser Männer die du vor mir hattest. Ich will dass du das nicht vergisst. Sorry, ich schreibe totalen Stuss, das ist aber einfach weil ich so sehr verliebt bin in dich und selber jetzt hier sitze und weinen muss. Ich wette mit dir du weinst auch gerade und es tut mir jetzt schon leid. Fühl dich getröstet von mir. Am besten ist du duscht nicht, so lange bis ich wiederkomme, dann wäscht du die Berührungen nicht weg und auch nicht das andere was ich auf deinem Körper hinterlassen habe.

Bis bald meine Wunderschöne, ich knutsch dich!<

Immernoch lache und weine ich, so ein Spinner. Wie kann er mir so etwas ernstes und gleichzeitig so lustiges schreiben? Ich entdecke plötzlich dass er sein Shirt ins Bett gelegt hat, oder lag das da die ganze Nacht? Keine Ahnung. Auf jeden Fall nehme ich es und rieche dran. Diesen Duft darf es nicht verlieren.

 

-15-

Es ist Montag, mein erster Arbeitstag nach den zwei Wochen Urlaub. Ich weiß noch gar nicht so Recht was los ist. Ich quäle mich aus dem Bett und auch der Rest geht nur schleichend vorran. Gerade so schaffe ich die Straßenbahn, ich sehe im Fenster der Straßenbahn wie scheußlich ich aussehe, als hätte ich keinen Spiegel zu Hause. Peinlich.

Als ich auf Arbeit ankomme ist dort eine Menge los, Autos stapeln sich vor dem Eingang und ich frage mich welche Promis hier gerade eingecheckt haben. Aber das ist totaler Quatsch, da das hier kein großartiges oder luxuriöses Hotel ist. Kopfschüttelnd gehe ich an den Autos vorbei und betrete das Hotel. Plötzlich ruft jemand "das ist sie" und gefühlte hundert Kameras richten sich auf mich und es blitzt nur so.

"Emi. Komm, schnell!" Ich sehe meine Chefin, sie zieht mich am Arm mit. Wir rennen die Treppen runter, die Fotografen, oder wer auch immer die Leute sind, bleiben stehen. Ich drehe mich um und sie machen fast alle ein zufriedenes Gesicht.

"Was ist hier los?", frage ich meine Chefin als wir unten angekommen sind, völlig aus der Puste.

"Sie sind der Meinung du bist mit einem Star ausgegangen!" Ich fange an zu lachen. Das kann gar nicht sein. Was wollen die denn von mir?

"So ein Quatsch. Am besten ist, ich gehe hoch und kläre das. Die schrecken ja die Hotelbesucher total ab."

"Aber Emi. Der Typ, der dich neulich besucht hat hier auf Arbeit..."
"Samu?", falle ich ihr ins Wort. Und dann weiß ich plötzlich was hier los ist. "Natürlich Samu.", sage ich völlig panisch.

"Du machst am besten gar nichts.", meint sie und ich sehe sie völlig verzweifelt an. "Mach deine Arbeit und diese Presseleute werden sich schon wieder einkriegen." Als wäre das alles nicht schon doof und schlimm genug passiert hier auch noch sowas. Ich breche in Tränen aus, weiß nicht mehr wo oben und unten ist. Eine ganze Woche lang geht das ganze jetzt, es werden weniger, aber es hört halt eben nicht auf. Am Freitag habe ich einen Kunden zum Massieren der mir plötzlich komische Fragen stellt und wo ich später rausfinde dass er ebenfalls von der Presse ist. Ich schmeiße ihn aus dem Wellness- Bereich...

Tränenüberströmt stehe ich bei Aino vor der Tür. Als ich oben bin und sie mich sieht umarmt sie mich sofort und schleift mich in ihre Wohnung.

"Emi.", sagt sie völlig erschrocken, ich muss wirklich scheußlich aussehen. "Was ist passiert?" Ich kann gar nicht aufhören zu weinen, ich schluchze immer wieder und sie lässt mich nicht los.

"Ich bin arbeitslos.", schluchze ich unterbrochen und sie lässt mich kurz los um mich anzusehen.

"Was?" Dann umarmt sie mich wieder.

"Alles nur weil die mich mit Samu gesehen haben.", schimpfe ich wütend, immer noch weinend. Doch dann lässt mich Aino los und ich ziehe mir erstmal meine dicke Jacke aus und meine Schuhe.

Als wir mit einem warmen Tee bei ihr auf der Couch sitzen habe ich mich wieder einigermaßen eingekriegt. Ich hatte die ganze Woche keinen Kontakt zu ihr.

"So eine Scheiße!", schimpft sie. Sie ist total wütend und ich frage mich warum sie so ist.

"Ja, das kannst du laut sagen. Was kann ich dafür dass diese Futzies das Hotel belagern? Samu ist doch auch nur ein Mensch der Leute brauch mit denen er abhängen kann.", sage ich sauer und mir kullern wieder Tränen über die Wangen.

"Ja, aber er hat dich gar nicht verdient!" Wow, was? Ich sehe sie fragend an. "Ach nein, so war das nicht gemeint.", versucht sie sich rauszureden.

"Oh doch, ich kenne dich. Was weißt du was ich nicht weiß?", frage ich und sehe sie fixierend an.

"Ich will nichts kaputt machen.", sagt sie.

"Wenn du mir nicht sofort sagst was du weißt, dann mache ich dich oder deine Wohnung kaputt!", sage ich drohend und sehe sie noch bohrender an.

"Die Jungs haben gewettet." Ja, das machen Jungs sehr oft. "Sami und Samu, sie haben darum gewettet ob Sami mich zuerst ins Bett kriegt oder Samu dich!"

"Das ist nicht wahr!", sage ich entsetzt und sehe meine beste Freundin verletzt an. Warum sollte sie lügen? Sie hat keinen Grund dazu.

"Doch, Emi, das ist wahr!" Aber die ganze Zeit die wir miteinander verbracht haben, das kann doch nicht alles nur dafür gewesen sein. Und dann der Brief. "Sami hat es mir erzählt bevor er wieder weg ist.", sagt sie traurig.

"Ihr hattet Kontakt?"

"Mehr körperlich als alles andere." Was ist denn hier los? "Ich weiß, ich war nie der Typ dafür, aber ich finde ihn heiß, anziehend und ich weiß dass eine Beziehung nicht klappt, also lassen wir es bei körperlichen Kontakt und das reicht uns beiden." Ich bekomme meinen Mund gar nicht mehr zu.

"Vielleicht war es ja erst so dass es nur eine Wette war und dann wurde mehr daraus, bei beiden.", sage ich ohne auf das einzugehen was sie eben erzählt hat. "Die Zeit mit ihm, ich habe mich nie besser gefühlt, also bei einem Mann. Ich kann und will nicht mehr auf ihn verzichten in meinem Leben.", träume ich vor mich hin. Jetzt fange ich selber mit diesem für immer Blödsinn an, ich erkenne mich nicht wieder. "Und jetzt wo er weg ist können wir das sowieso nicht klären. Ich muss erstmal sehen dass ich jetzt irgendwo einen Job bekomme." Dann schweigen wir uns an und ich weiß nicht was ich davon halten soll, dass Aino mir das mit der Wette gesagt hat. Vielleicht hat sie etwas falsch verstanden oder es war ein blöder Spruch den Männer halt schon mal raushauen.

"Emi, als Sami mir das erzählt hat, da ist mir das rausgerutscht dass wir beide miteinander geschlafen haben."
"Nein, oder?" Ich stelle meine Tasse auf dem Tisch ab weil sie mir sonst aus der Hand rutschen würde. "Warum? Wir haben ausgemacht dass es keiner erfährt!", sage ich sauer.

"Es tut mir leid!"

"Das ist mir egal. Es ist mir egal dass es dir leid tut. Sami wird es seinem besten Kumpel erzählen, der zufällig Samu heißt und dann war es das vielleicht!", sage ich völlig verzweifelt.

"Warum denn? Ihr hattet doch da noch gar nichts miteinander.", sagt sie völlig plump als wäre das etwas ganz normales dass wir miteinander geschlafen haben.

"Das ist doch egal!" Ich stehe auf, kann Aino nicht mehr ansehen.

"Bitte geh jetzt nicht, wir wollen doch beide nicht alleine sein!", sagt sie leise und traurig, doch auch das ist mir gerade sowas von egal.

"Ich bin lieber alleine als hier mit dir." Dann verlasse ich das Wohnzimmer, ziehe mich im Flur an und gehe dann zu mir. Diesmal kann ich nicht mal weinen. Ich bin wütend. Was ist das heute für ein beschissener Tag? Und ganz mal von diesem Tag abgesehen hat sich Samu nicht ein mal gemeldet die Woche. Wahrscheinlich weiß er von Sami was los ist und denkt jetzt dass ich in meine beste Freundin verliebt bin oder eine heimliche Affäre mit ihr habe, oder beides. Meine Gedanken drehen sich im Kreis.

-16-

Da ich am Wochenende sowieso nichts großartiges geplant hatte mache ich mich auf die Suche nach einem neuen Job. Ich gehe in die edelsten und teuersten Hotels in Helsinki und frage ob sie eine Masseurin suchen. In den meisten suchen sie Personal für den Wellness- Bereich, aber dafür muss man Physiotherapeut sein um dort arbeiten zu dürfen. In einem Hotel fragen sie mich ob ich nicht die aus der Zeitung bin und ich kann es nicht glauben als ich in ein Kiosk gehe dass die das wirklich gedruckt haben.

"So eine Idioten!", schimpfe ich laut vor mich hin. Der Zeitungsverkäufer nickt verständnisvoll. Dann verlasse ich den Laden wieder und schlendere durch die Straßen.

"Emi?" Eine bekannte Stimme. Ich drehe mich zur Seite und Sara sieht mich lächelnd an. Dann umarmen wir uns lange weil wir uns so lange nicht mehr gesehen haben. So richtig fest drücken kann ich sie nicht da ich sonst das Baby in ihrem Bauch zerquetsche.

"Wie geht es euch?", frage ich und streiche ihr über den Bauch. Durch ihren dicken Mantel kommt das bei dem Baby bestimmt nicht an.

"Alles sehr schön, wir suchen gerade nach einer größeren Wohnung.", meint sie und ich freue mich so sehr für die beiden. "Hast du nicht Zeit und Lust mit mir etwas trinken zu gehen?" Ich sehe sie anscheinend komisch an. "Also ich werd nur Orangensaft trinken.", grinst sie und ich grinse jetzt auch. Dann nicke ich und wir gehen in ein gemütliches Café.

"Du treibst dich ja nur noch mit Berühmten rum hab ich gehört!" Sie zwinkert und ich muss kurz lachen.

"Als ich ihn kennen gelernt hab war er noch nicht berühmt, jedenfalls kannte ich ihn dort noch nicht aus dem Fernseher oder so. Ich kannte das Lied, ja, aber dass er es singt. Woher hätte ich das wissen sollen?", schmunzele ich. "Aber er macht mich glücklich. Zum ersten Mal lasse ich Gefühle zu, geht bei ihm auch nicht anders. Er hat etwas was andere Männer anscheinend nicht haben, jedenfalls die mit denen ich was hatte." Sara nickt. Sie lächelt mich zufrieden an.

"Das ist toll, Emi. Wie du strahlst wenn du von ihm erzählst."

"Ja, aber er ist halt auch viel unterwegs." Und dann erzähle ich ihr alles was so in letzter Zeit passiert ist, auch von der Kündigung und sie will sich auch mal schlau machen da sie auf Arbeit kürzer getreten ist weil es wohl keine leichte Schwangerschaft ist. Und trotzdem lässt sie sich das nicht anmerken, echt stark diese Frau.

"Und naja, ich muss dir was sagen. Es ist nicht wirklich eine Risikoschwangerschaft, aber da dort zwei Lebewesen ranwachsen ist es besser kürzer zu treten.", sagt sie plötzlich und ich fange schlagartig vor Freude an zu weinen.

"Sara!", sage ich ungläubig und muss sie erstmal fest drücken. "Oh mein Gott. Deswegen auch die größere Wohnung?", frage ich und sie nickt, jetzt muss sie auch weinen und lachen gleichzeitig. "Wie wollt ihr das denn alles machen?" Ich kann mir das gar nicht vorstellen, ich bin schon unfähig auf ein Baby aufzupassen, glaube ich jedenfalls.

"Naja, indem wir dich als Patentante haben wenn du möchtest."

"Mich?", frage ich ungläubig und sie nickt heftig.

"Ich vertraue dir so sehr wie keinem anderen in unserem Freundeskreis!" Jetzt muss ich schon wieder weinen und die Leute um uns rum fangen an zu glotzen.

"Okay, dann will ich unbdingt Patentante sein. Ja, ich will!", lache ich und wische mir die restlichen Tränen aus den Augen.

"Trauzeugin auch?", fragt Sara und ich lache, guter Witz. "Das ist ernst gemeint." Sie sieht mich wirklich ernst an und ich krieg mich gar nicht mehr ein. Für so viele Informationen auf einmal ist mein Herz zu klein und auch mein Gehirn. Und diese ganzen Gefühle die da gerade so in meiner Seele rumschwirren.

"Ja.", sage ich nur und rühre in dem letzten Schluck meines Cappuccinos rum. Ich werde gerade total sentimental und plötzlich kommen wieder diese Gedanken auf ob ich jemals jemanden finde mit dem ich Kinder haben werde, den ich heiraten werde und bei dem ich mir vorstellen kann mit ihm alt zu werden. Oder ob das bei mir gar nicht möglich ist weil ich dafür einfach nicht gemacht bin.

"Alles ok?", fragt Sara und ich nicke. "Jetzt geht jeder seinen eigenen Weg, irgendwie. In der Schule hatten wir fast immer die gleichen Probleme und nun sind wir erwachsen." Ich will dazu gar nichts sagen, ich hab mich bisher nie erwachsen gefühlt. Ich war immer noch ein bisschen wie ein Teenie, manchmal auch etwas reifer. Aber als Erwachsene gebe ich mich nicht und so sehe ich mich auch nicht.

Mit diesen Gedanken fahre ich mit der Straßenbahn nach Hause. Mein Handy klingelt und ich gehe ran, unbekannter Teilnehmer.

"Hallo meine Schöne!" Seine Stimme zu hören ist Balsam für die Seele, gerade bei diesen doofen verwirrenden Gedanken eben.

"Hallo mein Schöner!", grinse ich in das Handy als könnte er es sehen. "Alles gut bei dir?"
"Ja. Und bei dir?", fragt er glücklich.

"Naja, jetzt wo du angerufen hast besser."

"Wollen wir uns sehen?" Was meint er? "Ich bin zu Hause, ich bin vor zwei Stunden nach Hause gekommen und musste erstmal schlafen."

"Ja natürlich komme ich vorbei. Bis gleich!"

Als ich an der Haltestelle bin springe ich aus der Bahn raus wie ein junges Reh und laufe hüpfend und grinsend zum Aufgang wo mein liebster Freund wohnt. Doch als ich gerade klingeln will fällt mir ein, was Aino Sami erzählt hat. Er war so freundlich am Handy. Will er sich nichts anmerken lassen?

Ich steige die letzte Treppe nach oben und sehe wie er im Türrahmen steht, angelehnt und er sieht mich lächelnd an. Ich lächele auch und umarme ihn als ich vor ihm stehe, dann gehen wir in seinen Flur, er schließt die Tür und wir küssen uns leidenschaftlich.

"Was machst du hier? Ich dachte du wirst ewig weg sein.", sage ich als sich unsere Lippen wieder voneinander gelöst haben.

"Wir machen Pause.", sagt er und klingt dabei irgendwie plötzlich nicht mehr so begeistert und ich frage mich ob ihm gerade eingefallen ist was Sami ihm erzählt hat.

"Schön.", sage ich und quäle mir ein Lächeln raus. Dann ziehe ich meine Schuhe aus, meinen Mantel habe ich schon aufgehangen.

"Lass uns reingehen, im Wohnzimmer ist es schön warm." Jetzt ist er wieder normal. Hm, spreche ich ihn jetzt drauf an oder nicht? Wir machen es uns auf dem Sofa gemütlich, er hat mal wieder ein paar Kerzen aufgestellt und hat es einfach nur noch gemütlicher gemacht als es so schon ist. Wir küssen uns lange, halten uns gegenseitig fest und es fühlt sich so an als würden wir uns aneinander klammern.

"Samu, ich muss dir was sagen!" Er wollte mir gerade mein Shirt über den Kopf ziehen.

"Aber doch nicht jetzt.", haucht er mir ins Ohr und ich kann nicht anders, ich halte meine Klappe und schlafe mit ihm. Ich habe das Gefühl er trainiert sich dabei irgendeinen Stress ab und ich hab die ganze Zeit Aino im Kopf. Irgendwas läuft hier schief, das ist Sex den ich so nie wieder haben wollte.

Ich sammle meine Sachen auf und gehe ins Bad. Samu sieht mich musternd dabei an. Im Bad mache ich mich erstmal frisch und ziehe mich wieder komplett an. Ich bin verwirrt, ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Wo sind plötzlich diese Gefühle? Dieses Kribbeln im Bauch und überhaupt. Ich fange an zu weinen, setze mich auf den Badewannenrand. Meine Tränen stoppen nicht und mein Schluchzen wird immer lauter.

"Emi?" Ich habe nicht abgeschlossen, ich sehe in Richtung Tür und sehe ihn verschwommen. "Was ist passiert? Habe ich irgendwas falsch gemacht?", fragt er. Ich glaube nicht dass Sami und er immernoch eine Wette am laufen haben, was würde das hier denn sonst bringen?

"Nein, aber ich." Samu setzt sich zu mir, sieht mich erwartungsvoll von der Seite an. "Du weißt es doch dass ich mit meiner besten Freundin geschlafen hab, tu doch nicht so als hätte dir Sami nichts davon erzählt!", sage ich lauter als ich will und auch sauer.

"Was hast du?" Ich stehe auf und stelle mich vor ihn. "Und warum sollte Sami das erzählen und überhaupt...?" Er weiß gar nicht was er sagen soll.

"Wir waren da noch nicht zusammen!", sage ich schnell.

"Aber es scheint dich ja trotzdem irgendwie noch zu beschäftigen.", sagt er und ich sehe ihn mit großen Augen an.

"Nein!", sage ich wieder schnell und für mich selber klingt es wie eine Lüge. "Wir waren ziemlich betrunken und es war auch nie meine Absicht oder so!" Hört sich alles wie ein Rausreden an. "Es ist nichts normales wenn so etwas passiert und deswegen schwirrt es halt in meinem Kopf rum.", erkläre ich ihm und setze mich wieder auf die Badewanne. Er legt mir seine linke Hand auf meinen rechten Oberschenkel, ich starre auf die Wand gegenüber von uns. Ich merke dass er mich von der Seite ansieht.

"Wir haben alle unsere Macken oder Sünden.", meint er dann und klingt bedrückt. "Ich habe an dem Abend als wir uns zu viert getroffen haben, also Aino, Sami du und ich, mit Sami diese Wette abgeschlossen. Ob er zuerst Aino ins Bett kriegt oder ich dich. Sowas dummes." Ich sehe ihn jetzt auch an und lächele. Ich kann gar nicht anders. Er ist so ehrlich und in seiner Stimme höre ich dass es ihm wirklich leid tut.

"Ist schon ok." Ich lehne meinen Kopf an seine linke Schulter und schließe die Augen. "Das mit Aino geht mir nicht aus dem Kopf weil es mir gezeigt hat, dass es viel schöner und intensiver ist mit jemandem zu schlafen, den man kennt und dem man vertrauen kann. Bei dem man sich völlig fallen lassen kann. Dieses Ereignis, nenne ich es mal, war der Schlüssel zu diesem Klick in meinem Gehirn, das war das, was mir die Augen geöffnet hat. Und dann noch diese Gefühle in meinem ganzen Körper wenn ich dich sehe." Ich rede leise, doch die Wände des Bades hallen meine Worte leicht wider und es hört sich an wie eine Brise Magie in der Luft und es fühlt sich auch so an.

"Du bist so wunderschön.", haucht Samu mir ins Ohr und da ist wieder dieses Kribbeln, dieses wunderschöne, unbeschreibliche Gefühl. "Ich war lange nicht mehr so sehr verliebt!" Ich sehe ihn mit großen Augen an, ich kann nicht beschreiben wie es sich gerade für mich anfühlt. Ich könnte weinen vor Freude, schreien vor Glück, ihn auffressen weil er mich so anmacht und gleichzeitig möchte ich ihn umklammern und nie wieder gehen lassen. "Komm wir gehen wieder ins warme Wohnzimmer."

Wir sitzen wieder auf der Couch, mit einer kuscheligen Decke und erzählen über Gott und die Welt. Mal wieder genieße ich diese Zeit, versuche jeden Augenblick, jedes Detail in meinen Kopf einzuprägen.

-17-

 

Jetzt wo ich weiß dass Samu das ziemlich locker sieht, was da zwischen Aino und mir gelaufen ist, bin ich ziemlich erleichtert. Und jetzt bin ich auch nicht mehr so sehr sauer auf sie. Doch als ich sie anrufe geht sie nicht an ihr Telefon und auch nicht an ihr Handy. Und zu Hause ist sie auch nicht, ich habe ein paar Mal bei ihr geklingelt, vier Tage am Stück. Das ist untypisch für sie, selbst wenn wir uns streiten macht sie sowas nicht, dass sie sich gar nicht meldet oder abmeldet wenn sie wegfährt oder so. Ich mache mir langsam Sorgen, ich habe kein gutes Gefühl.

Am Montag kommt Samu wieder und ich freue mich auf ihn, die gemeinsame Zeit tut uns beiden immer sehr gut. Ich vermisse ihn schon sehr wenn er weg ist, aber es ist gut so wie es ist. Am Tag an dem die Jungs wieder zurück kommen gehe ich gerade an dem Haus vorbei wo Aino wohnt und traue meinen Augen nicht als ich sehe wie sie mit Sami vor ihrer Haustür steht, mit zwei dicken Koffern und sie sind gerade dabei das Haus zu betreten. Ich bleibe wie angewurzelt stehen und rufe ihren Namen. Sie dreht sich zu mir um und sieht mich total abwertend an.

"Wo warst du?", frage ich sie trotzdem und gehe näher zu ihr. Um so näher ich ihr komme um so blöder guckt sie mich an.

"Auch wenn es dich nichts mehr angeht, ich war mit den Jungs auf Tour." Ich sehe sie ungläubig an, Sami verschwindet im Haus. "Da guckst du, was?", sagt sie noch frech und wendet sich von mir ab um ebenfalls im Haus zu verschwinden. Mit Tränen in den Augen und einer ungeheueren Wut mache ich mich auf den Weg nach Hause. Ich habe Samu gesagt wie sehr ich mir Sorgen mache, wenn wir telefoniert haben und ich habe gesagt dass ich meine beste Freundin vermisse, wie viele Gedanken ich mir mache um sie. Und er hat nichts besseres zu tun als es mir zu verschweigen, dass sie bei ihm und den anderen ist? Ich bin unglaublich enttäuscht und jetzt kommt nicht mal eine Nachricht oder sonst was von ihm dass er wieder da ist. Diesmal kann er seinen Arsch zu mir bewegen, ich renne ihm nicht hinterher, es dreht sich nunmal nicht immer alles um ihn wenn er wieder da ist.

Am Abend mache ich mir gerade einen Auflauf als es an der Tür klingelt. Einerseits hoffe ich, dass er es ist, andererseits wünsche ich mir dass es jemand anderes ist. Ich drücke auf den Knopf und öffne dann meine Tür. Natürlich ist es Samu.

"Hallo!", sage ich tonlos, ist ja nun mal keine Überraschung mehr dass er wieder da ist. Er will mir einen Kuss aufdrücken, ich weiche ihm aber aus.

"Was ist mit dir?", fragt er und sieht mich so ahnungslos an, dabei müsste er doch ganz genau wissen was los ist. Ich bin vielleicht blond, aber nicht blöd.

"Das fragst du noch?", meine ich deshalb sehr sauer. "Meine beste Freundin, um die ich mir Sorgen mache, geht mit euch auf Tour und du sagst es mir nicht?" Er sieht zum Boden. "Oh warte, ich meine Ex- beste Freundin. Und hey, der Boden hilft dir auch nicht!" Er sieht mich an wie ein kleines Kind das Mist gebaut hat, aber wir sind hier nun mal nicht mehr im Kindergarten. "Was soll die Scheiße?" Ich will dass er endlich was sagt. Stattdessen will er mich umarmen, ich weiche ihm aber wieder aus und gehe lieber in die Küche um nach meinem Essen zu schauen.

"Vielleicht sollten wir nicht mehr zusammen sein, wenn wir uns nicht vertrauen können oder was auch immer wir für ein Problem haben!", piepst es aus Richtung des Türrahmens und ich drehe mich schlagartig zu ihm um.

"Warum sagst du sowas?", frage ich und sehe ihn direkt an, plötzlich kann er das nicht mehr und ich umso besser.

"Du sagst mir nicht dass du gekündigt wurdest und ich habe dir nicht gesagt dass Aino mit uns auf Tour ist, nur weil sie mich drum gebeten hat!" Ich schlucke schwer, um nicht weinen zu müssen. Jedes mal wenn er wieder da ist streiten wir uns. Ich habe es als belanglos gesehen ihm von der Kündigung zu erzählen.

"Dass ich dir das nicht erzählt habe hat nichts mit Vertrauen zu tun. Ich wollte nicht dass du dir irgendwelche Vorwürfe machst. Die haben mich gekündigt weil solche Presseleute das Hotel belagert haben, weil sie uns beide zusammen gesehen haben. Der Chef hat das nicht geduldet. Und außerdem, wie stehe ich denn da? Du bist so erfolgreich und ich habe nicht mal einen kleinen Job!" Ich drehe mich um und hole den Auflauf aus dem Ofen. Ich lade ihn ein dass er gern mitessen kann, doch danach bitte ich ihn zu gehen. Ich will alleine sein, ich kann seinen Anblick gerade nicht ertragen. Ich hatte mich so gefreut ihn wieder zu sehen und jetzt endet dieser Abend wieder in einer Katastrophe.

Am nächsten Tag überlege ich hin und her ob ich mich bei ihm melde. Aber ich bin einfach zu verletzt und enttäuscht. Und als hätte das nicht schon alles gereicht sagt er dann auch noch einfach dass es vielleicht besser wäre wenn wir nicht zusammen wären. Das hat mir einen ordentlichen Stich ins Herz versetzt und auch wenn wir uns erst ein paar Monate kennen, er ist mir so wichtig geworden und ich weiß ganz genau dass ich ihn schwer vergessen kann oder gar nicht. Und das will ich ja auch gar nicht, egal wie sehr er mir misstraut hat. Diese Funkstille zwischen uns macht mich verrückt. Jetzt ist er hier in meiner Nähe und nichts passiert.

Doch am Abend sitzen wir in einer Bar, es wäre auch alles ganz wunderbar und schön, wenn wir nicht auf Freunde von ihm warten würden. Wir schweigen uns mehr an als dass wir miteinander sprechen und wenn wir sprechen, dann ist es nur Smalltalk. Ich ärgere mich dass wir hier sitzen und das tun was wir tun. Wir könnten die Zeit viel sinnvoller und schöner verbringen.

"Aino hat viel über dich erzählt!", platzt es plötzlich aus ihm herraus und dieser Unterton in seiner Stimme gefällt mir absolut nicht. Was soll das hier werden? "Von deinem Leben vor mir, wie du dir einen nach dem anderen geangelt hast. Schon irgendwie komisch, das zu hören." Ich schnappe hörbar nach Luft und ich frage mich ob sich jetzt alle gegen mich verschworen haben, oder in welchem Film ich hier eigentlich bin.

"Ist das gerade dein Ernst was du hier von dir gibst?", frage ich ärgerlich. "Mit wem bist du eigentlich zusammen? Mit mir oder doch vielleicht mit ihr? Was geht dich meine Vergangenheit an? Ich komme doch auch nicht auf die Idee Sami auszufragen was du so vor mir alles getrieben hast!" Ich bin so sauer, mir wird richtig warm vor Wut. Er sieht mich an als hätte ein Blitz eingeschlagen, so hat er mich noch nie erlebt glaub ich. "Ich habe dir das erzählt was für mich okay war und ich habe dir gesagt was ich für dich empfinde.", sage ich leise zu ihm, mit gebrochener Stimme. "Aber wenn du alles wissen willst, dann sage ich dir auch noch, dass mir mit 16 etwas genommen worden ist. Und zwar wahre Gefühle. Und die Vorstellung von wahrer Liebe. Seit diesem einen Tag gab es für mich nur noch Äußeres, ich habe keinen richtig an mich rangelassen, nicht an mein Inneres. Du warst der erste Mann dem ich wieder Gefühle gezeigt habe, dem ich Liebe schenken kann, bei dem ich mich geborgen fühle. Ich wurde mit 16 Jahren vergewaltigt." Der letzte Satz ist mehr gehaucht als gesprochen, es fällt mir schwer das über meine Lippen zu bringen, gerade bei ihm. Ich stehe auf und verlasse die Bar wenig später, am liebsten möchte ich mich fallen lassen auf den kalten Boden, doch irgendwie schaffen es meine Beine mich nach Hause zu tragen.

 

 

-18-

 

Zu Hause angekommen zeihe ich mir meine Sachen aus, schmeiße mich in meine Nachtwäsche und verkrieche mich im Bett. Ich weine so laut wie ich kann. Und so lange wie ich es aushalte, bis ich fast keine Luft mehr bekomme. Ich fühle mich so elendig, so verarscht, so hintergangen und das von einer Person die ich seit Jahren meine beste Freundin nenne. Genannt habe. Wie kann sie ihm Dinge aus meiner Vergangenheit erzählen? Von den Männern und was weiß ich, ich weiß ja nicht mal was sie genau erzählt hat, wie tief sie ins Detail gegangen ist bei ihren Erzählungen. Warum macht sie das? Sie wirkte so verständnisvoll für diese ganzen Dinge nachdem ich ihr von der Vergewaltigung erzählt hatte. Ich bin so durcheinander, ich weiß gar nicht was ich zuerst denken soll.

Ein paar Tage später treffe ich mich mit Lenni. Er hat mich gefragt ob wir was essen gehen wollen, da er von Sara so ein bisschen weiß was gerde los ist bei mir und Aino wohl auch mal wieder bei uns im Freundeskreis ziemlichen Mist erzählt über mich. Wir gehen in ein teures Restaurant und Lenni beharrt darauf dass er bezhalt, womit ich ihm sehr dankbar bin, da ich im Moment wirklich wenig Geld habe. Ist schon doof so ohne Job. Wir erzählen uns viel und er zeigt mir sogar ein Ultraschallbild von meinen beiden Patenkindern. Ich habe gleich wieder Tränen in meinen Augen.

"Ich freue mich auf die beiden!", grinse ich bis über beide Ohren.

"Na wir uns erst!" Er übertrifft mein Grinsen, natürlich. "Aber freust du dich auch noch wenn ich dir sage dass es zwei Jungs werden?", flüstert er und ich nicke und mir entweicht eine Träne aus dem Auge. Ich wische sie weg und nicke ihm grinsend zu. Nach einer Weile Schweigen sieht er mich ernst an. "Es tut mir leid was Aino über dich erzählt, ich weiß dass sie Unrecht hat.", sagt er und nimmt meine Hand.

"Was sagt sie denn? Lenni, vielleicht stimmt es ja."

"Ach Quatsch, niemals. Sie behauptet du hättest eine Familie zerstört." Ich sehe nach unten, habe keine Ahnung was ich jetzt sagen soll. Aber die Wahrheit wäre ein guter Anfang.

"Hat sie einen Namen genannt?" Lenni nickt. "Tomi?" Wieder nickt er und ich sortiere erstmal die Wörter in meinem Kopf ehe ich anfange zu erzählen. "Ich habe mit ihm eine Nacht verbracht, so wie mit vielen Männern. Ich schäme mich nicht dafür, so war ich nun mal und es gab auch Hintergründe dafür. Tomi war der letzte. Er hat mir nachdem wir miteinander geschlafen haben erzählt dass er eine Frau hat und sie ein gemeinsames Kind haben. Hätte ich das vorher gewusst, dann hätte ich nie was angefangen mit ihm. Und er ist mir hinterher gerannt, er meinte, er hätte sich in mich verliebt und dass er sich von seiner Frau trennen will. So ein Quatsch!" Lenni sieht mich ziemlich beeindruckt an, also nicht so negativ wie ich es erwartet habe.

"Was für ein blöder Typ!", schimpft Lenni und hält meine Hand noch fester als vorher. "Emi, du hast null Schuld!", sagt er als er sieht wie ich mich schäme, ich sehe nach unten auf das unbenutzte Besteck. "Natürlich hat es Aino nicht so erzählt. Aber weißt du, wir sind deine Freunde, wir lassen dich nicht einfach im Stich weil so eine daher gelaufene Tussi so etwas erzählt. Sie hat sich selbst in etwas verrannt und sie weiß nicht mehr wie sie da rauskommt." Er klingt so wütend und ich kenne ihn so gar nicht. Aber er muntert mich auf, er redet mir Mut zu.

"Sie war mit den Jungs auf Tour, sie hat Samu alles erzählt. Und deswegen habe ich jetzt keinen Kontakt mehr zu ihm. Ich habe das Gefühl er glaubt ihr mehr als mir. Obwohl er der erste Mann ist, dem ich richtige Gefühle zeige und in mir drin spielt alles verrückt wenn ich ihn sehe. Ich kann nicht mehr klar denken und will es auch gar nicht wenn er in meiner Nähe ist. Die Zeit die wir haben wenn er da ist, die genieße ich so sehr. Jedes Mal freue ich mich auf ein Wiedersehen." Ich könnte jetzt stundenlang weiter schwärmen, doch ich stoppe mich selber und sehe meinen besten Freund verzweifelt an.

"Er muss auf dich zugehen. Wenn er die Scheiße glaubt die Aino ihm da erzählt hat, dann ist es seine Schuld. Und Emi, wenn das so ist, dann hat dieser Trottel so eine wundervolle, schöne und bezaubernde Frau wie dich nicht verdient!" Nach dieser Ansage lässt er meine Hand los und das Essen wird gereicht. Die ganze Zeit beim Essen hallen seine Worte in meinem Kopf wider. Er hat Recht, wenn Samu Aino glaubt, dann hat er mich doch gar nicht verdient, wenn er ihr mehr glaubt als mir.

Ich erzähle Lenni an diesem Abend auch von dem was mir mit 16 Jahren wiederfahren ist. Und dieses Gespräch verändert plötzlich so vieles. Als ich auf dem Weg nach Hause bin, bin ich plötzlich wieder ein anderer Mensch, noch stärker und ich weiß was ich zu tun habe.

>Hallo. Ich bin morgen wieder zu Hause. Können wir dann reden? Samu.<

Ich wusste dass sie morgen wieder da sind. Sami hat mich gestern angerufen und lange mit mir telefoniert. Ich wusste gar nicht was er für ein herzlicher und ehrlicher Mensch ist. Er hat sich endgültig von Aino getrennt. Sie hat sich Tag für Tag weiter in etwas reingesteigert was weder er noch die anderen Jungs begreifen. So wie ich es verstanden habe, war sie wieder mit auf Tour und wurde dann nach Hause geschickt. Seitdem hat er nichts mehr von ihr gehört. Er macht sich Sorgen, das habe ich in seiner Stimme gehört. Er hat mir viel erzählt was sie so machen und er hat mich gefragt ob ich schon einen neuen Job gefunden habe. Ich habe ihm erzählt dass ich im Moment noch nicht arbeiten gehen kann da zu viel passiert gerade, aber bald werde ich weitersuchen und dann finde ich auch etwas. Ich habe heute meine Therapie angefangen. Ich gehe zu einem Psychologen, denn ich habe eine Menge zu verarbeiten. Über Jahre hat sich alles in mir gestaut, auch wenn ich es nicht immer merke, aber es ist da und von alleine geht es nicht, dieser Druck in meinem Körper. Dieser tiefsitzende Schmerz. Ich mag die Psychologin, ich hatte Angst. Und jetzt freue ich mich auf Montag wenn ich sie wiedersehe und wir vielleicht wieder einen Schritt vorwärts machen.

>Ja. Komm doch zu mir zum Mittag! Emi< antworte ich ihm mit einem leichten Lächeln im Gesicht. Und dabei habe ich Tränen in den Augen.

>OK. Bin um 13 Uhr bei dir.<

Geschrieben. Getan. Um Punkt 13 Uhr klingelt es an meiner Tür. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, habe überlegt wie ich meine Sätze formuliere, was ich ihm alles zu sagen habe und ob er überhaupt drauf eingeht.

"Hallo du!", sagt er als ich die Tür öffne und ich lasse ihn rein.

"Hi!", lächele ich und wir umarmen uns nach kurzem Zögern. Erst scheint es wieder so eine dieser Umarmungen zu werden bei der es so ist als wollten wir uns nicht mehr loslassen, aber dann löse ich mich aus seinen Armen und er sieht mich gleich ganz komisch an, irgendwie bedrückt. "Ich habe einen Auflauf gemacht. Mit Lachs und Spinat.", meine ich total stolz, doch irgendwie sieht er mich immernoch so komisch an.

"Das klingt echt gut, aber ich bekomme keinen Bissen runter!" Ich betrete die Küche und er bleibt im Türrahmen stehen. Als ich mich zu ihm umdrehe sehe ich dass er weint. Er wischt sich übers Gesicht und ich weiß nicht was ich machen soll. Ich stehe da wie angewurzelt. "Ich weiß selber nicht was mit mir los ist." Schön dass er von sich spricht. "Dieser ganze Druck, hier hin, da hin. Am Anfang hat das echt Spaß gemacht, aber jetzt ist es belastend. Wir sind alle ziemlich kaputt."

"Setz dich!", sage ich und deute auf den Stuhl wo er immer gesessen hat. Er setzt sich an den Tisch und ich setze mich ihm gegenüber, beide haben wir einen Teller vor uns zu stehen, einen mit leckerem Essen.

"Ich hatte irgendwie gehofft dass du was anderes sagst!", meine ich als ich fast aufgegessen hab, er hat mehr im Essen rumgestochert als dass er was gegessen hat. Er sieht mich an, fragend. "Ich hab dich eingeladen dass WIR über UNS reden, oder gibt es dieses WIR nicht mehr?" Innerlich koche ich, aber von außen wirke ich ruhig. Ich will das hier ganz in Ruhe klären.

"Natürlich, wie kommst du darauf, dass...?" Er unterbricht sich selbst.

"Samu, so geht das nicht. Du hast mir so sehr misstraut, du hast Aino geglaubt, du hast dir Geschichten von ihr erzählen lassen die dich nichts angehen. Du hast mich damit verletzt dass du ihr mehr glaubst als mir. Und dann kommst du hier an und alles was du mir zu sagen hast ist, dass DU nicht weißt was mit DIR los ist? Na Danke auch!" Ich stehe vom Tisch auf und räume die Teller ab. Dabei fange ich an zu weinen. Ich bleibe an der Spüle stehen und wasche die Teller gleich ab. Ich merke wie Samu mich von hinten umarmt, sich an mich rankuschelt. Ich atme tief ein und ich liebe seinen Duft. Und auch mein ganzer Körper kribbelt und bebt. Aber es ist dieses Gefühl wie bei diesen Männern mit denen ich nur was für eine Nacht hatte. Es ist nicht mehr diese Verliebtheit.

"Es tut mir leid!", haucht er mir ins Ohr. "Ich hab Mist gebaut, ich weiß!" Ich nicke nur und drehe mich zu ihm um. Zwischen uns hat kein Blatt Papier mehr Platz. "Ich will dich nicht verlieren. Ich will doch nur dich." Ich quäle mir ein Lächeln raus.

"Ich dich auch!" Kaum habe ich das ausgesprochen küsst er mich, ich erwidere den Kuss und wir knutschen wild rum und lieben uns noch in der Küche. Kurz und wild. Lieblos und doch voller Gefühle.

"Lass uns eine Pause machen. Komm du ein bisschen runter, mach Urlaub oder irgendwas und ich mache meine Therapie.", sage ich als wir uns angezogen haben und zusammen im Bad sind. Er sieht mich an als hätte ich ihm sonst was für eine ungläubige Geschichte erzählt.

"Aber jetzt wo ich Urlaub habe will ich doch Zeit mit dir verbringen."

"Hörst du mir nicht zu?", frage ich ihn sauer. Diesmal kann ich es nicht zurück halten wie sauer und enttäscht ich bin. "Es geht nicht nur um das was du willst! Verdammt, Samu. Ich mache eine Therapie, ich hab eine Menge zu verarbeiten. Auch wenn es 10 Jahre her ist. Mir ist das verdammt wichtig das durch zu ziehen." Jetzt sagt er gar nichts mehr, er verlässt das Bad und ich befürchte dass er sich jetzt vollständig anzieht und dann meine Wohnung verlässt. Ich gehe in den Flur, so einfach geht das nicht.

"Ich wünsche dir viel Glück und Erfolg!", sagt er mit Tränen in den Augen.

"Ich dir auch!" Dann gibt er mir einen Kuss auf die Wange und verschwindet. Wären wir in einem Film würde er jetzt wieder klingeln wenn ich die Tür schließe, ich würde öffnen, wir würden uns küssen, sagen dass wir uns lieben und der Film wäre zu Ende mit Happy End. Aber das hier ist das wahre Leben. Traurig, aber wahr.

 

-19-

Mittlerweile haben wir Anfang Februar.

Weihnachten und die Nacht von Silvester ins Neujahr waren einer der schönsten Tage die ich je erlebt habe. Samu war bei mir, ich bei ihm und unsere Freunde um uns herrum. Etwas schöneres konnten wir uns beide nicht vorstellen. Wir sind jetzt ein richtiges Paar. Nach einem halben Jahr schaffen wir es, uns nicht mehr so oft zu streiten, nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit. Wir haben uns besser kennen gelernt, nach und nach, bis wir uns wieder näher gekommen sind. Ich habe mich durch diese ganze Erfahrung verändert, meine Freunde sagen im positiven Sinn. Ich merke es ja selber, dass ich ganz anders bin. Eine Beziehung mit einem so wundervollen Mann zu haben ist Gold wert. Manchmal noch etwas schwer, aber ich gebe mir Mühe.

Im März werden Lenni und Sara heiraten, dann werden die beiden Jungs schon auf der Welt sein. Es ist Wahnsinn wie groß und rund der Bauch von Sara ist. Ich muss mir jedes Mal das Lachen verkneifen. Ich möchte nie mit so einem Bauch rumrennen.

Und ich habe einen neuen Arbeitsplatz, Samu hat mir geholfen. Ich arbeite jetzt in einem noblen Hotel und verdiene damit gutes Geld. Ich konnte schon eine Weiterbildung machen und es werden noch einige folgen. Es ist wirklich schön dort, die Kollegen sind sehr nett und auch die Gäste im Hotel, egal wie elegant sie sind, manche sind teilweise richtig lustig. Und viele kommen wieder und meinen, dass sie sich schon auf die tollen Massagen freuen. Das ist das was mich so glücklich macht in diesem Beruf.

Mit Aino habe ich abgerechnet, sie hat nichts mehr in meinem Leben zu suchen. Sie hat so viele Lügen über mich verbreitet, versucht, Samu und mich auseinander zu bringen. Mittlerweile wohnt sie auch nicht mehr in Helsinki, was mir ganz gut gefällt. Ich habe einfach keine Lust mehr sie zu sehen, das würde mir dann immer die Laune verderben.

Ich nehme mir mein Telefon und rufe Lenni an, um mich kurz zu erkundigen wie es Sara geht.

"Die wollen die Geburt auf natürlichem Wege durchziehen.", erzählt er mir. "Sara will das wohl so. Ich kann das nicht verstehen. Tut das nicht weh?" Ich lache kurz.

"Woher soll ich das wissen?", frage ich ihn und er schweigt, dann höre ich ihn auch lachen.

"Aber hey, warte nicht zu lange." Ich höre wie er grinst.

"Ähm hallo? Das ist das allerletzte woran ich gerade denke. Die beiden reichen mir dann erstmal.", scherze ich rum. Klar frage ich mich ob ich irgendwann mal von Samu ein Kind bekommen werde, aber nicht so intensiv, es ist eher immer so ein Blitzgedanke der genau so schnell wieder geht wie er gekommen ist.

"Du musst unbedingt herkommen und dir die tollen Kinderzimmer angucken."

"Au ja. Wie wäre es morgen nach der Arbeit?", frage ich. "Ach nein, warte. Samu kommt morgen nach Hause."

"Dann bring ihn mit.", meint Lenni. "Dann kann er mir gleich helfen noch ein paar Möbel rumzuschleppen."

"Clever gemacht, Lenni.", lache ich. "Aber ist okay, das wird er sicherlich machen." Dann reden wir noch ein bisschen und verabschieden uns wenig später und dann sehe ich auf dem Display dass wir fast eine Stunde telefoniert haben, so viel zu "ein bisschen". Ich muss lachen.

Am nächsten Tag warte ich nach der Arbeit vor dem Hotel auf meinen Freund. Heute Morgen sind sie gelandet. Es ist traurig dass wir uns in der Öffentlichkeit nicht so zeigen dürfen wie wir gerne wollen, aber ich habe mich mittlerweile damit abgefunden, um nicht angefreundet zu sagen, das wäre Quatsch. Ich würde super gerne seine Hand halten, ihn knutschen bis alle glotzen und was weiß ich, was es da noch alles so gibt.

"Hallo.", grinse ich ihn an und wir umarmen uns ganz doll.

"Hi meine Süße!", grinst auch er. "Oh ich hab dich so vermisst!", flüstert er mir ins Ohr und ich muss kichern weil er mich damit kitzelt.

"Ich dich auch, aber lass uns da später weitermachen!", zwinkere ich ihm zu. Er weiß dass wir jetzt zu Lenni gehen und er hat gesagt, er hilft gerne. Das liebe ich echt an ihm, wenn er gebraucht wird ist er da.

Wir klingeln an der Tür und Lenni macht uns die Tür auf. Wir begrüßen uns mit einer Umarmung und selbst die beiden Männer umarmen sich.

"Schön dass du wieder bei meiner Emi bist!", lächelt Lenni ihn an.

"Bei meiner Emi!", korrigiert Samu ihn und ich stehe nur lachend daneben.

"Ihr Spinner!" Dann zeigt er uns die Wohnung und da wo es was zum anpacken gibt hilft mein Freund meinem besten Freund und dieses Bild ist so göttlich, ich kann gar nicht aufhören zu grinsen. Als letztes gehen wir nach oben und nachdem er uns fast alles gezeigt hat zeigt er uns die beiden Kinderzimmer und ich könnte weinen weil es so süß aussieht. Ich schlinge meine Arme um Samu und blicke mich verträumt um. "Die beiden werden es hier sehr schön haben."

"Wisst ihr denn schon wie die beiden heißen sollen?", fragt Samu und legt seine Arme um mich, ich kann seinen Herzschlag spüren und ich merke, wie wir gleich ganz schnell nach Hause müssen, da ich ein ganz dringendes Bedürfnis habe. Ich grinse in mich rein.

"Ja, aber das verraten wir nicht.", grinst Lenni und ich nicke, da ich es für richtig halte. Alles andere würde nur Unglück bringen.

Wir machen uns auf den Weg nach Hause, im BMW von Samu, mit dem wir auch eben bei Lenni waren, natürlich hat der nicht schlecht geguckt als er den Schlitten gesehen hat. Ist ja auch ein schicker und toller Flitzer. Und ein teurer.

"Wo fährst du hin?", frage ich ihn. Ich bin total nervös weil ich gerade andere Dinge tun will als hier mit ihm rumzufahren.

"Nun warte doch mal ab.", sagt er etwas genervt da ich auf meinem Sitz schon total hibbelig hin und her rutsche.

"Aber ich will doch nur..."

"Pssst!", macht er und sieht mich kurz an. Dann fahren wir in ein Waldstück, er hält an, macht den Motor aus und sieht mich so krass an, dass ich plötzlich wie angewurzelt dasitze. Dann schnallt er sich ab, mich ebenfalls. Er streift dabei meine Brüste und grinst. "Entspann dich!" Dann spüre ich seine Hand zwischen meinen Beinen, ich schließe die Augen und atme schwer aus. "Die Rückbank ist besser für das was ich vorhabe!", haucht er mir ins Ohr und knabbert kurz daran, er weiß ja gar nicht wie sehr mich das anmacht. Dann steigen wir schnell um und er verriegelt das Auto. Die hinteren Scheiben sind getönt, zu unserem Vorteil. Ich ziehe meine dicke Jacke aus und schmeiße sie samt Schal auf den Vordersitz, wie auch Samu es macht. Dann küssen wir uns leidenschaftlich, unsere Zungen spielen ein wildes und doch einfühlsames Spiel während dessen unsere Sachen mehr oder weniger von unseren Körpern verschwinden. Ich hätte nie gedacht, dass Sex im Auto so erotisch sein kann. "Ich habe das so vermisst, deinen Körper und das hier!", flüstert er schwer atmend und dringt dann in mich ein, so dass ich laut aufstöhne. Mit jeder Bewegung von ihm verschmelzen wir mehr und mehr und ich kann dieses wahnsinnige Gefühl nicht beschreiben was ich gerade empfinde. Mein ganzer Körper bebt, sein Körper ebenfalls und wir sind so in Ekstase dass wir gar nicht mehr aufhören können oder wollen.

 

-20-

"Happy birthday to you, happy birthday to you. Happy birthday dear honey, happy birthday to you!" Ich blinzele, kann durch die Sonne gar nicht wirklich etwas erkennen, nur Samu der etwas in der Hand hat und sich auf die Bettkante setzt. Als sich meine Augen an das Sonnenlicht gewöhnt haben lächele ich und beiße mir auf die Unterlippe weil ich sonst anfange zu weinen. Dann bekomme ich einen sanften, wunderschönen Kuss und sehe auf den Kuchen. "Guten Morgen. Alles Liebe und Gute für dich.", sagt er lächelnd und ich lächele zurück.

"Guten Morgen. Wow, danke. Hast du den selber gemacht?" Er nickt stolz. "Dann kann ich den nicht essen, der ist bestmmt vergiftet.", sage ich ernst und muss dann lachen weil er mich total entgeistert ansieht.

"Bist du frech heute!", stellt er fest. Dann stellt er den Teller auf dem Nachttisch ab und kitzelt mich ab, wie er es immer macht wenn ich ihn mal ein bisschen necke.

"Nicht an meinem Geburtstag!", quieke ich. "Das ist noch fieser als sonst." Er macht weiter. "Du darfst nicht auf meine Party kommen!"

"Party? Welche Party? Du hast doch gar keine geplant!", grinst er und macht weiter. Scheiße, stimmt.

"Das ist ein Trennungsgrund, wenn du mich weiter kitzelst!", quieke ich und er hört auf und sieht mich an.

"Das glaube ich nicht. Du kannst dich nicht von mir trennen.", sagt er ernst. Und irgendwie macht mir dieser Satz Angst, da dort eine Wahrheit hinter steckt die mir bisher noch gar nicht so bewusst war. Ich bin nicht mehr die Emi die mit jedem ins Bett steigt. Ich bin jetzt die Emi, die in einer festen Bezeihung ist mit dem tollen und wunderbaren Samu, den sie nicht mehr loslassen will.

"Ja, da hast du Recht. Dafür bin ich viel zu sehr verliebt in dich Spinner!", grinse ich ihn an und wuschel durch seine Haare. Ich weiß dass er das nicht mag, aber weil ich es so liebe hält er es aus und das bringt mich zum Schmunzeln.

"Ich auch in dich.", sagt er und wir küssen uns wieder.

Seit zwei Wochen ist er nun hier, am Stück und wir haben fast die ganze Zeit miteinander verbracht, mal bei ihm, mal bei mir und die Zeit mit ihm wird immer schöner. Bei anderen wird es langweiliger oder sonst was, aber bei uns beiden kommt keine Langeweile auf, wir wissen immer was wir unternehmen wollen, haben oft die gleichen Ideen und dieses Kribbeln in meinem Bauch ist viel intensiver als zu dem Zeitpunkt, an dem wir uns kennen gelernt haben. Diese Pausen in denen wir uns nicht sehen wenn er unterwegs ist macht das ganze noch interessanter. Es ist manchmal richtig schwer ihn wieder gehen zu lassen und für ihn ist es schwer von mir zu gehen, aber beide wissen wir dass da jemand ist der wartet.

"Warum machst du dich so hübsch, also noch hübscher als du so schon bist?", fragt er am Nachmittag als ich im Bad bin und mich gerade schminke.

"Weil es mir Spaß macht!", grinse ich ihn an. "Es ist mein Geburtstag, das soll mir jeder ansehen.", sage ich dann ernst und Samu lacht. "Blödmann!"

"Oh ich freue mich so!", meint er und ich sehe ihn fragend an, immerhin ist es mein Geburtstag und nicht seiner. "Wir müssen dann auch bald los.", sagt er etwas drängelnd und das gefällt mir gar nicht.

"An meinem Geburtstag auch noch hetzen.", schimpfe ich. Er grinst wieder nur und jetzt sehe ich erstmal wie schick er sich gemacht hat. Ich renne schnell zu ihm und umarme ihn stürmisch um ihn danach zu küssen. "Du siehst so verdammt heiß aus, wie soll ich meine Finger von dir lassen?", frage ich.

"Mit ein wenig Beherrschung.", sagt er ernst und dann lacht er weil ich ihm das abgenommen hab. Dann knutschen wir ein bisschen rum. "Wir müssen jetzt aber echt los.", sagt er dann und nachdem wir uns dick eingepackt haben machen wir uns mit dem Auto auf den Weg nach irgendwo.

Als wir aussteigen stehen wir vor einem wunderschönen Haus, es ist nicht wirklich groß, aber auch nicht klein.

"Warte mal.", sagt Samu und nimmt mich an die Hand, dann zieht er mich vor das Auto und wedelt mit dem Schlüssel vor meinen Augen rum.

"Was?", frage ich ihn weil ich echt keine Ahnung hab was er gerade von mir will. "Du musst nicht mehr mit der Straßenbahn zur Arbeit oder sonst wohin fahren, geht doch mit dem kleinen Flitzer viel besser.", grinst er. Und so richtig verstehe ich ihn immer noch nicht. Das scheint er mir auch anzusehen. "Emi, das ist jetzt dein Auto. Ist alles schon umgemeldet, der Kleine gehört jetzt dir." Ich sehe ihn völlig perplex an.

"Ähm nein, das kannst du nicht machen.", sage ich völlig außer mir. "Du kannst mir doch kein Auto schenken!"

"Ich kann dir noch viel mehr schenken, Emi, aber das alles wäre immer noch nicht genug für das was du mir wert bist!" Ich umarme ihn.

"Danke.", sage ich leise und weiß gar nicht was ich davon halten soll. Doch ehe ich diesen "Schock" richtig verdauen kann bekomme ich auch schon fast den zweiten. Wir betreten das Haus und gehen einmal durch, nachdem wir unsere Wintersachen abgelegt haben, so dass wir irgendwann in einem Wohnzimmer ankommen, wo ich meine Freunde sehe und alle singen mir zusammen ein Geburtstagslied. Wie schick sie sich gemacht haben, wie sie alle strahlen und einfach nur toll aussehen. Danach gratulieren mir alle einzeln und Lenni kommt als letzter zu mir.

"Ich wünsche dir alles Gute meine Beste. Du hast dir einen tollen Mann ausgesucht. Er hat das alles organisiert, ein bisschen mit meiner Hilfe." Ich sehe Lenni fragend an, irgendwie sieht er nicht frisch aus.

"Geht es dir nicht gut?", frage ich. Dann fasst er in seine Hosentasche und holt ein Bild raus. Er gibt es mir.

"Auch von den dreien alles Gute!", grinst er. Ich schaue mir das Bild an, ich fange an zu weinen. "Sie sind heute Morgen zur Welt gekommen. An deinem Geburtstag."
"Herzlichen Glückwunsch!", schluchze ich und drücke das Bild fest an meinen Brustkorb, an die Stelle an der ich mein Herz gerade deutlich spüre. "Wie geht es allen dreien und wie heißen die beiden?" Ich bin völlig aufgeregt, es wird immer schlimmer und ich bin gespannt was dieser Tag noch so alles mit sich bringt.

"Paul und Felix.", sagt Lenni stolz.

"Wow, wie schön. Wirklich.", sage ich und wische mir erstmal meine Tränen weg. "Ich bin jetzt Patentante!", schreie ich einmal laut und grinse dann meine Freunde an die mich groß angucken. Ich gehe zu Samu und zeige ihm das Bild. "Guck doch mal wie klein und süß die beiden sind." Er nickt nur, dann unterhält er sich weiter. Hm. Dann eben nicht.

"Emi, sei mir nicht böse, aber ich würde gerne zu Sara gehen und zu Felix und Paul." Ich nicke, ich kann ihn total verstehen. "Ist das nicht toll dass ich das so sagen kann? Erst hätten wir fast gar kein Kind gehabt und jetzt haben wir zwei Jungs.", grinst er über beide Ohren und es ist so süß, es macht richtig Spaß ihm zuzusehen wenn er davon erzählt.

"Meinst du ich kann sie morgen besuchen?", frage ich vorsichtig.

"Ich frage nach und schreib dir nochmal eine SMS!" Ich nicke wie verrückt.

"Mach das. Sag allen schöne Grüße von mir und gib den Kleinen einen Kuss von mir." Dann verabschieden wir uns und ich bedanke mich bei ihm dass er Samu so geholfen hat bei der Vorbereitung. Wo ist eigentlich Samu? Ich sehe mich um und sehe plötzlich wie er in einem Zimmer verschwindet.

"Emi, ich soll dich wohin schicken.", grinst Elina mich an und nimmt mich dann an die Hand, sie führt mich zu dem Raum in dem mein lieber Freund gerade verschwunden ist. Ich öffne die Tür und sie geht zurück zu den anderen, alle scheinen sich gut zu amüsieren. Ich betrete den Raum und kann es nicht glauben was ich sehe. Ein großes Bett, drum herrum Rosenblätter verstreut, einzelne Kerzen und der Raum ist verdunkelt. Ich sehe Samu wie er mit seiner Gitarre auf dem Bett sitzt.

"Komm her.", flüstert er und ich gehe zu ihm und setze mich auf das Bett. "Leg dich hin, mach es dir gemütlich, ich hab was für dich!" Ich grinse ihn an und mache es mir dann so gemütlich dass ich ihn dabei ansehen kann. Ich habe Tränen in den Augen, bin gespannt was nun kommen wird.

C’mon now, this is all we have

And we need to make it right

We just need to stay this brave

I know we can make it

C’mon now, this is all we want

I know it deep inside

I can feel my heart just beating’ for you and for me

And it’s all gonna make us crazy, I know it

And it’s all gonna be a bit strange

I will eat you alive

Kiss you to clouds

Tell you "I Love You" till you say "stop"

You’re gonna get the stars and the moon

That’s all

I will hold you forever

Send you away

Miss you like hell

Until you come back

We’ll be the happy ones, till the end

That’s all

C’mon now, I can see you’re scared

I’ve seen that look before

I’ve see the same kind of lost look

Deep in my own eyes

And c’mon now, this is all there is

This is all there ever can be

It’s more than we can ask for

Let’s try to write it

And it’s all gonne be a bit strange, I can feel it

And it’s all pretty upside down

I will eat you alive

Kiss you to clouds

Tell you "I Love You" till you say "stop"

You’re gonna get the stars and the moon

That’s all

I will hold you forever

Send you away

Miss you like hell

Until you come back

We’ll be the happy ones, till the end

That’s all

Ich weine so sehr, mir kullern die Tränen über die Wangen und ich bin sprachlos. Ich setze mich neben ihn, er hat die Gitarre bei Seite gelegt und sieht mich jetzt so an als könnte er meine Tränen nicht richtig deuten.

"Dankeschön.", bekomme ich nur mit gebrochener Stimme herraus. "Womit habe ich das alles hier verdient?", frage ich und wische weiter die Tränen aus meinem Gesicht.

"Du warst und bist immer da, egal wo ich herkomme, egal wie es mir geht. Du wartest auf mich wenn ich auf Tour bin, du bist so unkompliziert." Er sieht mich dabei direkt an. "Emi, aus meiner Verliebtheit ist sowas wie Liebe geworden. Ich kenne das nicht, diese noch krasseren Gefühle wie sie es so schon sind. Ich liebe jede Macke von dir, jede Charaktereigenschaft, jeden Flecken deines Körpers. Ich liebe einfach dich, so wie du bist!" So viele Informationen an einem Tag, ich glaube das wird langsam wirklich zu viel des Guten. Ich gebe ihm einen Kuss, einen langen, weil ich nichts sagen will. Ich möchte die Wörter im Kopf behalten, für immer.

 

-21-

"Kommen deine anderen Bandkollegen noch?", frage ich als wir wieder bei den anderen sind.

"Ich wollte dich erst fragen ob es okay ist wenn ein paar meiner Freunde auch kommen die du kennst!", sagt er und ich nicke.

"Natürlich ist das okay.", lächele ich, gebe ihm noch einen flüchtigen Kuss und gehe dann ein bisschen rum um mit meinen Freunden zu plaudern. Viele fragen mich wie es ist mit einem berühmten Star zusammen zu sein und sie finden es total spannend. Jedem sage ich dass ich glücklich bin, aber wie glücklich ich wirklich bin kann ich gar nicht in Worte fassen. Und ich will es auch gar nicht versuchen, ich hoffe dass man es mir ansehen kann, so wie ich strahle.

Es klingelt an der Tür, was für eine irre Klingel. Ich gehe hin da ich gerade ziemlich in der Nähe bin. Ich öffne sie und Janne, Sami und Raul stehen vor mir mit noch anderen Leuten die sie mir vorstellen. Jukka, Aleksi, Matti. Gut, muss ich mir merken, dann bringen sie mir auch noch ein Ständchen und Sami hat sogar ein kleines Geschenk für mich.

"Danke, wie lieb!", meine ich und grinse. Als sie alle ihre dicken Jacken und dicken Schuhe abgelegt haben gehen sie ins Wohnzimmer, außer Sami hält mich fest und wir bleiben im Flur.

"Ist dieses Haus nicht der Wahnsinn?", fragt er und sieht sich um wie ein kleines Kind in einem Schokoladenladen. Ich nicke nur, ich meine, ich werde nur den heutigen Tag und die Nacht hier verbringen. "Hat sich Samu echt gut ausgesucht." Ich nicke.

"Ist echt toll zum Feiern.", sage ich.

"Aber auch zum Wohnen.", meint Sami.

"Ach ja? Wer wohnt denn hier?", frage ich und er sieht mich ganz komisch an, dann flitzt er an mir vorbei und als ich im Wohnzimmer bin sehe ich dass er mit Samu redet. Samu´s Freunde haben sich mit meinen vermischt und das macht mich noch glücklicher. Überall stehen Tische an den Wänden, wo Speisen und Getränke drauf stehen. Das ist einfach nur Wahnsinn was er hier organisiert hat und das alles nur für mich. Ich kann das immer noch nicht so recht glauben.

"Emi.", höre ich Samu hinter mir als ich gerade mit meinem Aleksi rede. Dann drehe ich mich zu ihm um und er gibt mir einen Kuss. "Alles ok?", fragt er und ich nicke.

"Aber warte mal, ich hab eine Frage. Wem gehört das Haus? Warum feiern wir hier?"

"Das ist unser Haus.", sagt er ganz cool und ich lache.

"Das war der Witz des Tages."

"Nein. Die Überraschung des Tages. Ich möchte dass wir hier die Zeit verbringen in der wir zusammen sein können.", sagt er leise und ich bin mal wieder sprachlos. "Hast du das Bild von den Zwillingen hier?", fragt er nach einer Weile. Ich schüttele den Kopf, dann hole ich schnell das Bild so dass er es sich nochmal genau ansehen kann.

"Das ist Paul und das ist Felix!", sage ich und habe mal wieder Tränen in den Augen. DAS macht mich wirklich glücklich, dieses Bild, die drei gesund zu sehen und nicht das Auto und das Haus. Nur das werde ich jetzt hier nicht ansprechen, das muss ich später mit ihm klären. "Kommst du morgen mit ins Krankenhaus falls ich die drei besuchen darf?", frage ich und er zuckt mit den Schultern, dann gibt er mir das Bild wieder und geht von mir weg.

Ein paar Stunden später, mein Geburtstag neigt sich dem Ende, sind viele ziemlich betrunken und viele sind auch schon gegangen. Wir sitzen zu fünft auf dem Teppich in dem großen Wohnzimmer wo das meiste der Party statt gefunden hat. Samu sitzt neben mir und kann seine Finger nicht von mir lassen. Ständig haucht er mir etwas ins Ohr und küsst mich sanft am Hals. Natürlich weiß ich was los ist und was er will, aber ich kann schlecht zu meinen Gästen sagen dass ich jetzt erstmal schnell Sex haben muss.

"Ihr könnt gerne hier übernachten, es ist genug Platz im Haus.", lallt Samu und macht eine einladende Geste soweit das seine Arme noch hinbekommen. Ich wundere mich dass ich gar nicht so doll betrunken bin, nur ein bisschen beschwippst. Jedenfalls nehmen die restlichen Gäste das Angebot an und Samu steht auf um die Zimmer zu verteilen. Für uns beide bleibt das tolle Schlafzimmer in dem er mir vorhin das Lied vorgespielt hat. Als alle in ihren Zimmern sind, schalten wir noch überall das Licht aus und Samu ist so schlau und schaltet das letzte aus und lässt mich im dunklen Flur stehen.

"Hey, ich weiß nicht wohin.", flüstere ich und ich höre ihn kichern. Dann kommt er zu mir, nimmt meinen Kopf sanft in seine Hände und küsst mein Gesicht bis sein Mund auf meinen trifft und wir uns leidenschaftlich küssen. Er nimmt mich dabei an die Hände und nachdem er sich ein paar Mal an der Wand gestoßen hat sind wir im richtigen Zimmer und lassen unserer Lust freien Lauf.

-22-

 

Den Morgen nach meinem Geburtstag habe ich mir wirklich anders vorgestellt. Ich hänge über der Kloschüssel und weiß gar nicht was da noch rauskommen soll. Ich habe doch gar nicht so viel getrunken. Ich setze mich auf das Klo, da ich denke dass es das jetzt gewesen sein muss, aber nein, ein paar Sekunden später geht es von vorne los und ich weine dabei bitterlich weil es einfach schon so sehr weh tut.

"Alles okay?", fragt Samu am Frühstückstisch, an dem wir nicht alleine sitzen, in der Küche und ich nicke. Dann setze ich mich dazu.

"Der Alkohol.", sage ich als ich merke wie die fragenden Blicke nicht von mir abfallen. Dann widmen sich alle ihren Brötchen und was nicht alles auf dem Tisch steht, aber mir wird dabei nur wieder schlecht und ich renne ins Bad um mich nochmals zu übergeben.

Wieder zurück bei den anderen glotzen mich meine Freunde wieder an, Samu starrt nur auf sein Essen und ich bleibe einfach mal ganz ruhig, indem ich einfach nur dasitze.

Nach gefühlten fünf Stunden sind er und ich die einzigen hier im Haus.

"Wir sollten mal alles aufräumen.", sage ich und stehe von meinem Stuhl auf.

"Du solltest dich lieber ins Bett legen!", sagt er ernst und sieht mich besorgt an. "Du hast doch gar nicht so viel getrunken, oder?", fragt er und ich habe das Gefühl er ahnt was ich denke.

"Es war nicht viel, aber vielleicht doch zu viel, weil ich lange nichts mehr getrunken habe und auch nicht viel gegessen habe.", meine ich. Er sieht mich immer noch so komisch an. "Glaubst du echt dass ich schwanger bin?", frage ich ihn dann und scheine ihn damit aus irgendwelche Gedanken gerissen zu haben.

"Nein, um Gottes Willen, das würde uns ja jetzt noch fehlen.", sagt er als wäre es das absurdeste und lächerlichste was er je gehört hat. Ich verschwinde im Schlafzimmer und eigentlich würde ich mich jetzt am liebsten auf den Weg nach Hause machen, in mein tolles Bett. Denn das hier ist nicht mein zu Hause und wird es auch nie sein. Ich lege mich ins Bett und mir kullern Tränen über die Wangen. Was soll das hier werden? Was ist das für eine Beziehung die wir führen? Ist das normal? Ich sehe mein Handy auf dem Nachttisch liegen und greife es mir um Lenni anzurufen.

"Hallo, hier ist Emi.", sage ich als er abnimmt.

"Oh hallöchen!", sagt er gut gelaunt und das bringt mich nur noch mehr zum Weinen.

"Ich werde heute nicht ins Krankenhaus kommen!", schluchze ich ins Telefon und erstmal herrscht Stille am anderen Ende, ich schluchze weiter.

"Was ist los, Emi?" Jetzt ist seine gute Laune verflogen und ich mache mir Vorwürfe.

"Nichts schlimmes, ich glaube nur dass ich entweder krank bin oder zu viel getrunken hab oder vielleicht bin ich auch..." Ich stoppe mich selber.

"Schwanger?", fragt Lenni und jetzt kann ich gar nicht aufhören zu weinen.

"Ja. Nein. Vielleicht. Ach keine Ahnung. Ich kotze mir die Seele aus dem Leib, aber Lenni, das wird wieder. Pass schön auf Sara, Paul und Felix auf. Wenn es mir besser geht dann melde ich mich!", sage ich schnell und lege dann auf. Er soll sich keine Sorgen machen, nicht um mich und nicht jetzt in dieser tollen und neuen Situation für die beiden.

"Emi?" Ich muss eingeschlafen sein. Ich drehe mich um und sehe dass Samu an der Tür steht. Dann sieht er dass ich wach bin und setzt sich zu mir auf das Bett. "Es tut mir leid was ich da gesagt habe. Dir geht es total schlecht und ich sag sowas dummes."

"Ist schon okay.", sage ich und reibe mir über meine Augen.

"Nein, das war es nicht, entschuldigung." Ich lächele ihn leicht an. "Geht es dir besser?" Ich nicke. "Soll ich dir einen Tee machen? Ich habe schon Wasser gekocht." Wieder nicke ich. Als er gerade wieder aufstehen will halte ich ihn am Handgelenk fest.

"Warte mal." Dann setze ich mich auf und überlege wie ich ihm das jetzt sage. "Ich weiß dass du das alles total lieb meinst. Das mit dem Auto, dann das Haus, dass du hier Zeit mit mir verbringen willst. Aber ich kann nichts von beidem annehmen, nicht mal teilweise." Er sieht mich etwas überfordert an. "Ich bin eine bescheidene Frau, wenn ich etwas teures besitzen will, dann gehe ich dafür arbeiten." Er ist total sprachlos. "Das Lied was du mir gestern vorgespielt hast und das Bild von Lenni mit der Tatsache dass es Sara und den beiden Jungs gut geht, das waren die beiden schönsten Geschenke." Ich lächele ihn an und er lächelt zurück. Dann gibt er mir einen Kuss auf die Wange.

"Nimmst du eine Tasse Tee an?", fragt er frech und dafür bekommt er erstmal einen Hieb von meinem Ellenbogen in die Rippen. "Aua."
"Das hast du davon!", sage ich und strecke ihm die Zunge raus.

-23-

 

Ein paar Tage später nach der Arbeit bin ich auf dem Weg ins Krankenhaus zu Sara und den Zwillingen. Ich bin so aufgeregt wie bei meinem ersten Schultag. Ein wahnsinnig tolles Gefühl was sich da in mir breit macht. Vor dem Krankenhaus wartet Lenni auf mich und wir umarmen uns ganz doll. Er erzählt mir, dass Sara in einer Woche nach Hause darf, dass aber soweit alles richtig gut ist. Wir betreten das Zimmer und ich grinse Sara breit an, irgendwie sieht sie immer noch ziemlich fertig aus.

"Hallo. Herzlichen Glückwunsch!", sage ich und umarme sie so gut es geht da sie an einer Infusion hängt.

"Dir auch noch nachträglich alles Gute.", grinst sie.

"Danke.", meine ich. "Das sieht ja gefährlich aus!", sage ich und deute auf die Infusion.

"Alles nur Routine.", lächelt sie schwach.

"Geht es dir gut?", frage ich und sie nickt glücklich, ich kann es in ihren Augen sehen dass sie überglücklich ist. "Wo sind denn die beiden?", frage ich und sehe mich im Zimmer um.

"Die kommen gleich, die Schwestern haben sie mir mal wieder entführt.", scherzt sie rum und ich erkenne meine Sara wieder. Dann krame ich in meiner Tasche rum und hole für Lenni ein Päckchen aus meiner Tasche und ebenfalls eins für Sara. Beide sehen mich mit großen Augen an.

"Macht es gleichzeitig auf.", fordere ich die beiden auf und sie tun was ich sage. Beide haben natürlich das Gleiche in der Hand. Ich habe für beide einen Schlüsselanhänger anfertigen lassen, der aus zwei Teilen besteht, wie ein Puzzle, auf einem steht Felix und auf dem anderen Teil Paul. Beide sehen mich unglaublich süß an.

"Vielen Dank Emilia.", sagt Lenni und umamrt mich von hinten. Sara sieht uns beide an und muss lachen, dann streckt sie ihre Arme nach mir aus und umarmt mich fest.

"Danke meine Süße, was für eine schöne Idee!" Ich höre wie Lenni´s Handy piepst, dann grinst er es an und ich sehe Sara fragend an, doch die zuckt nur mit den Schultern.

"Männer!", nuschele ich und beide müssen wir lachen.

"Ich komm gleich wieder.", sagt Lenni und ich nicke ihm zu da er es eher an mich gerichtet hat als an Sara. Die ist eh schon halb am schlafen.

"Soll ich lieber gehen?", frage ich deshalb.

"Nein, bleib ruhig. Du musst doch noch die beiden leinen sehen. Ich bin nur einfach so müde, keine Ahnung warum. Liegt wohl an den Medikamenten.", nuschelt sie und schläft Sekunden später auch schon tief und fest, ich kann es an ihrem Atem hören. Dann klopft es, doch sie reagiert nicht, deswegen sage ich leise "ja". Und ich kann es nicht glauben wer da zur Tür herrein spaziert kommt und dabei auch noch das eine kleine Bett schiebt an dem ein Schild hängt mit dem Namen Felix.

"Samu!", sage ich freudestrahlend und schleiche zu ihm um ihn fest zu umarmen und ihn zu küssen. Hinter ihm kommt Lenni rein mit dem kleinen Paul. Ich sehe in beide Betten, immer abwechselnd mit glitzernden Augen. "Unglaublich süß!" Lenni nimmt Paul aus dem Bett und gibt ihn mir auf den Arm. Fünf Tage sind die beiden alt. Wie sich das anfühlt kann ich gar nicht beschreiben. "Diese kleinen Füßchen und Hädchen." Ich setze mich auf den Stuhl der an einem Tisch steht und sehe aus dem Augenwinkel wie faszinierend mich Samu ansieht. Ich lächele und streiche dem Kleinen sanft mit meinem Finger über die Wange. "Wie süß er schläft." Ich kann gar nicht aufhören zu schwärmen. Dann nimmt Lenni auch Felix raus und gibt ihm Samu auf den Arm, der erstmal etwas unbeholfen aussieht, aber er schlägt sich richtig gut. Dann grinst er mich an.

"Nun sag es ihr schon!", drängelt Lenni und sieht Samu an als könnte er es kaum abwarten. Sara öffnet auch wieder langsam die Augen und grinst mich verschlafen an. Was ist denn hier los?

"Du bist Patentante, ich bin Patenonkel!", grinst Samu und ich sehe ihn ungläubig an. "Guck nicht so. Sieh dir doch mal die beiden Süßen an, da konnte ich nicht ´nein´sagen.", lacht er und auch ich muss lachen. Einfach vor Glück!

Wir verlassen gemeinsam das Krankenhaus und gehen händchenhaltend zum Parkplatz. Dort steht der Flitzer den er mir schenken wollte. Wir steigen ein und er scheint an das gleiche zu denken, doch er sagt nichts und startet den Motor. Dann hält er wenige Minuten später vor meiner Haustür an, lässt den Motor aber laufen.

"Kommst du nicht mit hoch?" Er sieht mich nicht an, starrt nur gerade aus und schüttelt dann leicht den Kopf. Diese Geste ist wie ein Schlag in den Magen. Doch ich werde mich jetzt nicht einfach so aus dem Staub machen. Ich lasse mich wieder auf den Beifahrersitz plumpsen, schlage die Tür zu und drehe den Schlüssel im Schloss rum, um ihn dann in meiner Hand verschwinden zu lassen. So schnell kann der werte Herr gar nicht gucken. Völlig perplex und wartend sieht er mich an. "Was soll das?", frage ich ihn und sehe ihn enttäuscht an.

"Warum sollte ich mit zu dir kommen wenn du nicht mit in mein Haus kommst?" Was ist denn das bitte für eine dämliche Frage. Ich schlage mir meine flache Hand an die Stirn.

"Ich habe nie gesagt dass ich nicht in DEIN Haus will!", sage ich sauer. "Habe ich dich in deinem Stolz gekränkt, weil ich das nicht annehmen kann als Geschenk?", frage ich sauer. Er zuckt mit den Schultern. "Ich will nicht dafür bezahlt oder belohnt werden, dass ich mit dir zusammen bin, dass ich immer auf dich warte, egal wo du bist und dass ich dich vermisse... und dass ich dich liebe!" Der letzte Satz ist mehr geflüstert als alles andere und doch klingt er auch sauer so wie die anderen Wörter. Ich schmeiße ihm den Schlüssel in den Schoß und verlasse das Auto, diesmal wirklich und schlage die Tür mit einem lauten Knall zu. Ohne zurück zu sehen gehe ich auf die Haustür zu und schließe sie auf. Ich höre den Motor starten und als ich mich dann doch langsam umdrehe fährt er davon und diesmal ist es mehr als nur das Gefühl eines Schlags in den Magen.

Mal wieder verschwenden wir kostbare Zeit, die wir wunderbar miteinander verbringen könnten, stattdessen sitzt er in seinem beschissenen Haus und ich hier in meiner Wohnung. Was für eine romantische und harmonische Beziehung wir doch führen.

Am Abend schalte ich meinen Lap Top an und checke meine Mails. Zu viel Werbung für mich. Ich hake die Mails an zum Löschen als mir plötzlich auffällt, dass eine von Samu ist. Vor einer halben Stunde hat er sie mir geschickt. Ach jetzt schicken wir uns schon Mails wenn wir nicht weiter wissen. Ich rolle mit den Augen und öffne sie. Kein Betreff, zwei Lieder als Anhang und als kleine Nachricht hat er rein geschrieben dass es ihm leid tut. Wie einfallsreich. Ich lade mir die Lieder runter, beides sind Demo´s. Irgendwann habe ich ihm mal verraten, dass ich auf Demo- Tapes stehe. Ich mache "that´s all" an und erkenne den Song wieder. Doch anstatt mich zu freuen werde ich immer trauriger. Bei dem zweiten Song werde ich dazu auch noch wütend.

What I like about you

Some days you know it's too hard to look on the bright side

Some days you wanna run from it all, then hide

Sometimes you feel like all that you need is a short break

Some days you feel alone and it's too much to take

Doesn't matter how bad, I know I always have you next to me

Doesn't matter how hard it will be on my heart, I always land on my feet

But what I like about you is that you're all mine

Treat me so fine

Hope we'll always gonna be this way

Your eyes when you smile heal me inside

And you always make a brighter day

When you were all alone I'm down in the ground

That's what I like about you and I gotta feeling

I think you kind of like me too

I think you kind of like me too

Some mornings it is hard trying to smile to a mirror

Some nights are only filled with a cold sweat and horror

These times you feel like you are the worm on a grass field

Hungry birds flying low and you seem to have no shield

(Songtext: Sunrise Avenue - What I like about you)

Ich beschließe zu ihm zu fahren, irgendwie werde ich dieses Haus schon finden und nachdem ich über eine Stunde gesucht habe stehe ich direkt davor und klingele an der Tür. Die Tür geht so schnell auf dass ich mich erschrecke und mir denke, dass er direkt daneben gestanden haben muss und er sieht mich ebenfalls erschrocken an. Wen hat er denn erwartet? Wäre ich nicht so wütend würde ich jetzt lachen weil er mich so doof und erschrocken ansieht.

"Honey!", sagt er dann. "Ich wollte mich gerade auf den Weg zu dir..." Ich unterbreche ihn, indem ich ihn unsanft in den Flur schubse, um auch das Haus zu betreten und die Tür hinter mir schließen zu können. Das hier müssen die Nachbarn nicht mitbekommen da ich nicht weiß wie laut das jetzt wird.

"Hör einfach auf mit dieser ganzen Star- Scheiße und benehme dich wie ein richtiger und normaler Mnesch. Wenigstens dann, wenn wir zusammen sind und vor allem dann, wenn wir uns streiten!", schreie ich ihn wütend an. So habe ich mich sehr lange nicht mehr erlebt. "Gewisse Dinge kann man nicht mit zwei Songs gut machen!" Er sieht mich eingeschüchtert an, das bringt mich nur dazu noch weiter zu machen. "Du hast mich an meinem Geburtstag so dermaßen überrumpelt, das war einfach nicht mehr feierlich!", sage ich etwas ruhiger, aber immernoch sauer.

"Scheiße!", sagt er dann leise und sieht mich mit einem Blick an dem ich nicht ausweichen kann. Dann kommt er mir näher, zu nahe und ich will ihn wegstoßen, doch er ist stärker. "Es tut mir ehrlich leid. Ich wollte dich doch nur glücklich machen." Er sieht mir genau in die Augen, nimmt meinen Kopf zwischen seine Hände und zwingt mich das gleiche zu tun. "Du bist einfach so wunderschön. So bezaubernd. Deine Art, wie du dich bewegst, wie du redest.", schmachtet er mich an und legt dann seine Lippen leicht auf meine. Ich schließe die Augen. "Ich werde dich mit dieser Star- Scheiße in Ruhe lassen.", haucht er mir ins Ohr nachdem er meinen Kopf wieder losgelassen hat und lässt dann seine Zunge um mein Ohrläppchen kreisen.

"Du bist so fies." Ich atme schwer aus. Er presst mich gegen die Wand und ich lasse meinen Mantel zu Boden gleiten. Er drückt sich so fest gegen mich, dass ich seine Erregung spüren kann. Ich drehe den Spieß um, dränge ihn von mir und drücke jetzt ihn gegen die Wand. Dann lasse ich meine Hand unter seinen Pulli gleiten, die andere öffnet seine Hose. Sein "kleiner" Freund soll keine Platzangst bekommen. Ich grinse versaut und schiebe die Jeans von seinen Hüften. Dann lasse ich meine Hand in seine Shorts gleiten, er legt seinen Kopf in den Nacken und ich lecke an seinem Hals während sich meine Hand in seinen Shorts selbstständig macht. Mehrmals stöhnt er laut auf, ich ziehe meine Hand wieder aus seinen Shorts und ziehe ihm den Pulli über den Kopf. Nicht dass er noch anfängt zu schwitzen, wieder grinse ich in mich hinein und küsse ihn am Hals, wandere weiter zu seinen Brustwarzen, zum Bauchnabel, dann knabbere ich am Bund seiner Shorts, gucke kurz hoch zu ihm und mache dann ein zufriedenes Gesicht. Ich spüre wie sich seine Hände in meinen Haaren festkrallen, als ich ihn von seiner Unterhose befreie, mich in die Hocke begebe und meine Lippen sich um seine Erregung schließen. Mit jeder kleinsten Bewegung meiner Zunge zuckt er leicht und stöhnt leise. Um so fester meine Lippen seinen Schwanz umschließen, um so fester krallt er seine Finger in meinen Haaren fest. Ich kann es spüren wie er förmlich bebt vor Erregung und ich merke wie sehr es mich selber anmacht...

Ich sitze auf seiner Couch, grinse vor mich hin und starre auf die Kerze, die brennend auf dem Tisch steht. Ich höre die Dusche rauschen. Der Arme brauchte erstmal eine schöne Abkühlung. Nach so einer Aktion, keine Frage.

"Wow.", höre ich ihn sagen, dann sehe ich zu ihm, wie er mit einer neuen Boxershort im Türrahmen steht und mich nachdenklich und grinsend zugleich ansieht. Ich sehe ihn fragend und völlig unschuldig an. Dann kommt er zu mir auf die Couch und ich merke wie ihn diese Blicke noch mehr anmachen als alles andere schon so. "Du machst mich total verrückt, merkst du das nicht?", fragt er und ich zucke mit den Schultern. So gesehen hätte er das gar nicht verdient was ich da gemacht habe. Immerhin haben wir uns schon wieder gestritten gehabt und das war größten Teils seine Schuld. Aber da ich Sex und alles andere was damit zu tun hat nicht mehr als Belohnung oder sowas sehen will, vergesse ich den Gedanken ganz schnell wieder und lasse es zu, dass Samu seine Arme um mich schlingt und ich mich an seinen halbnackten Körper kuschele.

 

-24-

"Ich liebe dich!", höre ich ihn flüstern und sehe ihm kurz ins Gesicht. Er gibt mir ein Küsschen auf die Nasenspitze. "Nie wieder werde ich so etwas machen, versprochen!" Ich nicke, bin schon längst wieder gefangen im Bann der Kerze, wie er anscheinend auch.

"Ich liebe dich, Darling!", sage ich dann leise, kaum hörbar und spüre wie er seine Arme noch fester um mich legt, so als wollte er mich wieder festhalten. "Lass uns bitte nicht immer so viel streiten!", sage ich ernst.

"Ach, wenn das jetzt immer so endet wie ebend!" Ich höre wie er dabei grinst und ich versuche mich aus seiner Umarmung zu befreien, um ihn spaßig verprügeln zu können.

"Du bist so ein..."
"PIEP!", lacht er und ich schaffe es, mich zu befreien und dann hocke ich neben ihm.

"Du bist ein Genießer!", sage ich dann und piekse ihm in die Seite. Er zuckt zusammen, versucht, mich wieder zu umarmen, doch ich weiche aus und pieke ihm immer wieder in die Seite. "Du bist ja kitzelig!", stelle ich belustigt fest und kitzele ihn ab bis er völlig aus der Puste ist und ich finde das einfach nur zum Lachen.

"Du Biest!", schimpft er und funkelt mich böse an, dabei hechelt er fast und ich lache weiter.

"Du solltest mit dem Rauchen aufhören, dann könntest du mit meiner Ausdauer mithalten!", grinse ich frech und springe bei dem Satz von der Couch auf weil ich mir denken kann wie er reagiert. Ich renne weg.

"Was hast du da gesagt?", schreit er mir hinterher als ich die Treppen hochrenne, um mich dann im Bad einzuschließen.

"Ich habe gesagt, dass ich duschen muss, ganz dringend!", rufe ich als ich höre dass er oben angekommen ist. "Wer arbeitet der schwitzt nun mal!" Ich lache leise so dass er es nicht hören kann. Ich lasse meine Klamotten auf den Boden fallen und steige in die Dusche. Ich lasse mir sehr viel Zeit. Nach einer gefühlten halben Stunde steige ich aus der Dusche und wickele mir ein großes Handtuch um den Körper. Irgendwie riecht das nach Samu. Dann öffne ich die Tür und sehe wie Samu auf der Treppe sitzt, mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Er leckt sich mit der Zunge über die Lippen und seine rechte Hand wandert in seinen Schritt. Was soll das denn werden?

"Handtuch weg!", befehlt er und ich schüttele nur den Kopf. Dann lässt er seine Hand in die Shorts gleiten.

"Nein. Verdammt. Hör auf!", schreie ich etwas panisch, da ich das absolut absurd finde was er hier abzieht. Ich setze mich zu ihm auf die Treppe und er zuppelt an meinem Handtuch rum. Ich grinse fies. Doch ehe er wieder auf dumme Gedanken kommt, setze ich mich so gut es geht auf seinen Schoß und wickele das Handtuch ein Stück ab, so dass er meine nackten Brüste vor seinen Augen hat. Er starrt auf sie als hätte er nie zuvor welche gesehen und ich muss in mich reinschmunzeln. Dann nehme ich seine Hände, lege sie auf meine Brüste und deute an, dass er ruhig etwas kräftiger zufassen kann. Dann küssen wir uns innig und ich rutsche noch weiter zu ihm ran, um dann das Handtuch ganz und gar abzuwickeln. Ich werfe es nach unten auf eine der letzten Stufen. "Ich will dich!", stöhne ich ihm ins Ohr, rutsche und bewege mein Becken leicht vor und zurück, so dass ich genau in meinem nackten Schritt seine Erregung spüre. Wir befreien ihn zusammen von seinen Shorts und lassen sie ebenfalls auf die letzten Stufen fallen. Dann setze ich mich richtig auf ihn und ziehe scharf die Luft ein, nur um sie im nächsten Moment anzuhalten. Am liebsten möchte ich alles anhalten in diesem Moment. Ich spüre wie seine Hände zwischen meinem Becken und meinen Brüsten hin und herwandern. Wir sehen uns an, total paralisiert und fasziniert von dem was wir spüren. Unsere Körper zittern, ich kann es nicht glauben wie wild wir es hier treiben, auf einer Treppe. Ich möchte gar nicht drüber nachdenken, weil es einfach nur unglaublich heiß ist, jede seiner Bewegungen fährt durch meinen ganzen Körper. Schnell, langsam und am Schluss wird aus unserem Stöhnen fast ein Schreien, vor Lust, vor Erregung. Ich zucke zusammen, als ich merke wie er in mir kommt und lehne meinen Oberkörper danach einfach an seinen und möchte am liebsten so sitzen bleiben.

-25-

 

Am nächsten Morgen wache ich in dem Haus auf, gegen das ich mich eigentlich so gewehrt habe. Doch ich kann es nicht abstreiten, dass ich mich hier wohl fühle. Es ist alles liebevoll eingerichtet, hier und da fehlt noch eine persönliche Note. Aber insgesamt ist es wunderschön um hier gemeinsam mit ihm die Zeit zu verbringen.

"Guten Morgen Hottie!" Ich strecke mich und fange an zu lachen.

"Guten Morgen du Spinner!" Dann drehe ich mich zu ihm und wir küssen uns kurz.

"Ich spinne nicht, ich sage nur die Wahrheit!", grinst er und ich kann mir denken dass er so wie ich an gestern denken muss. Dann grinse ich auch und muss mich zusammen reißen, dass ich nicht anfange zu lachen. Wir haben gestern rumgevögelt wie zwei Teenies oder weiß ich was, auf der Treppe. Und dann passiert es plötzlich doch dass ich lachen muss. Samu sieht mich fragend an, aber ich mache nur eine verwerfende Handbewegung, um ihm zu zeigen dass es nichts wichtiges ist. "Machst du dich lustig über mich?" Ich stütze meinen Kopf auf meine Hand und schüttele dann den Kopf. Ich versuche ihn süß und lieb anzusehen.

"Das war gestern einfach was völlig neues für mich. Der ganze Tag war einfach so aufregend... und erregend!", lächele ich und er sieht mich zufrieden an.

"Was war denn gestern neu für dich?" Manchmal hasse ich es wenn er mir solche Fragen stellt und nochmal genau nachfragt. Und jetzt gerade ist es mir auch eher unangenehm. Aber ich weiß ja dass er es nur lieb meint.

"Wir sind jetzt Pateneltern von Felix und Paul. Dann die beiden Songs die du mir geschickt hast. Und... ach egal!" Ich lasse meinen Kopf wieder ins Kissen sinken und merke wie rot ich werde.

"Wie jetzt?", fragt er wie aus der Pistole geschossen. "Wirst du gerade rot weil du mir gerade zu verstehen gibst, dass du noch nie jemanden einen geblasen hast?" Scheiße, jetzt hat er mich. Ich nicke, ich will nicht darüber reden. "Honey, das was du da gestern gemacht hast, das hat mir den Atem geraubt und den Verstand für eine gewisse Zeit dazu.", lächelt er und lässt seine Hand unter mein Shirt gleiten um dort über meinen Bauch zu streicheln. Dann küsst er zärtlich meine Wange. "Es ist wirklich wunderbar mit dir, ich kann das gar nicht beschreiben!", flüstert er und eine angenehme Gänsehaut macht sich auf meinem ganzen Körper breit. Ich sehe ihm genau in die Augen, in dieses wunderschöne Blau.

"Weißt du noch am Strand letztes Jahr? Ich habe dir den Rücken eingecremt und dann habe ich mich neben dich gelegt!" Er nickt kräftig und grinst. "Du hattest die Augen erst geschlossen und ich habe dich genau angesehen, jeden Zentimeter deines Gesichtes studiert. Ich war total fasziniert und dann hast du deine Augen aufgemacht und ich war von diesem Zeitpunkt an in dich verliebt, nur noch in dich!" Ich rede leise, flüstere und sehe wie er dabei mein Gesicht mustert.

"Ich habe mich als erstes in deine Hände verliebt. Mich hat noch nie jemand so berührt wie du es mit deinen Händen gemacht hast!", lächelt er und ich auch. Es ist so wunderschön, einfach so mit ihm hier zu liegen und über uns zu reden und über andere Dinge. Immer wieder fällt uns etwas ein, denn wir können uns mittlerweile alles erzählen.

"Ich muss noch mit dir über etwas reden!" Ich sehe wie er sich auf die Unterlippe beißt. Wir sitzen uns am Tisch gegenüber, haben gerade gefrühstückt, wenn man das um halb eins noch so nennen kann. Er nimmt einen Schluck aus seiner Tasse, während ich ihn erwartungsvoll ansehe. Dann erst redet er weiter. "Ich bin ab Montag wieder weg, für vier Wochen!" Montag, heute ist Samstag, also nicht mehr lange. Ich bin erstmal sprachlos. "So lange war ich jetzt nie weg seitdem wir zusammen sind!"

"Das schaffen wir aber auch!", tönt es aus meinem Mund und ich habe keine Ahnung wo dieser Satz jetzt herkam. Ich muss es mir verkneifen nicht anfangen zu weinen. Das würde jetzt eh nichts bringen. "Gut, dass du es mir erst jetzt sagst!", lächele ich tapfer. Es hätte den gestrigen Abend wohl nur zerstört, für mich. Er geht damit ganz anders um als ich. Immerhin bleibe ich hier, in dieser Stadt wo mich fast jeder Fleck an ihn erinnert. Er wird nicht so schnell an mich erinnert, er ist irgendwo, trifft viele neue Leute. Ich denke ja nicht, dass er mich vergisst, aber der Gedanke, dass ich ihn mehr vermisse als er mich, der schmerzt. Obwohl es doch auch eigentlich gar keine große Rolle spielt.

Er ist aufgestanden um mich fest zu umarmen. Er steht hinter mir, seine Arme schlingen sich um meinen Oberkörper und er legt sein Kinn auf meinem Kopf ab. Ich kämpfe noch immer mit den Tränen.

"Ich liebe die Musik und das was ich mache sehr. Aber dir das jedes mal wieder sagen zu müssen kotzt mich an und ich hasse es.", sagt er wütend. Ich sage nichts, schließe nur meine Augen und atme seinen Duft tief ein. "Lass uns unsere gemeinsamen Stunden noch genießen!" Ich nicke und lächele leicht, während mir doch eine Träne aus dem Auge entweicht.

So gut es geht verbringen wir den restlichen Samstag und den ganzen Sonntag zusammen. Wir besuchen noch einmal Sara im Krankenhaus und unternehmen ein paar Sachen die wir uns schon lange vorgenommen haben. Diesmal verabschieden wir uns nicht am Tag der Abreise, sondern einen Tag davor. Ich bin auf dem Weg zu mir nach Hause, steige aus der Straßenbahn und merke nur noch wie ich mich plötzlich übergeben muss. Es ist mir so peinlich, es sind nicht viele Leute auf der Straße, aber trotzdem. So langsam mache ich mir Sorgen, nach meinem Geburtstag ging es mir genau so wie jetzt. Ich sollte unbedingt mal zum Arzt gehen.

-26-

 

Da ich weiß, dass wir heute einen neuen Kollegen bekommen, kann ich schlecht krank machen und quäle mich deswegen zur Arbeit. Ich habe die Nacht mehr über dem Klo gehangen als dass ich im Bett lag. Ich fühle mich völlig gerädert und als ich auf Arbeit ankomme sieht mich Tarja mit großen Augen an.

"Ich will dich ja nicht beleidigen, aber hier findet kein Dreh für einen Horrorfilm statt!", sagt sie ernst und würde es mir nicht so scheiße gehen würde ich schallend lachen.

"Ich weiß, aber der neue Kollege.", sage ich leise und halte mir dabei den Bauch.

"Scheiß auf den neuen Kollegen, du gehörst zum Arzt und nicht auf Arbeit.", sagt sie und schiebt mich dabei aus dem Wellness- Bereich in Richtung Ausgang. "Geh zum Arzt und kläre erstmal ab was du hast. Ich erkläre das unserer Chefin, du weißt doch dass sie okay ist!" Ich nicke, ich habe einfach Angst um meinen Job.

"Danke dir!"

"Gute Besserung. Melde dich einfach, ja?" Sie drückt mich kurz ganz lieb und ich nicke. Dann verlasse ich wieder das Hotel und mache mich auf den Weg zum Arzt.

Beim Arzt ist nur ein Sitzplatz frei. Ich quetsche mich zwischen eine etwas korpulentere Frau und einen älteren Herrn, na das kann ja lustig werden. Ich muss mir die ganze Zeit meinen Bauch halten, hoffe, dass ich mir irgendeinen komischen Virus eingefangen habe.

Jede Minute scheint wie eine Stunde zu sein, ich will hier endlich wieder raus. Diese ganzen kranken Nasen machen mich noch irrer. Ich fange an mit dem Fuß zu wippen, völlig nervös, dann merke ich wie es mir wieder hochkommt und springe auf um zum Klo zu rennen. Als ich wieder rauskomme steht vor mir eine der Schwestern und sieht mich besorgt an.

"Kommen Sie mal mit!", lächelt sie freundlich und ich folge ihr. "Legen Sie sich doch hier hin, ich schicke Ihnen sofort die Ärztin.", sagt sie.

"Vielen Dank!", sage ich und meine Stimme klingt nicht so wie sie eigentlich klingen müsste. Ich werde wieder nervös, ich habe Angst.

Nach gefühlten drei Stunden, ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es zehn Minuten waren, kommt die Ärztin ins Zimmer und sieht mich auch gleich ganz besorgt an. Sie hört sich alles ganz genau an und tastet nebenbei meinen Bauch ab.

"Haben Sie viel Stress in letzter Zeit gehabt?" Ich schüttele den Kopf. Dann tastet sie weiter. "Tut das weh?" Ich würde am liebsten aufschreien, ich beiße mir aber in die Unterlippe und nicke nur. "Und hier?" Wieder nicke ich. Egal wo sie fester zudrückt, es schmerzt.

"Sind das Anzeichen für eine Schwangerschaft?", frage ich leise und sie lächelt kurz und schüttelt dann den Kopf.

"Nein, ganz und gar nicht. Aber eher Symptome für eine heftige Entzündung im Magenbereich die oft durch Stress entsteht."

"Und was heißt das jetzt?" Ich sehe sie erwartungsvoll und beunruhigt an. Das kann doch alles nicht wahr sein.

"Ich schreibe sie jetzt erstmal 14 Tage krank."

"WAS?", frage ich und bin kurz davor zu sagen dass es ja schon viel besser ist, aber im nächsten Moment halte ich mir wieder mit schmerzverzerrtem Gesicht den Bauch.

"Genau deswegen!", sagt sie und ich nicke zustimmend. "Sie müssen sich ausruhen und vor allem müssen Sie zu einigen Untersuchungen, so dass schlimmeres verhindert werden kann." Ich merke wie ich einfach immer mehr Angst bekomme. "Es kann ja auch sein dass es nichts schlimmes ist, aber ich möchte gern auf Nummer sicher gehen!"

Ich verlasse die Praxis mit einem Überweisungsschein zum Ultraschall und einem mulmigen Gefühl. Da ich sowieso schon unterwegs bin, mache ich mich auf den Weg ins Krankenhaus und mache einen Termin aus, der zum Glück schon morgen ist. Zu Sara und den Kleinen gehe ich lieber nicht, da ich ja nicht weiß ob ich vielleicht doch irgend etwas absteckendes habe, außerdem haben die genug um die Ohren, also Sara und Lenni. Sie würden mir ansehen dass es mir einfach nur schlecht geht.

Am nächsten Tag mache ich mich auf den Weg ins Krankenhaus. Ich bin froh dass sich Samu gestern nicht gemeldet hat, heute Morgen ist er mir erst wieder in den Sinn gekommen, so beschäftigt war ich gestern mit mir und der Frage, was ich denn nun habe. Im Krankenhaus angekommen bin ich noch nervöser als gestern schon. Ich habe immernoch diese Angst in mir. Als wenn mir mein Gefühl sagt dass dort etwas nicht stimmt und das macht mich einfach fertig. Ich wische mir Tränen von der Wange und melde mich dann an. Ich setze mich und muss aber zum Glück nicht lange warten ehe ich rankomme.

-27-

 

Jetzt liege ich hier und weiß nichts mit mir anzufangen. Ich starre an die weiße Decke und wünsche mir ein Muster, doch ich kann noch so starren, da entsteht einfach keins. Genau so wie an den anderen Wänden, alles trist und weiß. Was hat denn mein Magen nur dass er mir solch einen Ärger macht? Beim Ultraschall hat die Ärztin irgendeinen Schatten oder sowas gesehen. Und sie hat darauf bestanden dass ich hier bleibe so dass weitere Untersuchungen folgen können sobald sie freie Termine haben.

Es klopft an der Tür, ich werde völlig aus meinen Gedanken gerissen und ich sehe wie Lenni zur Tür reinkommt. Ich habe ihn angerufen und gefragt ob er Zeit hat und kommen kann.

"Es tut mir leid dass ich ausgerechnet dich angerufen habe. Ich hätte auch Aleksi anrufen können oder jemand anderen und nicht dich, weil du..."
"Jetzt halt doch mal deine Klappe!", unterbricht er mich sauer. "Du bist meine beste Freundin, ich mache mir total Sorgen. Was ist los?" Erst jetzt umarmen wir uns so gut es geht und er sieht mich besorgt an.

"Ich weiß es noch nicht!" Er sieht auf den Tropf. "Ich darf nichts essen und nichts trinken, deswegen dieses dumme Ding, was total weh tut.", sage ich und sehe ihn dann nicht mehr an. Ich schäme mich für etwas, für das ich nichts kann.

"Scheiße!" Ich muss grinsen. "Weiß Samu bescheid?"
"Hallo? Nein!", sage ich völlig aufgebracht und möchte am liebsten aus dem Bett springen.

"Er ist dein Freund!"

"Er ist nicht da. Er kutschiert in der Weltgeschichte rum!" Zum ersten Mal merke ich, wie sauer ich darüber bin. Warum genau bin ich jetzt sauer?

"Aber trotzdem."

"Lenni, was hat er davon wenn er es weiß? Gar nichts, er kann nicht einfach weg. Sie machen eine Tour, die können sie nicht abbrechen oder sonst was. Und er kann auch nicht mal für ein paar Stunden herkommen.", sage ich immer noch etwas sauer. "Und bevor es ihn gab in meinem Leben bin ich auch mit allem ganz gut alleine klar gekommen!"

"Aber Emi, jetzt gibt es ihn und das ist doch gut.", redet er auf mich ein wie ein Psychologe.

"Er war bisher mehr weg, als dass er da war, habe ich das Gefühl.", sage ich traurig und sehe Lenni an. Der weiß nicht was er sagen soll. "Diese ganze Scheiße mit meinem Magen... ich will nicht sagen dass er Schuld ist, aber es hat wohl etwas damit zu tun." Ich habe mein ganzes Leben lang immer so gelebt wie ich es für richtig gehalten habe. So, wie ich es wollte und seitdem es ihn gibt in meinem Leben ist das nicht mehr der Fall. An einem gewissen Zeitpunkt habe ich mein altes Leben verabschiedet und es nicht mitbekommen. Ich habe alles auf ihn ausgerichtet, wann ich frei habe, wann ich mich mit Freunden treffe. Nur um dann da zu sein, wenn er es ist.

Nachdem ich Lenni alles gesagt habe und erklärt habe wo er bei mir zu Hause was findet, gebe ich ihm den Schlüssel und sehe ihn nochmal dankbar an. Wäre kein Wunder wenn er bei dem ganzen Stress auch noch im Krankenhaus landet. Wir haben gesagt, dass es unter uns bleibt dass ich hier bin, auch Sara soll nichts wissen. Die allerdings morgen nach Hause darf.

Ich werde aus meinem Halbschlaf geweckt, weiß im ersten Moment nicht wovon, aber dann sehe ich mein Handy neben mir auf dem Nachttisch leuchten. Und ohne nachzudenken gehe ich ran, weil ich denke dass es Lenni ist.

"Ja?"

"Hallo meine Traumfrau." Ich erstarre innerlich als ich seine Stimme höre. Scheiße scheiße scheiße, was sage ich jetzt? Wie wäre es erstmal mit...

"Hallo, na du?" Wie einfallsreich.

"Störe ich gerade?"

"Nein."

"Alles okay bei dir? Du klingst nicht sehr begeistert.", meint er und ich kann seine fragenden Blicke durch´s Telefon spüren.

"Bei mir ist alles klar!", sage ich und versuche meine Stimme etwas besser klingen zu lassen. "Wie geht es dir? Ist alles okay bei euch?"

"Ja, bei uns ist alles toll. Wir waren gestern..." Meine Taktik scheint zu funktionieren, ich kann nur hoffen dass jetzt kein Arzt oder eine Schwester reinkommt. Ich drifte völlig ab und höre ihm irgendwie nicht wirklich zu, da ich andere Sorgen habe, die ich aber nicht mit ihm teilen möchte. "...ich bin total begeistert!", höre ich ihn dann wieder sagen und er ist fertig mit seiner tollen Geschichte. Kann ich jetzt bitte weiterschlafen? Nein, er hat kein Erbarmen und setzt nochmal neu an.

"Samu, sei mir nicht böse, aber ich bin total fertig von der Arbeit.", meine ich und gähne dann so dass es für ihn hörbar ist.

"Okay, gute Nacht Schlafmütze!" Ich kann seine Tonlage nicht recht einschätzen, aber es war mehr sauer als lieb gemeint.

"Tschüß!", sage ich, doch gleichzeitig höre ich schon ein Tuten. Na vielen Dank auch du Arsch.

-28-

 

Mittlerweile ist Samu seit über einem Monat mit den Jungs unterwegs, ohne Pause, ohne dass wir uns gesehen haben und seit einer Woche haben wir auch nicht mehr miteinander telefoniert. Es ist kein schönes Gefühl, aber es ist auch kein Gefühl das mich umbringt. Die Zeit im Krankenhaus und auch danach hat mir gezeigt, dass ich einen Fehler gemacht habe. Keinen großen, aber einen, der mir ein Magengeschwür gebracht hat und das möchte ich einfach nicht nochmal erleben. Der Grund, warum wir so lange nicht mehr telefoniert haben ist der, dass ich nicht an mein Handy gehe wenn er anruft. Er hat sowieso jedes Mal nichts besseres zu tun, als mich vollzulabern wie es ihm geht, was die Jungs machen, was er macht und wie toll und wunderschön sein Leben doch ist.

"Morgen!" Endlich Freitag. Das macht den Tag viel schöner als er so schon ist. Unser neuer Kollege ist seltsam, aber heiß. Er ist lieb und nett, aber er hat es auch einfach faustdick hinter den Ohren.

"Guten Morgen Prinzessin!", grinst er mich an.

"Schleimer.", gebe ich zurück und sehe mir meinen Plan an für heute. Ich merke wie er mir in die Seite piekst und ich quieke kurz leise auf. "Bist du blöd? Wenn das die Leute hören.", schimpfe ich und er geht ein Stück von mir weg und lacht. So geht das jetzt schon die ganze Woche. Am Montag habe ich wieder angefangen zu arbeiten, es hat mir einfach gefehlt und da Tarja mir schon von Matti erzählt hatte, musste ich unbedingt wieder arbeiten gehen, dass ich ihn endlich kennen lernen konnte.

"Hast du morgen schon was vor?", fragt er plötzlich und ich merke wie ich nervös werde.

"Nein, wieso?", frage ich und sehe ihn an.

"Meine Oma bräuchte Hilfe beim Einkaufen gehen." Ich sehe ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. "Das war ein Witz!", lacht er und ich kann gar nicht mitlachen weil ich so perplex bin. "Wollen wir essen gehen?" Eigentlich müsste ich jetzt sowas sagen wie `lieber nicht, keine so gute Idee´, aber ich bringe es nicht über die Lippen, sondern nicke einfach nur. "Ok, um 19 Uhr am Dom?" Ich nicke wieder. Auf was auch immer ich mich hier gerade einlasse. Aber auch das fühlt sich nicht wirklich so an als würde ich deswegen sterben.

Samstag, 19 Uhr, ich stehe am Dom und warte ungeduldig. Warum zur Hölle bin ich als erste da? Er müsste zuerst da sein, so gehört sich das.

"Hallo schöne Frau." Jemand küsst mich von hinten auf die Wange und ich drehe mich schnell um.

"Erschreck mich doch nicht so." Dann umarmen wir uns kurz und setzen uns in Bewegung.

"Du siehst wirklich bezaubernd aus.", sagt er und ich finde dass es ehrlich klingt .

"Dankeschön!", sage ich etwas verlegen.

"Ich wollte eigentlich mit dir in mein Lieblingsrestaurant gehen, aber da ist heute schon alles ausgebucht und..." Er bleibt stehen und kramt in seiner Tasche bis er einen Schlüsselbund in der Hand hält mit dem er die Tür neben uns aufschließt. "...deswegen habe ich gekocht, für uns."

"Du wohnst hier?", frage ich und er nickt. Dann steigen wir ein paar Treppen nach oben und er schließt die nächste Tür auf. "Wow!" Mehr bekomme ich nicht raus. Im Flur ziehe ich mir erstmal meine Schuhe aus, meinen Mantel nimmt er mir ab und dann zeigt er mir die Wohnung. Nicht angeberisch, einfach ganz normal und auch ein wenig stolz, was ich gut verstehen kann.

"Hast du Hunger?" Ich nicke.

"Aber sag mal, das mit dem Restaurant, warum sollte ich dir glauben?"

"Was?", fragt er völlig unschuldig und ich muss kurz lachen. Ich folge ihm zur Küche wo ich im Türrahmen stehen bleibe, mich anlehne und ihn beobachte. "Du lachst schön."

"Lenk nicht ab."

"Wovon?", fragt er wieder als hätte er keine Ahnung.

"Ich würde auch zu jemanden sagen dass mein Lieblingsrestaurant ausgebucht ist, nur um ihn in meine Wohnung zu bekommen!", grinse ich und er sieht mich leicht ertappt an. Dann stellt er sich vor mich und legt den Kopf etwas schief.

"Wäre das denn so schlimm?", fragt er leise und streicht mir dabei eine Strähne aus dem Gesicht. Ein wohliges Gefühl macht sich in meinem Körper breit. Ich schüttele leicht den Kopf und sehe ihm in seine Augen. Ein schönes grün, ein perfekter Kontrast zu seinen dunklen Haaren.

"Du hast schöne Augen!", flüstere ich und komme mir im nächsten Moment total dumm vor, dass ich das jetzt gesagt habe.

"Danke, wollen wir erstmal essen?" Ich nicke und dann setze ich mich an den Tisch. Er füllt mir etwas auf und schon dieser Duft vom Essen lässt mich fast schweben. Wir wünschen uns einen guten Hunger und beim Essen fällt ihm plötzlich ein dass wir ja gar nichts zu trinken haben.

"Jaja, lass mich ruhig verdursten.", scherze ich rum. Dann schenkt er uns jeweils ein Glas Weißwein ein und ich muss wieder grinsen. Wir stoßen an und trinken jeweils nur einen kleinen Schluck.

Wir sitzen nach diesem unbeschreiblich leckerem Essen im Wohnzimmer, auf einer gemütlichen Couch mit einem weiteren Glas Wein und erzählen uns die absurdesten Geschichten. Er lacht über meine, ich über seine und jedes mal brauchen wir ewig bis wir uns wieder einkriegen.

"Komm mit, ich will dir was zeigen!" Er steht auf und reicht mir die Hand. Ich nehme sie und stehe dann ebenfalls auf, beide halten wir unsere Gläser noch in der Hand. Dann verlassen wir die Wohnung, nachdem wir uns wieder dick angezogen haben. Wir steigen in einen Fahrstuhl der erst auf seiner Etage beginnt. Mit unseren Gläsern in der Hand stehen wir uns gegenüber und er drückt die 7. Ich lehne mich an die Wand an und ich sehe dass er mich die ganze Zeit mustert. Ich schiele zu ihm und lächele leicht, er erwidert es und so geht es hin und her, bis wir oben angekommen sind.

"Was machen wir hier?" Er nimmt meine linke Hand und umschließt sie fest in seine. Was für ein schönes Gefühl. Seine warme Hand um meine kalte Hand geschlungen. Dann steigen wir wieder Treppen hinauf, bis wir an einer Tür ankommen und er sie öffnet. Wir treten raus und stehen auf einer super schönen Dachterrasse die riesig ist. Und wunderschön. Die Sterne und der Mond sind plötzlich so nah. Matti zieht mich weiter, bis wir vor einer Hollywood- Schaukel stehen auf der ein paar Decken verteilt sind. Ich sehe ihn ungläubig an. "Es ist unglaublich schön hier." Dann machen wir es uns auf der Schaukel gemütlich, erst sitzen wir ein Stück voneinander entfernt, doch dann legt er seinen Arm um mich und ich lehne mich seitlich gegen ihn, kuschele mich an ihn ran und weiß eigentlich gar nicht so richtig wie mir geschieht.

-29-

 

Am nächsten Morgen bin ich auf dem Weg nach Hause und grinse innerlich so sehr. Mein Herz tanzt und ich weiß nicht mal wirklich warum. Zwischen Matti und mir ist nichts passiert, wir haben nur gekuschelt, uns vielsagende Blicke zugeworfen und viel erzählt. Ich fühle mich sehr wohl in seiner Nähe. Auf Arbeit ist mir das nicht so sehr aufgefallen, aber da ist es ja auch etwas völlig anderes.

"Ach kommst du auch mal nach Hause, ja?" Ich sehe schnell hoch, krame aber weiter in meiner Tasche nach dem Schlüssel. Samu steht direkt vor mir und ich komme mir vor wie in einem schlechten Traum.

"Das kann ich ja wohl nur zurück geben die Frage!", sage ich mehr zu meiner Tasche als zu ihm und hole dann den Schlüssel raus.

"Wer seit Tagen nicht an sein Handy geht kann schlecht erfahren wann wir wieder nach Hause kommen!" Ich gehe an ihm vorbei, doch er packt mich unsanft am Oberarm, so dass ich gezwungen bin, mich wieder ihm zuzuwenden.

"Spinnst du? Du tust mir weh!", sage ich sauer und streiche mit der Hand über die schmerzhafte Stelle.

"Was meinst du, wie sehr du mir wehtust?", fragt er und sieht mich traurig an. "Ich habe mir Sorgen gemacht, mich gefragt, was los ist. Ich konnte an nichts anderes denken. Und du spazierst hier so schick gemacht und überglücklich nach Hause!?" Ich zucke mit den Schultern. "Warum bist du nicht mehr an dein Handy gegangen?"

"Stell dir vor, ich habe besseres zu tun als mir immer nur anhören zu müssen wie toll und wunderbar alles bei dir ist!" Mich kotzt es an dass wir hier draußen stehen und die Nachbarn uns hören könnten.

"Was ist los, Emi?", fragt er mich.

"Ich lag im Krankenhaus. Zwei Wochen lang. Du hast mich in dieser Zeit nicht ein mal gefragt wie es mir geht. Das fühlt sich einfach mega scheiße an!" Ich sehe dabei zum Boden, ich will nicht, dass er sieht wie sehr mich das verletzt.

"Du hättest doch was sagen können!", meint er dann völlig plump.

"Und dann?", frage ich ihn sauer und sehe ihn jetzt an. "Merkst du eigentlich was du von dir gibst? Ich hatte ein Magengeschwür, das ist kein Zuckerschlecken, im Gegenteil." Er sieht mich etwas geschockt an, so als würde er sich jetzt im Nachhinein Sorgen machen, das kann er sich auch sparen. "Du hättest ja nichts dran ändern können, aber..." Ich unterbreche mich selbst.

"Wo kamst du denn jetzt her?", fragt er. Ich gebe ihm keine Antwort, ich tue so als würde ich etwas in meiner Tasche suchen. "Du siehst so hübsch gemacht aus."

"Ich war bei einem Kollegen!", sage ich dann obwohl ich es eigentlich gar nicht will.

"Kollege?", fragt er und sieht mich mit großen Augen an. Ich nicke. "Willst du mich verarschen? Fällst du wieder in dein altes Schema zurück, ja?", fragt er sauer und ist kurz davor auszurasten. Doch ehe er es tut, knalle ich ihm eine, so schnell kann weder ich, noch er gucken.

"Du willst mich wohl verarschen. Ich habe nicht vergessen dass du mein Freund bist, mein fester Freund.", schreie ich ihn an. "Ich habe so viel für dich verändert. Ich habe mein Leben seitdem wir zusammen sind, immer auf dich zugeschnitten. So dass wir Zeit miteinander verbringen können wenn du hier bist. Und das ist jetzt der Dank dafür, du unterstellst mir, dass ich was mit einem anderen habe?" Ich werde immer wütender. Tränen der Wut kullern mir aus den Augen über meine Wangen, ich wische sie sofort weg.

"Was soll ich denn anderes denken, wenn mir nun mal durch den Kopf geht wie du vor unserer Zeit mit einem Kerl nach dem anderen gevögelt hast?!" Ich knalle ihm noch eine, würde ihn am liebsten richtig zusammen schlagen, so wütend bin ich auf ihn. Ich sehe ihn verletzt an, direkt in die Augen. Sie brennen schon und hören gar nicht mehr auf zu tränen.

"Ich habe mich verändert, Samu. Und ich dachte eigentlich dass du das weißt.", sage ich mit zerbrechlicher Stimme. Mein Herz sticht und ich habe das Gefühl, dass ich jeden Moment keine Luft mehr bekomme. "Ich habe dich wahnsinnig vermisst, deine Nähe, deine Berührungen, einfach alles. Vielleicht habe ich versucht dich zu ersetzen, aber ich könnte nichts mit einem anderen anfangen, so lange wir zusammen sind.", sage ich leise. "Aber vielleicht ist es ja besser wenn wir uns trennen.", meine ich und merke selber, wie verzweifelt ich dabei bin. Ich wische mir übers Gesicht, die dicken Kullertränen sollen verschwinden. "Das macht doch alles so keinen Sinn!", füge ich noch schluchzend hinzu und lasse ihn dann stehen. Oben in der Wohnung breche ich in einen Heulkrampf aus, fühle mich danach aber gleich besser.

-30-

Am nächsten Tag bin ich bei Lenni und Sara und den beiden Jungs. Felix und Paul sind einfach die süßesten Baby´s die ich je gesehen habe. Wir machen Bilder und reden und lachen, so wie immer. Nur jetzt ist es irgendwie anders durch die beiden Kleinen.

"Ist Samu noch unterwegs?", fragt Lenni und ich schlucke schwer. Ich habe versucht, so gut wie es geht, dieses Thema zu umgehen. Ich schüttele den Kopf. "Habt ihr euch gestritten?", fragt er, danke für das Bohren in der Wunde.

"Ich denke, er sollte nicht Patenonkel werden von den beiden!", sage ich dann gefasst und die beiden sehen mich mit großen Augen an. "Wir werden uns trennen!" Meine Stimme klingt sehr entschlossen, also so, als ob ich mich wirklich schon fest entschlossen habe mich von ihm zu trennen. Dabei habe ich noch gar nicht richtig darüber nachgedacht. Aber wie soll ich mir das denn vorstellen? Was wäre denn anders? Ich bin doch jetzt sowieso schon mehr alleine als mit ihm zusammen.

"Emi, ist das dein Ernst?", fragt Sara. Ich nicke.

"Stell dir vor, Lenni wäre über einen Monat lang weg, ihr könntet nur telefonieren. Er würde aber nur von sich erzählen, würde sich nicht dafür interessieren, dass..." Ich stoppe mich selber.

"Emi, du hättest Samu sagen müssen dass du im Krankenhaus bist!", sagt Lenni verärgert.

"Du warst im Krankenhaus?", fragt Sara panisch und ich blicke zwischen den beiden hin und her. Ich nicke Sara zu.

"Nichts schlimmes, mir geht es wieder gut.", lächele ich. "Nur die Ursache ist Stress, Stress den ich mir gemacht habe wegen Samu."

"Ach jetzt ist also doch er Schuld, ja?" Lenni kriegt sich gar nicht mehr ein.

"Das habe ich doch gar nicht gesagt."
"Aber so ähnlich!"

"Wessens bester Freund bist du eigentlich? Meiner oder Samu´s?", frage ich sauer.

"Eigentlich deiner. Aber überleg mal was du hier von dir gibst!" Er macht mich richtig böse an und das finde ich unfair. "Außerdem ist Samu ein guter Kumpel geworden von mir und hätte er mich angerufen und gefragt was los ist hätte ich ihm alles gesagt."
"Na vielen Dank auch.", schreie ich ihn an.

"Was ist eigentlich plötzlich los mit dir? Ich dachte du bist so glücklich mit ihm und liebst ihn und bei der ersten Krise willst du dich gleich trennen?" Er redet wieder etwas sanfter, aber immer noch sauer.

"Du kannst dir das doch gar nicht vorstellen wie das ist!"

"Aber du wusstest es doch von Anfang an wie es sein wird oder wie es werden könnte. Und jetzt hast du ihm etwas versprochen, was du gar nicht halten konntest!" Ich sehe Lenni fragend an. Ich habe nie ein Versprechen abgegeben. "Wenn man mit so einem Menschen zusammen ist, dann bedeutet das für ihn, dass du da bist, wenn er nach Hause kommt. Dass du dann für ihn da bist und er auch für dich." Ich kann Lenni nicht mehr ansehen, Sara streicht mir beruhigend den Rücken und ich merke wie sich Tränen in meinen Augen sammeln.

"Nein, ich weiß erst jetzt worauf ich mich eingelassen habe. Wie sollte ich das vorher wissen? Wenn er zwei Wochen weg war, war es zum Ende hin schon sehr hart an der Grenze. Aber jetzt... über einen Monat. Warum soll ich mir das weiter antun wenn es mich fertig macht, wenn...?" Ich kann nicht weiter reden, ich fange an zu weinen und Sara gibt Lenni irgend ein Zeichen dass er das Zimmer lieber verlassen sollte.

"Hey Süße, du musst dir gar nichts antun. Lenni mag Samu total und er will doch nur, dass du jemanden hast, der dich liebt, weil es dir so gut tut wenn er da ist!"

"Sara, ich habe jemanden gefunden der immer da sein könnte, wenn ich will.", sage ich leise als ich mich wieder etwas beruhigt habe. Ich sehe sie an und wische restliche Tränen von meinen Wangen. Natürlich sieht sie mich fragend an. "Ich hatte gestern ein Date mit meinem neuen Kollegen. Es war einfach ganz anders, so vertraut. Wir haben uns so viel erzählt, zusammen gegessen, er hatte gekocht und dann haben wir so ein bisschen gekuschelt, oben auf der Dachterrasse." Ich merke wie ich schwärme und ich sehe, dass Sara nicht begeistert davon ist.

"Das ist die typische Kennenlernphase.", sagt sie in einem Ton der mir verrät was sie davon hält. "In dieser Phase ist immer alles rosig und toll. Und dann, wenn die erste Krise an der Tür klopft, wer wird dann der nächste sein, Emi?" Sie redet nicht böse, ganz ruhig, so wie sie nun mal ist von Natur aus. Ich weiß, dass sie Recht hat, will es aber nicht zugeben.

"Ich gehe jetzt lieber!", sage ich und stehe dann auf.

"Nein, Quatsch!", sagt Sara.

"Doch, ich gehe jetzt!", sage ich bestimmt.

"Aber Emi, egal was du machst, du bleibst unsere Beste, unsere Patentante unserer kleinen Jungs. Vergess das bitte nicht!" Ich sehe sie noch kurz nickend an, ziehe meine Schuhe und Jacke an und Lenni steht plötzlich vor mir.

"Mach keinen Scheiß!", lächelt er gequält. Ich tue es ihm gleich. "Ich kann es mir vorstellen wie schmerzhaft das ist für dich, aber meinst du ihm geht es anders damit?" Er drückt mich, nimmt mich fest in seine Arme und ich schließe kurz die Augen und atme tief durch. "Tschüß meine Süße!" Dann drückt er mir noch ein Küsschen auf die Wange und mit einem leisen "Tschüß" verlasse ich die Wohnung.

-31-

 

Am Mittwochabend sitze ich zu Hause auf meiner Couch und gucke fern. Ich weiß dass es jeden Moment an der Tür klingeln wird. Und ich weiß nicht was ich ihm sagen soll, was wird er mir sagen? Vielleicht hat er selber eingesehen dass das mit uns keinen Sinn macht, dass es von Anfang an zum Scheitern verurteilt war.

Es klingelt an der Tür und ich lasse ihn rein. Viele Blicke werfen wir uns nicht zu. Aber wir umarmen uns zur Begrüßung, sogar sehr herzlich, so, wie wir uns am Anfang immer umarmt haben, als wir noch nicht zusammen waren. Daran erinnert es mich gerade und ich muss unwillkürlich lächeln.

"Alles ok?", fragt er und ich nicke. Was ist das denn bitte für eine Frage in dieser Situation? "Es tut mir leid dass ich dich nicht gefragt habe wie es dir geht.", sagt er dann plötzlich und will mir einen Kuss geben, doch ich weiche zurück.

"Komm erstmal rein.", sage ich tonlos und wir setzen uns auf die Couch wo ich eben saß. Meine Kuscheldecke ist völlig verwurschtelt und er muss grinsen als er das sieht. Er hat sich schon so oft darüber lustig gemacht, weil er es nicht versteht wie man eine Decke so missbrauchen kann.

"Ich will nicht, dass wir uns trennen.", sagt er plötzlich und sieht mich fast flehend an.

"Denkst du etwa, ich WILL das?", frage ich ihn und sehe ihn genau so verletzt an wie er mich. "Mich erinnert mittlerweile alles an dich. Was ja vielleicht schön sein mag, wenn du nicht so lange und so weit weg wärst!" Meine Stimme ist noch zerbrechlicher als neulich.

"Soll ich aufhören Musik zu machen?" Ich lache spöttisch auf und rolle dann mit den Augen. "Das ist ernst gemeint, Emi!"

"Mann Samu. Du sollst doch glücklich sein, mit deiner Musik, mit allem was du machst. Ich alleine kann dich nicht glücklich machen!", sage ich und er atmet laut aus. "Ich möchte nicht immer auf meinen Freund warten müssen. Ich möchte ihn bei mir haben wenn ich ihn brauche, nicht wenn er gerade kann weil er nicht gerade um die Welt reist." Nach diesem Satz gehen jegliche Kämpfe gegen seine Tränen verloren und eine nach der anderen kullert über seine Wangen. "Es tut mir leid.", sage ich dann noch und weil ich es nicht sehen kann, wie er da sitzt und weint, rutsche ich näher zu ihm und umarme ihn. Im ersten Moment rechne ich damit dass er mich wegstößt, dass er es auf keinen Fall zulässt, doch dann halte ich ihn im Arm und er weint bitterlich wie ein kleiner Junge. Mir kullern auch Tränen über die Wangen, mein Herz schlägt wie irre und ich habe Angst dass ich hier gerade einen großen Fehler mache.

"Ich kann dich verstehen, das ist ja die Scheiße!", flucht und schluchzt er zugleich. Er sieht mich an und es schmerzt so sehr. Ich drücke meine Lippen auf seine, immer wieder berühren sie sich sanft, dann stoppen wir gleichzeitig den Kuss.

"Lass uns erstmal für uns sein, jeder sein Ding machen und dann sehen wir weiter, okay?" Ich sehe ihn eindringlich an, er nickt. Seine Augen haben das schöne Blau verloren und es tut mir in der Seele weh, das zu sehen. Diese ganzen Worte und doch weiß ich, dass es so nicht weitergehen kann wie es war. Er hat mich glücklich gemacht, ja, aber gleichzeitig so verletzt indem er einfach nicht da war. Mir keine Nähe schenken konnte, mir nicht zuhören konnte wenn ich ihm etwas direkt in die Augen sagen wollte und indem ich seine Liebe nicht gespürt habe. Und das negative überwiegt einfach und so kann und möchte ich nicht weiterleben.

(Samu´s Sicht) 

Ich kann es nicht verstehen, ich war nie zuvor glücklicher mit einer Frau. Und nie zuvor habe ich mich so oft mit einer gestritten. Ich kann nicht mal wirklich sagen warum das ständig passiert ist. Ist das, was wir hatten, eine Hass- Liebe? Ich weiß nur, dass ich sie vermisse.

Als wir nach einer weiteren Tour wieder zu Hause sind, habe ich das dringende Bedürfnis, sie zu sehen. Ich will ihr sagen, was sie mir bedeutet, dass ich sie nicht einfach so aufgeben will. Ich kann doch so eine wunderbare, beazubernde Frau nicht aufgeben.

Ich steh vor der Haustür, sehe auf das Klingelschild. Warum steht dort nicht ihr Name dran? Ich stehe da wie angewurzelt. Sie wird wohl kaum geheiratet haben in der kurzen Zeit wo ich weg war. Als ich wieder fähig bin zu denken, hole ich mein Handy aus der Hosentasche und wähle Lenni´s Nummer.

"Hallo Samu!", sagt er leise. Vielleicht ist er bei den beiden Kleinen und sie schlafen.

"Hallo Lenni. Störe ich?", frage ich deswegen.

"Nein, du störst nicht.", sagt er und atmet laut aus. "Du stesht sicherlich gerade vor Emi´s Haustür!" Was zum Teufel...?

"Ja.", sage ich verstört und drehe mich zu allen Seiten um. "Was ist, Lenni?", frage ich, da er völlig verstummt ist. "Ist Emi umgezogen?"

"Ja.", sagt er nur.

"In welche Straße?", frage ich und mein Herz schlägt mir bis zum Hals.

"Samu, sie ist nicht mehr in Helsinki!", sagt er ernst. Mir egal, ich such in ganz Finnland nach ihr. "Und auch nicht mehr in Finnland!" Mir stockt der Atem, mein Herzschlag setzt ebenfalls aus. Ich lasse mich auf die leine Stufe vor der Haustür nieder. "Samu...?", höre ich Lenni noch sagen, doch dann fällt mir mein Handy aus der Hand und ich merke, wie sich einzelne Tränen aus meinen Augen lösen und sich ihren Weg auf meine Wangen bahnen. Das kann doch nicht wahr sein! Emi ist weg. Und zwar richtig.

"Alles in Ordnung bei dir?" Eine Frauenstimme spricht mich an, ich hebe den Kopf und sehe in ein schönes Gesicht mit strahlenden Augen, die etwas verblassen als sie mein trauriges Gesicht sehen. "Oh.", stößt sie heraus. Dann hebt sie mein Handy auf und gibt es mir.

"Danke." Ich lächele gequält. "Wohnen Sie hier?", frage ich. Sie nickt. Ich habe sie hier noch nie gesehen. Und dann dämmert es mir. "Sie sind neu hier eingezogen?", frage ich und sie nickt wieder. Sie ist in Emi´s Wohnung gezogen.

"Die Frau die vorher hier wohnte ist nach Deutschland gezogen, um ein neues Leben zu beginnen!", sagt sie und sie weiß gar nicht, wie sehr sie mir damit mein Herz zerreißt.

Dass sie die Frau ist, die es auch wieder zusammen fügt, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht...

 

-32-

 

Diesen Tag und diesen Moment werde ich nie vergessen, die letzten Worte die wir miteinander gesprochen haben, dieser letzte Kuss. Und ich habe seitdem immer wieder daran denken müssen. Ich weiß nicht ob es jemals wieder einen so traurigen und schmerzvollen "Abschied" geben wird. Es hat mir damals fast das Herz zerrissen. Wir hatten nicht viel gemeinsame Zeit, aber die, die wir hatten, haben wir voll und ganz ausgekostet. Und wir haben Dinge erlebt und zusammen gemacht die andere in 10 Jahren zusammen machen. Ich denke wirklich gerne zurück, doch ich hatte damals meine Gründe, ich konnte einfach nicht mehr. Wir haben uns seitdem auch nie wieder richtig gesehen. Ich habe ihn im Fernseher gesehen, wenn ich zufällig mal etwas anhatte wo Musik gezeigt wurde oder einfach nur Interviews. Er sieht mittlerweile wieder richtig gut aus. Man hat ihm unsere Trennung angesehen, so wie mir auch. Ich bin damals aus Helsinki "geflüchtet", habe ein Auslandsjahr in Deutschland gemacht, mir viel angesehen und dann für fast zwei Jahre noch in Berlin gelebt. Ich habe dort gearbeitet, eine Umschulung gemacht, die Sprache gelernt und neue Freunde gefunden, die ich nun wieder hinter mich gelassen habe um zurück nach Helsinki zu gehen, da ich meine Mutter kennen gelernt habe. Meine leibliche Mutter. Meine Adoptiveltern sind damals ums Leben gekommen, ich war gerade mal 18 Jahre alt. Ich rede ungerne darüber, selbst Samu hat damals nie nachgefragt, er hat gemerkt dass das kein schönes Thema für mich ist und da ich gemerkt habe, dass es auch für ihn nicht schön ist, haben wir einfach immer geschwiegen, über das Thema Eltern.

Ich habe in den letzten Jahren immer wieder Helsinki besucht, meine Freunde, meine süßen Patenkinder die mittlerweile drei Jahre jung sind und einfach nur Zucker sind. Als Sara und Lenni geheiratet haben, war ich natürlich auch dabei. Diese Hochzeit werde ich nie vergessen, so etwas gibt es kein zweites Mal.

Meine Mutter habe ich natürlich besucht und sie mich, was uns sehr eng zusammen geschweißt hat. Ich habe meine Lieblingsplätze besucht und irgendwie immer darauf gehofft, dass Samu vielleicht auftaucht. Warum auch immer und wofür auch immer, ich habe keine Ahnung.

Ich wollte damals etwas mit Matti anfangen, doch es kam etwas dazwischen. Etwas, was meinen Beschluss nach Deutschland zu gehen, noch mehr verstärkt hat als alles andere. Aber nun ist es Zeit, in die Heimatstadt zurück zu kehren, mit Tränen in den Augen, Tränen der Freude und mit einer großen Überraschung die nur meine Mutter kennt.

Sie, Lenni und Sara warten am Flughafen auf mich. Zum ersten Mal habe ich Sara und Lenni erlaubt, mich abzuholen. Nachdem ich den großen Koffer vom Band geholt habe und die Kleine an der Hand halte, gehe ich Richtung Ausgang und als ich die Blicke des Ehepaares sehe muss ich lachen. Und weinen gleichzeitig. Wir begrüßen uns mit einer so festen Umarmung, lautem Schluchzen, einem lauten "Willkommen zurück" und dann sehen sie beide zu der Kleinen runter die ihnen grinsend die Hand hinstreckt.

"Emi, wer ist diese bezaubernde Maus?", fragt Sara und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht.

"Sieht man das nicht?", frage ich grinsend. Lenni und Sara sehen sich ungläublig an. "Das ist Leila.", sage ich laut. "Leila ist die Tochter von Samu und mir!", sage ich dann leise so dass die Kleine es nicht hören kann. Lenni und Sara stürtzen sich auf mich, können es nicht glauben wie ich es so lange geheim halten konnte. Ich hatte die Kleine immer bei meiner Mutter gelassen, da ich sie kurz nach Leila´s Geburt kennen gelernt habe, als ich wieder fliegen durfte. Es war wundervoll für sie, ihre Enkelin kennen zu lernen und Zeit mit ihr zu verbringen. "Was denkt ihr denn warum ich euch erst so lange nicht besuchen konnte? Und warum ihr mich nie vom Flughafen abholen konntet!?", lache ich glücklich und nehme meine Süße dann auf den Arm und sie schmiegt sich an mich.

"Wirst du Samu von der Kleinen erzählen?", fragt Sara als wir bei ihnen zu Hause sind. Volles Haus hier. Zum Glück haben sie es wahr gemacht und sich ein Haus gebaut, ein wahnsinnig großes und schönes.

"Ich denke schon. Ich kann ihm doch nicht seine eigene Tochter verheimlichen!", sage ich und beiße mir auf die Unterlippe weil ich es schon schlimm genug finde wie es bis jetzt war. "Ich bin gut alleine mit der Kleinen klar gekommen, sie ist wunderbar. Aber sie hat ein Recht darauf ihn kennen zu lernen und er hat ein Recht darauf erstmal von ihr zu erfahren und dann sehen wir weiter."

"Du meinst, dass er sie vielleicht gar nicht kennen lernen will?", fragt Sara und ich nicke. "Das glaube ich nicht. Emi, weißt du, er war oft hier, als du dann weg warst. Als sie ihre Tour beendet hatten kam er hier her, um mit den Kleinen zu spielen, um mit uns zu reden und um Fragen zu stellen, wie es dir geht und was du machst!" Ich lächele und fange schon wieder an zu weinen. Ich bin froh, dass meine Mutter und Lenni auf die drei Würmer aufpassen und wir ungestört reden können. "Ich hoffe es ist nicht schlimm dass wir ihm immer etwas verraten haben. Er hätte eh nicht locker gelassen." Ich lache und kann es mir bildlich vorstellen.

"Hast du eine aktuelle Nummer von ihm?", frage ich und ich sehe wie erleichtert Sara ist, darüber, wie interessiert ich an einem Wiedersehen bin. Sie nickt dann und holt sofort ihr Handy aus der Tasche.

"Soll ich ihn gleich anrufen?"

"Nein, ich muss doch erstmal wieder richtig ankommen. Und Leila auch. Das ist doch alles ganz neu für sie.", lächele ich und Sara nickt zustimmend.

"Aber etwas aufregendes muss ich dir trotzdem noch erzählen!", meint sie und ich bin gar nicht begeistert, da ich echt müde bin und am liebsten schlafen möchte. Das ganze Packen und die Organisation vom Umzug und dann noch die Kleine mittendrin hat mich echt geschafft. Doch ich sehe Sara erwartungsvoll an und sie grinst. "Ich bekomme noch ein Baby!" Ich schreie los und falle ihr um den Hals. "Pssst!", macht sie. Dann sehe ich sie fragend an. "Ich habe das gestern erfahren und noch keine Zeit gehabt mit Lenni drüber zu reden." Ich fange so dermaßen laut an zu lachen, ich bekomme mich gar nicht mehr ein. Als bräuchte man dazu irgendwie Zeit oder müsste es planen. "Außerdem finde ich es schön wenn du es zuerst weißt und so ist es jetzt auch!"

"Herzlichen Glückwunsch du Glückliche!", grinse ich.

Nachdem ich mir noch die Nummer hab geben lassen von Sara und wir uns alle voneinander verabschiedet haben, gehen meine Mutter, Leila und ich zu ihr. Leila ist am traurigsten dass wir gehen müssen, ich glaube sie hat sich total in die beiden Jungs verguckt, kann ich aber gut verstehen. Würde ich auch in ihrem Alter. Als ich das meiner Mutter erzähle, lacht sie. Es ist so schön dass wir noch für eine Zeit bei ihr wohnen können, sie hat auch ein Haus. Es ist nicht sehr groß, aber es hat immerhin ein ziemlich großes Gästezimmer, das wirklich sehr liebevoll eingerichtet ist. Das war es von Anfang an und das hat mir diese ganze Entscheidung noch leichter gemacht, wieder hier her zu ziehen. Mit Kind und Kegel.

-33-

 

Wir schreiben den 2. April 2010. Heute ist Samu´s 34. Geburtstag. Wir haben mittlerweile miteinander telefoniert und uns auch ein mal getroffen. Er hat sich verändert. Sehr zum positiven hin, obwohl mir damals nie etwas negatives aufgefallen ist, aber jetzt kommt er mir noch attraktiver und sympathischer vor als zu der Zeit, in der wir zusammen waren. Irgendwie komisch. Wir haben viel erzählt, es ist ruhiger geworden um die Band nachdem das Album nicht so gut ankam. Ich habe es mir gekauft, genau so wie die DVD die in Deutschland rauskam, das habe ich ihm aber nicht erzählt. Und von Leila habe ich bisher auch noch kein Wörtchen erwähnt.

Ich bin auf dem Weg zu seinem Haus, wo heute die Party steigt. Ein komisches Gefühl wenn ich dran denke, dass wir hier vor ein paar Jahren meinen Geburtstag gefeiert haben und er mir dieses Lied vorgespielt hat. Beide haben sie mittlerweile veröffentlicht als B-Seiten oder sonstiges Bonusmaterial.

Ich klingele an der Tür, Leila schläft im Auto, in ihrem Kindersitz. Das ist ganz gut so. Mit Blumen in der Hand stehe ich vor der Tür und bin so nervös wie noch nie. Ich bin der erste Gast, das weiß ich. Wir haben uns extra früher verabredet. Er öffnet mir die Tür.

"Hallo. Alles Liebe und Gute zum Geburtstag. Viel Gesundheit und Glück wünsche ich dir!" Ich lächele ihn an, drücke ihm die Blumen in die Hand und betrete den Flur. Dabei sehe ich zum Auto.

"Dankeschön!", sagt er, legt die Blumen kurz aus der Hand so dass wir uns drücken können und er gibt mir einen Kuss auf die Wange.

"Können wir die Tür offen lassen?", frage ich und er guckt jetzt auch zum Auto.

"Was ist da?" Was sage ich jetzt?

"Komm mal mit.", sage ich dann zaghaft. Er sieht mich ängstlich, nachdenklich, erwartend, fragend und weiß ich nicht wie an, alles zugleich. "Ich weiß nicht, ob es der richtige Moment ist, der perfekte Tag...", sage ich auf dem Weg zum Auto, der ja nicht sehr lang ist. "...aber ich glaube, den gibt es einfach nicht." Dann drehe ich mich zu ihm um. "Siehst du die Kleine?" Was für eine blöde Frage, er steht direkt vor dem Fenster, wo man ihr niedliches Gesicht sieht, wie sie schläft und dabei einfach nur traumhaft schön aussieht. Er nickt, weiß anscheinend nicht wie ihm geschieht. Ich schlucke schwer. "Das ist Leila. Sieh sie dir an, es ist kaum zu übershen dass du ihr Papa bist!", schluchze ich und stehe neben ihm, er zeigt keinerlei Regung, doch plötzlich geht er auf die Knie, vergräbt sein Gesicht in seinen Händen und ich sehe wie er immer wieder zuckt. Dann hocke ich mich zu ihm runter, lege meine Arme um ihn und weine selber los. Ich wüsste an seiner Stelle jetzt auch nicht was ich sagen sollte, dieser Moment ist einfach seiner und den will ich ihm weder schön reden, noch kaputt machen.

"Leila!", flüstert er dann.

"Leila Selja!", sage ich leise. "Sie sollte einen Zweitnamen haben der mit `Se´ beginnt!", lächele ich und er sieht mich an und in seinem Gesicht spiegeln sich alle Gefühle wider die ein Mensch nur zeigen kann. Dann steht er auf, noch etwas wackelig am Anfang, aber dann legt es sich und er sieht sie sich genau an. "Geh doch erstmal rein, ich komme gleich mit ihr hinterher.", lächele ich und er nickt.

"Leila, Süße." Ich versuche sie sanft zu wecken. Sie ist einfach eine Schlafmütze. Sie hat zu Hause zwei Stunden geschlafen mittags und kaum saßen wir im Auto, ging es weiter.

"Mama!", grinst sie mich an.

"Gut dass du wach bist!", grinse ich und befreie sie aus dem Kindersitz.

"Ausschlaft!", sagt sie.

"Ach hast du doch schon ausgeschlafen, ja?" Sie nickt und ihre blauen Kulleraugen gucken mich süß an. "Wir feiern heute Geburtstag. Der Samu hat heute Geburtstag. Das ist ein ganz lieber Onkel. Freust du dich?" Oh je, ihre Miene verändert sich schlagartig, aber sie weint wenigstens nicht. "Guck mal, ich hab doch extra deinen Kuschelaffen mitgenommen.", meine ich und hole ihn aus dem Kofferraum währenddessen die Kleine neben dem Auto steht und mich beobachtet.

"Haus!", sagt sie dann und zeigt drauf. Ich muss kurz lachen, dann nicke ich und nehme sie auf den Arm. Das mache ich eigentlich nie, aber seitdem wir hier sind, finde ich es erstmal besser für die Kleine. Das muss alles sehr viel sein für ihr kleines Köpfchen. Samu hat die Tür angelehnt gelassen, ich hoffe dass er sich jetzt etwas gefasst hat.

"Schau mal, ist das nicht schön hier?", frage ich an die Kleine gerichtet als wir im Flur stehen. Jetzt erst fällt mir auf, dass alles etwas farbenfroher gestaltet ist.

"Hey, da seid ihr ja!" Samu kommt aus der Küche, fast gesprungen. Leila erschreckt leicht, lacht dann aber los und ich muss mitlachen. "Hallo du Maus!", grinst er sie an und sie gibt ihm freiwillig die Hand.

"Maus.", sagt sie dann und Samu guckt mich mit großen Augen an.

"Leila kann schon viele Wörter sagen.", sage ich stolz und drücke ihr einen Kuss auf die Wange. "Wir üben ja auch immer ganz fleißig." Dann fange ich an, ein Geburtstagslied zu singen und die Kleine wippt und klatscht dazu, das muss ein tolles Bild sein.

"Samu.", sagt sie dann und sieht ihn schüchtern an. Er hat Tränen in den Augen und dieses gesamte Bild speichere ich in meinem Kopf ab. Was auch immer von jetzt an passiert, ich glaube es macht uns alle ein Stück glücklicher und vollkommener.

 

-34-

 

Die Party ist im vollen Gange. Bevor es so richtig los ging, hatten wir zu dritt noch eine schöne Zeit. Meine Mutter hat die Kleine dann abgeholt und sich bereit erklärt, auf sie aufzupassen, worüber ich sehr froh bin. Denn ich habe lang nicht mehr so richtig ausgiebig feiern können. Ich weiß zwar noch nicht, wo ich heute Nacht schlafen werde wenn ich kein Auto mehr fahren kann, aber da wird sich schon was finden. Und Sara und Lenni sind ja auch hier und Sara darf ja nichts trinken. Ich weiß allerdings nicht, ob das Lenni mittlerweile schon weiß dass er nochmal Vater wird. Das einzige was ich weiß ist, dass sämtliche Leute mich jetzt schon auf Leila angesprochen haben und ich immer wieder ein Bild zeigen musste. Wie es aussieht erzählt es Samu rum und das zeigt mir, dass er Interesse hat. Wie das mit der Zeit aussieht, darüber möchte ich mir im Moment gar keine Gedanken machen.

Ich merke wie sich zwei Arme von hinten um mich legen und als ich auf dem rechten Arm "forever yours" lese, drehe ich mich schlagartig um.

"Sorry, hab ich dich erschreckt?" Er scheint leicht angetrunken zu sein. Ich nicke. "Oh Entschuldigung!", stammelt er und sieht nach unten. "Das war blöd."

"Ist schon okay.", meine ich.

"Geht es Leila gut?", fragt er und ich nicke. Dann zieht er mich in den Flur und wir steigen die Treppen nach oben, um auf der obersten Stufe Platz zu nehmen und an was ich gerade denken muss, ist ja wohl klar. Ob er auch daran denkt wie verrückt wir waren?

"Meine Mutter hat mir eine SMS geschrieben dass sie tief und fest schläft, es war ein aufregender Tag für sie, sie hat ihren Vater kennen gelernt. Was sie jetzt zwar noch nicht weiß, aber..." Ich stoppe.

"Sie wird es irgendwann wissen und verstehen.", lächelt er und streicht mir über den Unterarm bis zur Hand.

"Aber es wird nichts zwischen uns ändern.", sage ich dann und er nimmt seine Hand wieder weg. Er sieht mich tieftraurig an. "Ich bin wieder nach Helsinki gekommen, weil das hier meine Heimat ist, weil hier meine leibliche Mutter lebt, die ich in den letzten Jahren mehr als lieb gewonnen habe. Und Leila soll hier aufwachsen, nicht in Berlin oder sonst wo.", erkläre ich ihm.

"Ich dachte nur, dass..."

"Du bist doch glücklich mit deinem Leben, so wie es jetzt ist, oder?", frage ich und er nickt leicht. Nicht gerade sehr begeistert.

"Warum hast du mir damals nicht gesagt dass du schwanger bist?", fragt er und sieht mich genau an. Ich kann seinem Blick nicht standhalten.

"Ich habe es erst gemerkt als ich im dritten Monat war, ein paar Wochen nachdem wir uns getrennt haben!"

"In meinen Augen und aus meiner Sicht haben wir uns nie richtig getrennt.", sagt er traurig, aber auch etwas wütend.

"Jetzt hör auf zu spinnen!", sage ich böse, weil es mich sauer macht was er hier von sich gibt. "Du hast jedes mal allergisch drauf reagiert wenn ich nur das Wort ´Kind´ in den Mund genommen habe. Was hätte es geändert, wenn ich dir von Leila oder der Schwangerschaft erzählt hätte?"

"Alles.", flüstert er.

"Ja, du hättest vielleicht alles hingeschmissen. Das wollte ich nicht. Ich wollte dass du mit der Musik glücklich bist und nichts weiter. Aber was hättest du dann für ein Leben geführt wenn du es gewusst hättest?", frage ich verzweifelt und er überlegt kurz.

"Ich hätte mir mit dir und Leila ein neues, wunderschönes Leben aufgebaut. Ich hätte ihr das Laufen beibringen können, mit ihr Sprechen üben und was es da nicht noch alles gibt." Er macht eine Pause und wie er mich ansieht, zerreißt mir mal wieder fast das Herz. "Ich habe ihre ersten Schritte verpasst, ihr erstes Wort. Sowas kann man nicht nachholen." Er wischt sich Tränen aus den Augen. "Denkst du, dass es immer wunderbar ist, mein Leben und alles drum herrum wenn ich auf der Bühne stehe?" Er sieht mich mit roten Augen an. Ich schlucke schwer, muss mir verkneifen nicht auch anfangen zu weinen. "Ich konnte mir immer nehmen was ich wollte und kann es auch weiterhin. Egal in welchem Land, oder in welcher Stadt. Doch das, was ich die ganze Zeit haben wollte, wonach ich mich gesehnt habe, das habe ich nicht bekommen. Mal eine schnelle Nummer schieben, na klar, warum nicht? Aber Liebe, wahre Liebe blieb auf der Strecke. Und die Liebe, die du mir gegeben hast, die habe ich seit damals nie wieder gespürt!" Mit diesen Worten steht er auf und geht wieder nach unten zu den anderen. Ich fange an zu weinen, ich kann meine Tränen nicht zurück halten. Ich fange an, mir Vorwürfe zu machen und rede mir im nächsten Moment wieder ein, dass das Quatsch ist. Ich merke gerade, dass es ihm genau so geht wie mir. Ich habe es in Berlin probiert, mich wahrhaftig zu verlieben und doch ist es wieder nur beim Sex geblieben, vor allem dann, wenn sie erfahren haben dass ich ein Baby habe. Und auch bevor sie es wussten, da war nie dieses vertraute Gefühl, keine wahre Liebe.

Dieses Gespräch mit ihm hat mich aus der Bahn geworfen, so sehr dass ich mich in dieser Nacht einfach mal abschießen muss. So viel Alkohol ist mein Körper nicht mehr gewohnt und so wach ich irgendwann am nächsten Tag irgendwo auf.

Ich merke wie mir Tränen aus den Augen kullern. Was habe ich denn jetzt schon wieder gemacht? Ich drehe mich auf die andere Seite und merke dabei, dass irgendjemand ein Arm um mich gelegt hat. Als ich mit meiner schmerzvollen Wendung fertig bin, sehe ich Sami´s Gesicht vor mir. Oh wow, nein, das kann jetzt nicht wahr sein. Ich wische mir die Tränen von den Wangen und versuche zu fühlen, ob ich Klamotten anhabe oder nicht, ja, alles so wie gestern auf der Party. Ich bin erstmal erleichtert und befreie mich aus seinen Zwängen. Dann setze ich mich auf und reibe mir übers Gesicht. Ich weiß nicht mehr, wie und wann ich hier hergekommen bin. Ich weiß nur, dass mir schlecht ist, dass mein Kopf brummt und dass ich gestern ein unschönes Gespräch mit Samu hatte. Ja, das ist das letzte woran ich mich erinnern kann. Nach diesem Gespräch habe ich fest entschlossen, dass ich mich abschießen werde, was mir ziemlich gut gelungen ist und was ich jetzt gerade sehr bereue. Ich lasse mich langsam zurück ins Kissen sinken und starre an die Decke. Völlig gedankenlos.

-35-

 

Ich sitze bei Sami in der Küche. Etwas essbares habe ich nicht gefunden. Vor mir steht ein Glas das mit Leitungswasser gefüllt ist. Das ist wohl das Beste was ich jetzt machen kann, einfach nur Wasser trinken. Mein Körper ist kein Alkohol mehr gewöhnt, das macht er mir ziemlich deutlich. Ab und zu dreht sich mal alles. Dann geht es wieder, aber das Brummen setzt wieder ein. Ich wünschte mir, dass nichts von beidem da wäre.

"Hey." Ich sehe zum Türrahmen wo Sami plötzlich steht und sehe zwischen meinem Wasserglas und ihm hin und her.

"Guten Morgen!", sage ich mit einer krähenhaften Stimme. Er grinst, ich nicht.

"Wie geht es dir?", fragt er und ich sehe wieder zu meinem Wasserglas vor mir und zucke mit den Schultern. Dann trinke ich einen Schluck und stelle das Glas wieder hin. "Okay. Kannst du dich an alles erinnern?", fragt er dann und stellt sich an den Tisch, gegenüber von mir. Ich schüttele den Kopf. "Okay.", sagt er wieder. Dann setzt er sich zu mir nachdem er sich auch ein Glas mit Leitungswasser gefüllt hat. Er scheint nichts anderes hier zu haben.

"Das Letzte was ich weiß ist dieses Gespräch mit Samu auf der Treppe.", sage ich und er sieht mich irgendwie komisch an. "Muss ich mich denn an irgendwas bestimmtes erinnern?" Schnell schüttelt er den Kopf, so, als wäre es nicht ehrlich gemeint.

"Nein, gab nichts besonderes."

"Sami, verarsch mich nicht!", sage ich böse und sehe ihn genau an. Und jetzt sehe ich auch in seinen Augen dass da irgendwas ist, was ich wissen sollte. "Also ich glaube ja kaum, dass zwischen uns was gelaufen ist. Ich habe meine Klamotten noch genau so an wie gestern bei der Party. Und ich glaube nicht, dass ... egal, lassen wir das.", sage ich und mache eine Handbewegung, die ihm zeigen soll, dass ich den Gedanken absurd finde. "Also was war los bevor wir hier waren?", frage ich und sehe ihn wieder genau an. Entweder sehe ich so schrecklich aus dass er mich nicht ansehen kann, oder da steckt wirklich irgend etwas dahinter.

"Ich finde, dass ich nicht der richtige bin um mit dir darüber zu reden, ganz ehrlich!" Plötzlich kann er mich doch ansehen, wenn auch nur kurz. "Und es ist nicht nichts zwischen uns gelaufen!", sagt er dann, ohne mich anzusehen. "Ich bin nicht stolz drauf, okay, aber wir waren nun mal beide ziemlich Hacke.", sagt er und sieht nicht begeistert aus. Ich bin auch nicht begeistert davon und ziehe meine Augenbrauen in die Höhe.

"Wie? Wo? Wann? Was?", frage ich dann, weil er sich ja anscheinend gut erinnern kann. Dann kann er doch gar nicht soooo Hacke gewesen sein, denke ich mir.

"Auf der Party und hier. Wir haben rumgeknutscht, ziemlich wild sogar. Ich meine, du kannst echt richtig gut küssen, aber es war ein Fehler.", meint er und ich muss erstmal tief durchatmen und mein Glas leeren.

"Scheiße, warum?"

"Weiß ich doch nicht!", sagt er und als sich unsere Blicke treffen müssen wir beide loslachen, nur kurz, dann sehen wir uns ernst an. "Samu hat es mitbekommen. Aber..." Er stoppt.

"Aber...?", hake ich nach.

"Es hatte ja einen Grund, warum und wieso.", sagt er. "Aber wie gesagt, er muss mit dir drüber reden. Sag ihm dass du nicht mehr weißt was los war und dass du dich nicht erinnern kannst."
"Warum kannst du nicht mit mir darüber reden?", frage ich fast flehend.

"Ich will mich da nicht einmischen. Und jetzt, wo er weiß, dass er eine kleine Tochter hat, verändert sich doch so viel."

"Tut es das?", frage ich und Sami sieht mich komisch an. "Ich habe ihm gesagt dass sich zwischen ihm und mir nichts verändern wird. Ja, wir sind die Eltern von Leila, aber außer der Kleinen verbindet uns nichts mehr.", erkläre ich ihm und er sieht mich etwas geschockt an. "Ich war über zwei Jahre fast alleine mit der Kleinen. Ich schaffe das auch in Zukunft. Er soll sein Leben weiterleben und wenn er hier ist, kann er uns besuchen und mit der Kleinen auch mal alleine etwas unternehmen.", sage ich und Sami sieht aus wie ein Fisch, weil er den Mund öffnet und schließt, so als möchte er etwas sagen, weiß aber nicht was. Also herrscht erstmal Stille und ich stehe auf um mein Glas nochmal mit Wasser zu füllen. Dann setze ich mich wieder ihm gegenüber, er lehnt sich zurück.

"Du weißt doch gar nicht wie das jetzt ist für ihn. Von einem Tag auf den anderen ist er plötzlich Vater.", sagt er nachdenklich, so als würde er sich vorstellen dass es ihn betrifft.

"Ich kann mir vorstellen wie es ist.", sage ich dann.

"Ich mir gar nicht!", sagt er. "Wenn ich mir vorstelle dass Aino zwei Jahre nach userer Trennung plötzlich angekommen wäre mit einem Kind auf dem Arm. Es hätte mir mein Herz gebrochen. Ganz ehrlich." Ich schnaufe und verschränke meine Arme. "Emi, er hat doch jetzt schon so viel verpasst von ihr. Das ist nicht mehr nachzuholen." Warum redet er genau so wie Samu?

"Aber es hätte sein ganzes Leben umgekrempelt oder zerstört. Ich wollte ihn doch nur glücklich werden lassen nach unserer Trennung. Ich wollte dass er keine Verpflichtungen hat wenn er nach Hause kommt, er sollte frei sein.", verteide ich mich.

"Du hast ihm eine Entscheidung abgenommen, die er selbst hätte treffen müssen!", sagt er und ich sehe ihn nachdenklich an. "Er stand nie vor der Entscheidung und ich glaube, das ist der Fakt, das macht ihn jetzt sauer und er ist verletzt. Sein Stolz ist verletzt, weil du über einen Teil seines Lebens bestimmt hast, den er vielleicht ganz anders haben wollte." Ich kann nichts mehr sagen, ich fühle mich zu erschlagen. Durch dieses Gespräch wir das Schwindelgefühl und das Brummen in meinem Kopf nicht gerade besser, eher mehr und ein Herzschmerz kommt auch noch mit dazu. Ich sehe in mein Glas als würden dort irgendwelche Antworten schwimmen die mir weiterhelfen könnten, doch das klare Wasser irritiert mich eher, als dass es mir weiterhilft. Ich spüre, wie sich seine Hand auf meine legt, ganz sanft. "Es ist schwer, das ist mir klar. Egal wie du es gemacht hättest, ich glaube es wäre alles nicht das richtige gewesen. Aber jetzt müssen wir gucken, wie es am besten weiter geht. Für Samu, für dich und doch am meisten für die Kleine." Ich nicke und schluchze. Dicke Kullertränen sammeln sich auf meinen Wangen. Dann sehe ich hoch und Sami sieht mich so lieb und lächelnd an, dass ich einfach zurück lächeln muss. Dieses Gespräch hat mal wieder meine Sicht auf diese ganze Situation verändert, aber die Lösung wird sich so schnell nicht finden.

 

-36-

 

Ich stehe bei Samu vor der Tür, es ist Samstag Nachmittag. So langsam bin ich ausgenüchtert und Leila geht es bei meiner Mutter sehr gut. Sie hatte gerade ausgeschlafen als ich angerufen habe. Ich betätige die Klingel und wenig später steht ein sehr zerzauster Samu vor mir, in Shirt und Boxershorts und barfuß.

"Hallo!" Er sieht mich mit großen Augen an.

"Können wir reden?", frage ich und er nickt, dabei fährt er sich durch die Haare und lässt mich anschließend rein. Wir umarmen uns kurz und ich versuche meine Gefühle dabei zu definieren. Aber welche Gefühle definieren wenn da keine sind? Wir gehen ins Wohnzimmer, es sieht irgendwie so aus, als hätte noch niemand etwas weggeräumt. "Sind wir alleine?", frage ich und sehe mich dabei um, ob hier vielleicht noch irgendeine Schnapsleiche rumliegt.

"Ja, sind wir!", antwortet er. Dann setzen wir uns auf die große kompakte Couch. Ich an dem einen Ende, er an dem anderen. Ist wohl auch besser so. Wir schweigen uns an. Habe ich ihn nicht gefragt ob wir reden können? Jetzt fehlen mir die Worte und er sieht mich erwartend an.

"Nun guck mich doch nicht so an.", sage ich leise, aber etwas giftig.

"Du wolltest doch mit mir reden.", gibt er genau so giftig zurück, nur bei ihm klingt es härter. Seine Stimme hat sich sowieso verändert, sie ist noch rauer als damals.

"Was ist gestern nach unserem Gespräch passiert?", frage ich nachdem wir wieder einen Moment nur schweigend dasaßen.

"Du hast mit Sami rumgemacht.", sagt er ernst und in einem Ton, als wäre ich ein peinlicher Teenie, Idiot.

"Ach nee. Das weiß ich auch schon.", sage ich angenervt. "Er hat mich ja auch mit zu sich genommen und sich liebevoll um mich gekümmert.", sage ich gespielt übertrieben.

"Oh, bitte keine Details!", sagt er angewidert.

"Es gibt keine Details und wenn, dann keine Sorge, ich würde sie nicht ausplaudern!", sage ich sauer. "Lenk nicht ab! Was war da gestern? Ich hab leider zu dolle zugelangt, dass ich mich jetzt nicht mehr erinnern kann."

"Ich weiß echt nicht, wovon du sprichst!" Er scheint total angenervt zu sein. Gestern hat es mir besser gefallen, mit ihm zu reden. Gestern war er ja auch noch der Meinung dass wir uns nie getrennt haben und dass ich die einzig wahre Liebe für ihn bin, oder so ähnlich. Und heute ist er angenervt von mir!? Schizophrenie lässt grüßen.

"Scheiße!", sage ich laut und stehe von der Couch auf. "Hätte ich dir bloß nichts von Leila gesagt. Oder noch besser, wäre ich bloß in Berlin geblieben. Dass sie auch nie in deine Nähe kommt. Auf so einen bekloppten Idioten als Vater kann sie gut verzichten!", schreie ich und renne in den Flur, er kommt mir hinterher.

"Ja, genau, verpiss dich wieder nach Berlin. Dann habe ich meine Ruhe!", schreit er zurück. Ich schnappe mir meine Sachen, meine Schuhe ziehe ich so über ohne sie zu zumachen und schmeiße die Tür hinter mir zu um dann ins Auto zu flüchten, das ich ja gestern genau vor seinem Haus geparkt habe. Ich atme erstmal ein paar Mal durch bis ich das Auto starte und zu meiner Mutter fahre. Ich muss Leila sehen, ganz unbedingt. Ich will sie in meinen Armen halten und das ewig.

Bei ihr angekommen erzähle ich meiner Mutter die ganze Geschichte und sie weiß gar nicht was sie sagen soll. Sie ist traurig darüber, genau so wie ich, verletzt und enttäuscht. Wer auch immer es zugelassen hat, dass ich ausgrechnet von ihm ein Kind bekommen habe, was wollte er mir damit sagen? Ich bin froh dass ich Leila habe, keine Frage. Aber jedes Mal wenn ich sie ansehe bin ich an ihn erinnert, es gibt keinen Ausweg. Ich kann sie deshalb nicht ignorieren, ich liebe sie ja. Aber wenn ich sie liebe, liebe ich dann auch gleichzeitig Samu, weil sie nun mal aus ihm entstanden ist? Ich halte sie in meinen Armen, wieder sehen mich ihre großen Kulleraugen an. Und diesmal strahlen sie mich nicht an wie immer, sie sehen mich traurig an. So, als würden sie meine Gefühle wiederspiegeln. Das tut mir in der Seele weh.

"Ich hab dich so lieb mein kleiner Schatz!", flüstere ich und küsse sie auf die Stirn. Wie sie einfach nur still liegt, ab und zu ein bisschen mit ihren Händen rumspielt und mich ansieht, das erwärmt mein Herz und meinen ganzen Körper dazu.

Ich muss eingeschlafen sein. Leila liegt nicht mehr bei mir und ich erschrecke mich darüber. Ich stehe schnell auf und eile aus dem Zimmer.

"Marii?", rufe ich, da ich sie so nenne. In meinem Alter noch mit "Mama" anzufangen war mir zu suspekt und ihr ebenfalls.

"Ja?" Ich eile ins Wohnzimmer und sehe wie sie mit der Kleinen auf dem Boden sitzt und spielt. Ich bleibe im Türrahmen stehen und sehe die beiden erleichtert an. Dann steht meine Mutter auf und stellt sich vor mich. "Hey, alles gut.", lächelt sie und streicht mir leicht über die Wange. "Du hast so schön geschlafen, wir wollten dich nicht wecken und Leila wollte unbesingt mit mir spielen.", lächelt sie und ihre Stimme dazu wirkt beruhigend auf mich.

"Danke!", lächele ich zurück und sie nimmt mich in den Arm, drückt mich fest an sich, so, dass ich ihr Herz spüren kann.

"Nicht dafür. Ich bin doch so glücklich dass du jetzt hier bist mit Leila. Ich kann mir nichts schöneres vorstellen." Sie weiß ja gar nicht wie gut es tut diese Worte zu hören. "Ist es okay wenn wir Lenni, Sara, Felix und Paul einladen zum Abendbrot?", fragt sie dann und ich nicke wie verrückt. Wenn ich etwas gebrauchen kann, dann ist es diese Form von Ablenkung. Auch wenn ich denke dass das Thema Samu nicht tabu sein wird.

Um 18 Uhr stehen die vier vor der Tür und Leila ist total begsiert ihre neuen Freunde wieder zu sehen. Sie kann schon fast ihre Namen aussprechen, das ist einfach zu süß. Und ich denke, wenn die drei mehr Zeit miteinander verbringen, dann wird sie auch schnell von ihnen das Sprechen lernen. Nachdem wir uns alle herzlich begrüßt haben und die Küche gut gefüllt ist, tischt Marii das Essen auf und alle sind schon von dem Duft fasziniert.

"Emi, hast du nächstes Wochenende Zeit?", fragt Sara nach dem Essen. Die Kinder und Lenni schicken wir ins Wohnzimmer zum Spielen, meine Mutter macht ihren Verdauungsspaziergang und Sara und ich die Küche. Mit drei Kindern am Tisch sieht die Küche danach wie ein Saustall aus.

"Ja, habe ich. Warum?"

"Wir haben uns ein neues Schlafzimmer bestellt, da das alte uns jetzt wirklich über ist und wir brauchen noch Hilfe zum Aufbauen und wir wollen auch malern.", erklärt sie und wäscht nebenbei den großen Topf ab.

"Na klar helfe ich euch.", lächele ich und bin einfach so glücklich in diesem Moment, wieder hier zu sein. Bei meinen Freunden, oder die davon übrig geblieben sind und bei meiner Mutter. "Weiß Lenni immer noch nicht dass du ein Baby bekommst?", frage ich und sie sieht mich kopfschüttelnd an. "Sara! Warum?", frage ich völlig schockiert.

"Es hat noch nicht gepasst. Wirklich, Emi. Paul und Felix sind zur Zeit einfach so chaotisch und wir haben kaum Zeit für uns und ich will ihm das doch nicht zwischen Tür und Angel sagen."

"Ja, das stimmt auch wieder. Aber du solltest nicht zu lange warten, sonst ist er sauer.", sage ich und Sara lacht.

"Ich kann ja auch zwei Jahre warten!", grinst sie mich an und wenn sie es nicht wäre, wäre ich richtig sauer, aber stattdessen lache ich.

"Dieser Idiot, ganz ehrlich. Was fand ich mal an dem so toll? Und wer hat bestimmt dass ich von dem schwanger werde?", frage ich abwertend und jetzt sieht mich Sara enttäuscht an.

"Ihr habt es selber entscheiden indem ihr nicht verhütet habt und es wild auf der Treppe getrieben habt."

"Was? Woher weißt du das?", frage ich mit großen Augen und höre für einen Moment mit dem Abtrocknen auf.

"Du warst ziemlich besoffen in der Nacht. Ich hätte dich alles fragen können!" Sie lacht und mir ist nicht dazu zu Mute. "Aber Sami und du, das würde auch passen.", setzt sie noch eins drauf. Und da es mir reicht, stelle ich den Topf beiseite, lege das Geschirrhandtuch daneben und fange an, sie abzukitzeln. Sie quiekt wie verrückt und plötzlich fühle ich einen nassen Schwamm mitten in meinem Gesicht.

"Du Ferkel!", sage ich und wische mir über das Gesicht. Dann nehme ich Schaum mit der Hand aus der Spüle und klatsche ihn ihr ins Gesicht.

"Selber du dumme Kuh!", sagt sie empört und so geht unsere Schwamm- und Schaumschlacht weiter.

"Was macht ihr denn hier?" Meine Mutter steht im Türrahmen und belächelt uns. "Ihr benehmt euch ja schlimmer als die drei Kleinen. Obwohl das gerade auch nicht schwer ist, sie zu überteffen, sie schlafen ganz friedlich.", sagt sie und nachdem wir wieder alles ordentlich gemacht haben und nur noch an unseren Klamotten Spuren der Schlacht zu sehen sind, gehen wir ins Wohnzimmer gucken. Lenni liegt mitten auf der ausgeklappten Couch. In einem Arm hält er Felix fest, im anderen Leila und Paul liegt mit dem Kopf auf seinem Bauch. Wir stehen alle drei da, als würden wir sonst was vor uns sehen. Aber das ist einfach zu herzallerliebst.

-37-

 

Schon wieder ist eine Woche rum, ich war ein paar Stunden arbeiten diese Woche, es gefällt mir sehr gut dort. Wieder ein Hotel, ein noch besseres als das, in dem ich vor ein paar Jahren hier gearbeitet habe. Ich muss nicht mehr massieren, habe jetzt wichtigere Aufgaben und das ist ein schönes Gefühl. Die Kollegen die ich bisher kennen gelernt habe sind auch großartig. Ich denke, dass in dieser Hinsicht nichts mehr schief gehen kann.

Ich stehe bei Sara und Lenni vor der Tür und klingele. Leila ist mal wieder bei ihrer Oma. Langsam habe ich ein schlechtes Gewissen, aber morgen werden wir uns einen schönen Tag zusammen machen.

"Hallo!", Sara öffnet mir freudestrahlend die Tür.

"Hey." Wir umarmen uns und dann betrete ich den Flur. Ich höre viele Leute reden. "Was ist denn hier los?", frage ich.

"Na es haben einige zugesagt, das ist ja ganz gut so. Dann sind wir schneller fertig.", grinst sie. "Ich habe mit Lenni geredet!", flüstert sie mir ins Ohr.

"Na endlich.", bekomme ich nur raus und wir müssen lachen. Doch das Lachen vergeht mir wieder schnell. "Was macht DER bitteschön hier?", frage ich sie und zeige auf Samu, der mit einer Flasche Bier in der Hand mit ein paar anderen Männern im Wohnzimmer steht.

"Lenni hat ihn gefragt ob er uns hilft und er hat zugesagt." Ich sehe sie genervt an.

"Das war eine scheiß Idee. Ich will ihn nicht sehen!", meckere ich rum.

"Emi, ganz ruhig. Ihr sollt uns helfen, es geht nicht um euch beide!", gibt sie giftig zurück.

"Aber dieser..."
"Halt jetzt einfach seine Klappe und hilf mir!", zischt sie deutlich genervt und sagt mir dann was zu tun ist.

Eine ganze Weile sind wir hier und da beschäftigt. Dann meint sie, dass ich die Scheuerleisten streichen kann im Schlafzimmer. Also mache ich mich auf den Weg dorthin und bin froh dass ich alleine bin. Die Folie raschelt unter meinen Füßen und ich lege gleich los.

"Hallo!", höre ich nach einer ganzen Weile, die ich jetzt schon hier beim Streichen bin.

"Hallo!", gebe ich zurück weil ich mich gerade konzentriere, doch dann drehe ich mich ruckartig um und lande auf meinem Po. Samu sieht mich an und fängt an, schallend zu lachen. "Idiot!", schimpfe ich vor mich hin und raffe mich wieder auf um mich wieder der Wand zu widmen.

"Idiotin. Scheiß Gleichgewicht. So ist das mit dem Alkohol!", lacht er weiter und ich frage mich, was er hier zu suchen hat. Doch ich mache hier einfach mein Ding und wir schweigen uns an.

"Scheiße. Warum geht die Tür nicht mehr auf?", höre ich Samu nach einer ganzen Weile sagen. Ich lege das Malerzeug zur Seite, drehe mich um, diesmal ohne umzufallen und gehe zur Tür, schubse ihn unsanft zur Seite und rüttele an der Klinke.

"Seid ihr bescheuert? Das könnt ihr nicht machen!", schreie ich und klopfe wie wild gegen die Tür. Doch von draußen ist keiner zu hören. Ganz plötzlich ist alles still.

"Das hat man davon wenn man Freunden beim Renovieren hilft.", schimpft Samu und ich beachte ihn gar nicht, so wie schon die ganze Zeit. "Nun sag doch auch mal was."

"Nein, das wollen sie ja bloß.", sage ich sauer und gehe wieder an die andere Seite des Raumes und lehne mich an die Wand. Dort, wo ich noch nicht gestrichen habe.

"Und jetzt?", fragt er und sieht mich doof an.

"Nichts."

"Aber was ist daran so falsch wenn wir miteinander reden?", fragt er und ich rolle mit den Augen.

"Ich habe dir nichts mehr zu sagen!" Er sieht mich mit großen Augen an.

"Emi, wir haben eine Tochter, eine gemeinsame Tochter."

"Ach nee?", frage ich doof. "Schade dass ich nicht biologisch Mutter und Vater sein kann von ihr, wirklich scheiße!", sage ich verärgert und setze mich auf den Boden.

"Du bist echt dumm!", sagt er.

"Ja du auch.", gebe ich schnippisch zurück.

"Du redest wie ein Kind!"

"Liegt daran dass ich eins hab!" Er sieht mich verwirrt an.

"Was ist los mit dir?"

"Ich bin angepisst dass wir hier eingesperrt sind.", sage ich sauer und sehe ihn verzweifelt an.

"Ich auch, aber im Gegensatz zu dir gebe ich keinem von uns beiden die Schuld!"

"Tu ich doch gar nicht!", streite ich ab.

"Und warum machst du mich die ganze Zeit so dumm an?"

"Weil du nichts anderes verdient hast!", gebe ich kleinlaut zurück.

"Warum?" Ich gebe ihm keine Antwort, er weiß doch ganz genau warum. Erst sagt er solche Dinge zu mir, dass ich mich wieder verpissen soll und dann erfahre ich von Sara dass er eine Freundin hat, die bei der Party aufgekreuzt ist und ich deswegen mit Sami rumgemacht habe. Obwohl mir Samu vorher noch erzählt hat dass er keine richtige Liebe gefunden hat, sondern nur mit allen möglichen Frauen geschlafen hat. Und jetzt fragt er, warum. Dass ich nicht lache. "Es tut mir leid!", sagt er dann leise und setzt sich direkt neben mich, unsere Ellenbogen berühren sich leicht. "Es tut mir wirklich leid!" sagt er dann nochmal und da er dabei seinen Kopf in meine Richtung dreht, spüre ich ein Hauch seines Atems an meiner Wange. Ich weiß nicht, was gerade bei mir aussetzt in diesem Moment, aber ich lehne meinen Kopf an seine Schulter.

"Egal wie ich es gemacht hätte, es wäre falsch gewesen.", fange ich dann an. "Hätte ich dir von der Kleinen erzählt, hättest du vielleicht mit der Musik aufgehört, oder eben auch nicht und ich wäre enttäuscht geswesen, dass du von ihr weißt, es dir aber egal ist. Und so habe ich es lieber sein lassen. Ich dachte, dass ich das auch alleine schaffe, das habe ich ja auch. Ich wollte dir nicht im Weg stehen, nicht damals als ihr so groß rausgekommen seid." Ich strecke meine Beine aus und er legt eine Hand auf meinem Oberschenkel ab.

"Du hast alles so perfekt richtig gemacht.", sagt er leise und lehnt seinen Kopf leicht gegen meinen. "Ich war so geschockt als ich die Kleine gesehen habe. Und gleichzeitig enttäuscht und erfreut. Aber du hast mir halt eine Entscheidung abgenommen, die ich selber hätte treffen müssen. Aber jetzt, wo ich es mir tausend mal durch den Kopf hab gehen lassen, ist mir klar, dass du alles richtig gemacht hast." Ich spüre dass er lächelt, er nimmt seinen Kopf nicht von meinem weg und fängt an, leicht über meinen Oberschenkel zu streichen. "Sieh dir Leila an. Sie ist so eine bezaubernde, strahlende und clevere Maus. Am liebsten würde ich es abstreiten dass ich ihr Vater bin, weil sie sowas gar nicht verdient, so einen Idioten als Vater."

"Nein, hör auf. Es war doof, dass ich das gesagt habe.", sage ich mit Reue in der Stimme.

"Ok." Wieder lächelt er. "Und die Sache mit Sina..." Ach, so heißt sie also. Er atmet durch und ich warte gespannt wie es weiter geht, dann schluckt er schwer. "Sie weiß von Leila und sie findet es nicht schlimm und möchte mit mir zusammen bleiben, aber ich habe ihr gesagt dass ich mich von ihr trennen möchte."

"Warum, Samu?" Ich drehe mich schlagartig zu ihm um und sehe ihn fragend an. Er scheint nicht daran interessiert zu sein mir eine Antwort zu geben, aber da ich nochmal nachhake überlegt er es sich doch anders.

"Weil ich sie nicht mehr liebe und gar nicht weiß ob ich das jemals getan hab. Dieses on und off zwischen ihr und mir macht uns beide krank."

"Im Moment machst du mich auch krank!", sage ich leicht scherzhaft.

"Du mich auch!", grinst er und wir sehen uns kurz an. "Emi, ich will dich nicht bedrängen oder so. Ich lass dir Zeit, ewig sogar.", sagt er und das ist ja alles schön und gut, aber...

"Was ist, wenn ich nicht mehr zu dir zurück komme? Wenn ich mit einem anderen Mann glücklicher bin? Ich liebe Leila sehr und möchte dass es ihr gut geht, aber ich kann doch nicht, in Sachen Männer, für mich danach gehen, wer ihr Vater ist.", sage ich und jetzt weiß er nichts mehr zu sagen.

-38-

Ein paar Wochen später sitze ich gerade auf Arbeit in meinem Büro. Leila ist im Kindergarten, unsere Wohung ist fast fertig und mehr eine Haushälfte als eine Wohnung und ich bin glücklich mit meinem Job. Und so wie alles ist kann es auch bleiben, von mir aus. Es klopft an der Tür und ich werde aus meinen tollen Gedanken gerissen.

"Herrein!", sage ich laut und kann es nicht glauben, wer dort steht.

"Hallo. Können wir nicht nochmal reden?" Natürlich ist es Samu. Wer sonst? Ich dachte zwar, dass alles gesagt ist, aber das sieht er anscheinend nicht so. Ich nicke und er betritt das Büro, dann schließt er hinter sich die Tür. Ich stehe von meinem Platz auf, bleibe aber dort stehen. Distanz ist einfach besser. "Emilia, ich will nicht nur der Vater deines Kindes sein.", sagt er traurig. Ich merke wie nah mir dieser Satz geht. "Ich möchte, dass wir eine Familie sind, eine richtige!" Ich sehe ihn nachdenklich an.

"Aber du wirst weiter Musik machen, um die Welt reisen, tausend Leute treffen. Dafür wirst du wieder montatelang unterwegs sein. Und wir?", frage ich mit gebrochener Stimme. "Ich habe Angst davor, wieder alleine zu sein. Auf dich zu warten, mein Leben nach dir zu richten!" Ich klinge sauer und das ist gar nicht meine Absicht, aber dieser ganze Schmerz von damals kommt wieder in mir hoch.

"Aber du bist nicht alleine, du hast doch Leila! Es ist anders als damals." Warum kann er so gut argumentieren und hat dabei auch noch so verdammt Recht? Ich gehe von meinem Schreibtisch weg und stelle mich ans Fenster, so dass ich raussehen kann. Es ist ein wunderschöner Frühlingstag und ich muss plötzlich an den Tag denken, an dem wir am Strand waren und ich ihn richtig kennen gelernt habe. Wie ich jedes Detail in mich aufgesaugt habe. Keins dieser Details ist je aus meinem Gehirn verschwunden, ich erinnere mich ganz genau. Und sein Bild wird wohl auch nie verblassen.

Ich spüre wie sich zwei Arme ganz sanft um mich schlingen, ich kann mich nicht wehren, wie betäubt bin ich von seinen Berührungen. Ich lehne meinen Kopf nach hinten, an seine Schulter. Umfasse seine Unterarme mit meinen Händen. Ich lächele vor mich hin, schließe meine Augen und spüre seinen Atem an meinem Hals. Nach wie vor macht es mich schwach. Doch dann spüre ich Bartstoppeln an meinem Hals, die hatte er damals nie. Aber dieses raue Gefühl und dazu noch sein Atem bringen mich dazu, dass ich ein paar Mal tief Luft holen muss, so dass ich nicht aufhöre zu atmen.

"Ich will nur dich und die Kleine an meiner Seite... und in meinem Herzen." Er gibt mir einen leichten Kuss auf den Hals, dann auf die Wange und meine Hände halten seine Unterarme noch fester. "Lass es uns nochmal versuchen, nicht als Neuanfang, sondern eher als neuer Anfang... ach, was laber ich hier eigentlich?" Ich muss lachen. Dann drehe ich mich langsam zu ihm um, sehe ihn mir genau an. Er hat sich verändert, wirklich, er wirkt viel erwachsener, reifer. Seine Muskulatur hat deutlich zugenommen. Dann diese kleinen Bartstoppeln die ihn so verdammt sexy wirken lassen. Mir ist gerade eindeutig zu heiß.

"Ich hatte die ganze Zeit wahnsinnige Angst davor, nochmal verletzt zu werden. Nochmal von dir und überhaupt..." Ich rede mich um Kopf und Kragen, unsere Gesichter sind nur ein paar Zentimeter voneinander entfernt. "Ich will doch auch nur dich. Mit einem anderen Mann wäre ich doch gar nicht glücklich.", sage ich dann und schließe meine Augen, weil ich der Meinung bin, dass er mich gleich küssen wird. Stattdessen wendet er sich von mir ab. Ich öffne die Augen und sehe wie er an der Tür steht. Für einen Moment bin ich geschockt, denke, dass er gehen will.

"Kann man die Tür abschließen?", fragt er dann und ich lache kurz. Ich hole den Schlüssel aus einem Schubfach und gebe ihn ihm. Dann schließt er ab und ich beiße mir auf die Unterlippe. Nur einen Moment überlege ich, ob das hier richtig ist, was wir tun. Doch als ich sehe, wie er den Schlüssel in den Bund seiner Unterhose schiebt, weiß ich, dass das hier absolut richtig ist. So verrückt und gleichzeitig liebevoll kann nur er sein. Ich lege meine Arme um ihn, dann nimmt er meine Beine, ich schlinge sie um ihn und er setzt mich auf den Schreibtisch. Ich lasse meine Beine um ihn geschlungen, er küsst sanft meinen Hals, ich lasse meinen Kopf in den Nacken fallen und ziehe scharf die Luft ein. Dann spüre ich seine Lippen leicht auf meinen, ich schließe meine Augen und genieße dieses Spiel zwischen unseren Lippen und Zungen. Dabei reißen wir uns in null komma nichts die Klamotten vom Leib bis wir beide nur noch in Unterwäsche dastehen. Wieder hebt er mich auf den Schreibtisch, unsere Küsse werden immer wilder, erinnern mich an unsere Anfangszeit und machen mich immer schärfer darauf, mit ihm zu schlafen. Der Schlüssel fand seinen Weg klirrend auf den Boden. Ich schlinge meine Beine noch fester um ihn, so dass ich seine Errgeung spüren kann. Ich lecke mir über die Lippen, so dass er es sehen kann und als auch noch die restlichen Sachen ihren Weg auf den Boden gefunden haben schlafen wir miteinander. In meinem Büro, halb auf meinem Schreibtisch, mal leidenschaftlich, dann wieder etwas wilder. Ich muss mir mein lautes Stöhnen verkneifen, kralle stattdessen meine Fingerfnägel in seinen Rücken und in seine Schultern.

Nachdem wir uns völlig ausgetobt haben, sehen wir uns peinlich berührt an wie zwei Teenies, die von ihren Eltern erwischt wurden und müssen dann lachen.

"Ich liebe dich!", sagen wir gleichzeitig, als wir uns gegenüber stehen und grinsen uns glücklich an. Dann küssen wir uns erneut und machen uns anschließend auf die Suche nach dem Schlüssel, der komischerweise verschollen ist.

"Scheiße, der kann doch nicht einfach weg sein!", sage ich panisch und robbe auf den Knien vor meinem Schreibtisch rum. "Warum hast du ihn nicht einfach stecken lassen?", fahre ich Samu sauer an und er sieht mich nur belustigt von oben an und ich sehe wie er mir auf den Arsch starrt.
"Was, wo stecken lassen?", fragt er richtig versaut und ich sehe verärgert zu ihm nach oben.

"Halt die Klappe und hilf mir suchen!"

"Ich genieße den Ausblick!", sagt er leise und zwinkert mir zu.

"Du Arsch!", schimpfe ich und knurre wütend vor mich hin. Dann geht er plötzlich doch auf die Knie, aber nur um mir an den Arsch zu fassen.

"Selber sexy, großartiger, wundervoller und schöner... ARSCH!", grinst er und setzt sich in den Schneidersitz. Ich bleibe auf allen Vieren, schnurre jetzt wie eine Katze und krabbele zu ihm, so dass unsere Gesichter ganz nah voreinander sind. Ich reibe meinen Kopf auf meine Schulter und spüre, wie er mich küssen will...

"Der Schlüssel." Ich fahre hoch, stehe auf und hole den Schlüssel der halb unter einem Regal liegt.

"Dieser dumme Schlüssel.", höre ich ihn leise und enttäuscht sagen.

"Leila muss aus dem Kindergarten abgeholt werden.", lächele ich um ihn etwas aufzumuntern.

"Lass uns das zusammen machen!", grinst er begeistert und ich nicke. Wir küssen uns nochmal ausgiebig und verlassen dann wenig später mein Büro, nachdem wir uns wieder angekleidet haben.

-39-

 

Mit seinem schicken BMW fahren wir zur Kita und parken auf dem Parklplatz davor. Da heute so ein wunderschönes Wetter ist, spielen die Kinder draußen und die eine Erzieherin, die ich nich besonders mag, steht am Zaun und ich glaube, ihr fallen gleich die Augen raus. Sie mustert uns, beobachtet jeden einzelnen Schritt und ich feier innerlich eine Party.

"Hallo Manuela!", begrüße ich sie übertrieben freundlich.

"Hallo!", lächelt Samu sie an. Ich bin so froh dass Leila nicht in ihrer Gruppe ist. Wir gehen an ihr vorbei und ich halte Ausschau nach meiner Kleinen, nach UNSERER Kleinen natürlich.

"Samuuuuuu!", höre ich plötzlich ihre Stimme und sie kommt angerannt, so schnell habe ich sie noch nie laufen sehen. Und vor allem, sie stürmt auf ihn zu, er geht in die Hocke, schließt sie in seine Arme und richtet sich dann wieder auf um sie in die Luft zu heben. Danach knuddelt er sie eine Runde und ich stehe daneben wie angewurzelt.

"Hallo Leila. Mama hat dich auch lieb!", sage ich völlig entsetzt über das, was ich da eben sehen musste. Ich bin ja auch positiv überrascht und freue mich, aber in erster Linie bin ich entsetzt.

"Mama!", grinst sie mich dann an und streckt mir ihre Arme entgegen. Ich nehme sie und drücke ihr einen Kuss auf den Mund.

"Na meine Süße? War es schön heute?" Sie nickt und sieht dann ihren Vater wieder an, total verliebt. Ob sie merkt wer er ist? Sie ist doch nicht dumm. Und sie hat bestimmt auch gesehen wie wir Händchen gehalten haben.

"Hallo Emilia.", höre ich dann Leila´s Erzieherin sagen, ich drehe mich um und wir begrüßen uns mit einem Handschlag. Samu sieht sie erst etwas komisch an, doch dann begrüßt sie ihn ebenfalls.

"Sag deinen Freunden tschüß und hole deinen Rucksack, ja?" Mit diesen Worten setze ich sie runter.

"Samu mitkomm!?" Wie sie ihn ansieht als sie das sagt. Ich wische mir die Tränen aus den Augen. Er nimmt sie an die Hand und geht mit ihr nach drinnen.

"Er ist ihr Vater. Ich denke, du solltest das wissen. Wir werden ihr das ganz langsam beibringen!" Mirja lächelt, ebenfalls mit Tränen in den Augen.

"Es ist schön, dass ihr wieder zueinander gefunden habt. Irgendwie wussten es alle dass er ihr Vater ist, damals durch die Zeitungen, viele haben sich wohl dein Gesicht gemerkt. Es gingen Gerüchte rum und nun wissen wir es. Ich freue mich!" Oh wow, daran habe ich schon gar nicht mehr gedacht.

"Wir sind auch sehr glücklich!", sage ich und als die beiden ewig später wiederkommen erzählt mir Leila stolz, dass sie Samu alles gezeigt hat, was ich nur mit seiner Übersetzung verstehe. Es ist, als wären die beiden nie getrennt gewesen.

"Manuela, wie du siehst, ist es kein Gerücht.", zwinkere ich ihr zu und jetzt sieht sie mich verbissen und wütend an, als möchte sie am liebsten mit dem Fuß auf den Boden stampfen, wie ein Kind, dem man das Spielzeug weggenommen hat.

"Wir müssen jetzt laufen, weil wir keinen Kindersitz im Auto haben!", sage ich zu Samu und wie Leila uns ansieht, immer abwechselnd. Ich finde, wir sollten ihr schnell klar machen, dass Samu ihr Papa ist.

Wir sind zu dritt in der Wohnung. Samu hat sich erstmal alles angesehen und ist auch sehr begeistert. Er ist jetzt in der Küche um etwas zu kochen. Das habe ich vermisst. Mich einfach mal verwöhnen lassen. Leila sitzt mit einem Kinderbuch neben mir auf der Couch. Ich lege einen Arm um sie und sie schmiegt sich an mich.

"Leila, sag mal Papa!", sage ich leise, weil ich nicht möchte dass Samu das mitbekommt. Sie sagt nichts. Sie sieht mich mit ihren blauen Kulleraugen nur groß an. "Nicht Samu sagen, du musst PAPA sagen. Okay?" Sie nickt und widmet sich dann wieder ihrem Buch. Na egal.

"Essen ist fertig!", höre ich Samu rufen, ich bin eingeschlafen. Ich reibe mir die Augen, Leila sieht mich wieder so süß an.

"Schlaft Mama!", grinst sie.

"Ja, ich bin eingeschlafen!", lache ich und gehe dann mit ihr in die Küche.

"Wer ist eingeschlafen?", fragt Samu.

"Mama!", sagt Leila wie aus der Pistole geschossen.

"Na super.", sage ich weniger begeistert.

"Tja, ab sofort ist die Kleine ein Lügendetektor.", lacht er.

"Ist sie nicht.", sage ich beleidigt und es ist amüsant wie unsere süße Maus dieses Gespräch mal wieder verfolgt, während sie auf ihrem hohen Stuhl sitzt und geduldig auf das Essen wartet. Samu füllt ihren Teller mit den Nudeln und der leckeren Tomatensauce. Ich nehme ihm den Teller ab, gebe ihm einen Kuss und stelle den Teller dann vor Leila hin, die ein Geräusch macht als würde sie jemanden küssen. Samu und ich müssen lachen.

Doch beim Essen macht sie ziemlich viele Dummheiten über die ich schimpfe und letzendlich muss sie in den Flur gehen um dort zu überlegen was sie falsch gemacht hat. Samu hält sich die ganze Zeit raus, bis sie im Flur ist.

"Das ist ganz schön hart!"

"Samu, das ist Erziehung, sie kann sich nicht so aufführen, nur weil du hier bist.", rechtfertige ich mein Verhalten. "Sie hat ja wohl eindeutig eine Grenze überschritten, egal wie komisch das jetzt für sie ist. SO nicht!" Ich stehe auf und räume unsere Teller auf. Irgendwie bin ich etwas sauer. Er kann doch nicht einfach so wieder in unser Leben schneien und mir jetzt sagen wollen, was richtig oder falsch ist.

-40-

 

Nachdem wir ein paar Tage zu dritt verbracht haben, muss Samu für eine Woche weg. Er ist mit den anderen Jungs zum Songs besprechen und abändern verabredet. Die nächste Zeit wird er wohl immer mal für ein paar Tage weg sein. Das ist besser als dieses ewig lange rumtouren, aber wir schaffen das, weil wir uns wirklich lieben und beide begriffen haben, dass nur wir zusammen gehören, wir beide, zusammen mit Leila.

Da Leila heute Oma- Tag hat, treffe ich mich nach der Arbeit mit Sara. Sie kommt zu mir und dann setzen wir uns in meinen Garten.

"Möchtest du einen Eiskaffee trinken oder was warmes?", frage ich.

"Ein Glas kühles Wasser reicht mir.", sagt sie und in dem Moment fällt mir ein, dass sie ja schwanger ist und Koffein nicht gut ist. Ich hole von drinnen ein Glas Wasser für sie und ich mache mir einen Eiskaffee. Mein erster in diesem Jahr.

"Du siehst nicht gut aus. Was ist los?", frage ich sie besorgt nachdem wir ein bisschen Smalltalk gehalten haben, was sonst gar nicht unsere Art ist.

"Es geht mir nicht gut.", sagt sie und das hätte sie gar nicht machen brauchen, denn das sehe ich auch so. "Ich überlege, die Schwangerschaft abzubrechen." Ich sehe sie mit großen Augen an und muss aufpassen dass ich mich nicht verschlucke. "Ich weiß, es klingt erstmal grausam und absurd, aber... Dieses Baby ist vielleicht nicht von Lenni!" Ich muss diesen Satz erstmal sacken lassen, stelle mein Glas auf dem Tisch ab und sehe sie immer noch groß an.

"Du hast mit einem anderen Mann geschlafen?", frage ich völlig fassungslos. Sie nickt und sieht mich nicht an, sondern auf den Boden.

"Ich bereue es so sehr.", sagt sie leise und so, als würde sie gleich anfangen zu weinen. Ich würde sie gern in den Arm nehmen, aber ich denke gleichzeitig an Lenni. Jetzt weiß ich warum sie ihm nichts gesagt hat von der Schwangerschaft.

"Aber selbst wenn du einen Abbruch machen lässt. Das ändert doch nichts an der Tatsache.", rutscht es mir so raus. Ihr geht es schlecht und ich habe nichts besseres zu tun als weiter in der Wunde zu bohren.

"Ich weiß, aber ich kann ihm doch kein Kind unterjubeln dass nicht von ihm ist." Sie schluchzt kräftig und jetzt stehe ich doch von meinem Stuhl auf, gehe zu ihr und nehme sie in den Arm, nachdem sie auch aufgestanden ist.

"Lass uns reingehen!", sage ich. Wir setzen uns auf die Couch und sie kuschelt sich an mich, so, wie Leila das immer macht. Sie weint die ganze Zeit, kann sich nicht beruhigen. Ich streiche ihr den Rücken auf und ab, habe selber Tränen in den Augen. Ich habe in diesem Moment einfach schreckliche Angst. Um Sara und Lenni, um die Zwillinge und um das ungeborene Baby.

"Im ersten Moment war alles schön und gut. Endlich mal ein anderer Mann, der mich anfasst. Aber danach ist eine Welt zusammen gebrochen. Und als ich erfahren habe dass ich schwanger bin ist sie noch ein Stück weiter zusammen gebrochen.", erzählt sie als sie sich halbwegs gefangen hat. Sie befreit sich aus meiner Umarmung und sieht mich jetzt erwartungsvoll an. Doch ich habe keinen Rat für sie, ich kann mich nicht in ihre Lage versetzen. Als ich damals mit Tomi geschlafen habe, da habe ich eine völlig andere Rolle gespielt. Und schon diese Rolle war schmerzhaft und beschämend, nachdem ich wusste dass er eine Frau und ein Baby hat. "Ich weiß nicht was ich machen soll!", sagt sie und die Tränen stoppen nicht.

"Du musst mit Lenni reden!", sage ich leise, weil ich mir vorstellen kann, dass sie diese Idee nicht gut findet. Doch sie reagiert nicht darauf. "Ihr seid verheiratet, ihr habt zwei süße Jungs für die ihr Verantwortung übernehmen müsst."
"Aber Emi, genau das ist es doch!", sagt sie sauer. "Dieses MÜSSEN. Ich hatte darauf keine Lust mehr, am liebsten wäre ich abgehauen. Jeden Morgen und jeden Abend die gleichen Gesichter. Jeden Tag der gleiche Ablauf. Ich kann einfach nicht mehr!" Und plötzlich sehe ich meine beste Freundin mit ganz anderen Augen. War dieses freundliche, nette und liebevolle Verhalten nur Fassade? Und in ihr drin ist alles traurig, langweilig und verzweifelt? Ich sehe sie nachdenklich von der Seite an, ich bin einfach fassungslos. Was ist mit ihr passiert, dass sie plötzlich abhauen möchte? "Mein Leben ist eingeschlafen und egal was ich versuche, es wacht nicht mehr auf."

 

-41-

 

"Was ist passiert?", frage ich panisch und Lenni hält vor dem Krankenhaus an.

"Irgendwas ist mit Sara!", sagt er völlig durch den Wind und rennt in das Krankenhaus als gäbe es kein Morgen mehr.

"Lenni, warte!"

Als der Anruf vor einer halben Stunde kam, saß ich gerade bei mir auf Arbeit. Das Treffen von Sara und mir ist drei Tage her. Heute kommt Samu wieder. Und mir ist das hier gerade alles zu viel.

"Ich suche einen Arzt!", sagt Lenni zu mir als wir auf der Station angekommen sind. Dann findet er einen, verschwindet in einem Zimmer mit ihm und kommt ewig lange nicht mehr raus. Ich gehe den Gang auf und ab. Wische mir eine Träne nach der anderen von den Wangen.

Lenni steht plötzlich wieder vor mir, ich habe ihn gar nicht gehört.

"Sara möchte dich sehen!", sagt er zu mir und ich sehe ihn verwundert an.

"Weißt du, was sie hat?", frage ich ihn und er schüttelt den Kopf. "Was?", frage ich ungläubig.

"Sie hat gesagt, dass ich nichts erfahren soll!" Deutlich geknickt sieht er mich an und ich nehme ihn in den Arm.

"Lenni, wer weiß, was los ist. Sie steht vielleicht unter Schock, braucht erstmal Zeit!", versuche ich das schön zu reden. Er nickt. "Bleib hier, setz dich hier hin, ich gehe zu ihr rein und rede mit ihr.", lächele ich gequält und klopfe dann an der Zimmertür. Ich betrete leise das Zimmer, sie hat die Augen geschlossen, ihr Gesicht ist blass. Ich setze mich auf einen Stuhl neben ihrem Bett und nehme ihre Hand. Dann blinzelt sie und ich lächele sie gequält an. "Hallo Süße!" Meine Stimme ist abgehackt.

"Hey!", bekommt sie nur raus und Tränen überströmen ihr Gesicht.

"Kannst du mir sagen, was passiert ist?", flüstere ich und sie dreht ihren Kopf zur anderen Seite, so, dass sie mich nicht mehr ansehen muss.

"Ich hab mein Mädchen verloren!", schluchzt sie und wischt sich mit der Hand über das Gesicht, an der Hand hat sie eine Kanüle durch die Infusion in ihren Körper läuft. Jetzt fange auch ich an zu weinen. "Sie hat gemerkt, dass sie nicht erwünscht ist.", flüstert sie und jetzt sieht sie mich wieder an. Dieser Schmerz in ihren Augen ist unbeschreiblich. Eine unangenehme Gänsehaut macht sich auf meiner Haut breit. Ich streiche ihr über die Wangen, wische ihr die Tränen weg. "Es tut mir so leid!", sagt sie leise.

"Du hast keine Schuld, Sara.", versuche ich, sie zu beruhigen. Doch ich merke wie wütend sie ist, wie sie sauer ist auf sich selbst und diese Wut kann ich ihr im Moment nicht nehmen.

"Doch! Ich habe etwas schreckliches getan. Und ich könnte verstehen wenn Lenni mir das nie verzeihen könnte." Sie hat Recht, aber das kann ich ihr doch jetzt schlecht sagen, also schweige ich sie an.

Ich verlasse das Zimmer wieder, gehe zu Lenni, sage ihm, dass er ihr Zeit lassen soll und dass er morgen wieder kommen soll. Und im nächsten Moment merke ich, dass meine Knie nachlassen und ich auf den Boden knalle.

"Mir geht es gut, es ist alles okay.", sage ich jetzt schon zum gefühlten hundertsten Mal.

"Wir können Sie nicht einfach gehen lassen!", sagt die Schwester schon völlig angenervt.

"Ich habe noch nichts gegessen und wenig getrunken heute, das ist doch kein Wunder, dann noch diese ganze Aufregung. Mir geht es gut!" Ich flehe die Schwester an und dann gibt sie doch nach, nachdem ich ihr erklärt habe dass ich einen wunderbaren Freund habe und eine Tochter und dass die beiden auf mich aufpassen und mich wieder gesund pflegen. Ich gehe nochmal auf die Station zurück wo Sara liegt, Lenni ist nicht mehr hier. Ich verlasse das Krankenhaus und auf dem Parkplatz wo wir standen ist eine Lücke an der Stelle, wo sein Auto stand.

Ich fahre mit der Straßenbahn nach Hause, tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf. Ich kann an nichts anderes denken und doch bringt es mich nicht weiter. Ich kann keine Antworten auf die Fragen finden. Wie auch? Das müssen die beiden selber schaffen.

Zu Hause angekommen rufe ich erstmal meine Mutter an, ob sie Zeit hat, Leila abzuholen, weil etwas passiert ist was ich ihr später erkläre. Ich setze mich auf meine Couch, kann aber keine Sekunde still sitzen. Was mache ich jetzt? Paul und Felix abholen von der Kita? Das ist schlecht, dann sieht mich Leila und will natürlich auch mit. Oder ich hole alle drei ab. Ich sehe auf die Uhr, Samu kommt bald und wir haben uns hier verabredet. Meine Gedanken schlagen Purzelbäume. Ich nehme mir mein Handy, wähle Lenni´s Nummer, doch er geht nicht ran.

>Ich hole Felix und Paul nachher ab!<, schreibe ich ihm als SMS und hoffe, dass er sie liest. Ein paar Minuten später kommt ein >Danke< zurück und darüber bin ich schon mal erleichtert.

Es klingelt an der Tür und ich springe auf. Ich mache Samu die Tür auf und wie er dasteht und mich ansieht scheint er gleich gesehen zu haben, dass etwas nicht stimmt.

"Was ist los, Honey?"

"Komm doch erstmal rein.", lächele ich und er gibt mir einen kurzen Kuss. Dann stellt er seine Sachen ab, zieht sich seine Schuhe aus und nimmt mich ganz fest in den Arm.

"Ich liebe dich!", sagt er und lässt mich nicht los. Ich schluchze laut los und bin so froh, dass er hier ist. Er drückt mich noch fester an sich und das ist im Moment das einzige was ich brauche. Ich will nicht reden, ich will nur fest in seinen Armen eingeschlossen sein, seine Nähe spüren, seinen Duft riechen und weinen. Bis keine Tränen mehr kommen.

-42-

 

"Wir müssen in die Kita, Paul und Felix abholen und vielleicht auch Leila wenn sie noch da ist und meine Mutter sie noch nicht abgeholt hat.", sage ich als ich mich wieder beruhigt habe. "Scheiße, es tut mir leid. Du hattest sicher eine anstrengende Woche und..."
"Pssst, Emi. Alles gut. Wir holen jetzt die Kinder ab und du machst dir keine Gedanken um mich, okay?", sagt er mit einer beruhigenden Stimme. Ich nehme seinen Kopf zwischen meine Hände und drücke ihm einen Kuss auf den Mund.

"Danke!", lächele ich, wische mir die letzten Tränen von den Wangen und dann machen wir uns zu Fuß auf den Weg. Ich rufe nochmal schnell meine Mutter an und frage sie, wo sie jetzt ist. Zum Glück ist sie auf dem Weg zur Kita und geht dann schnell mit Leila noch einkaufen, so dass wir uns nicht über den Weg laufen. Es ist mittlerweile 15 Uhr und die Kinder haben gerade ausgeschlafen und noch etwas gegessen. Paul und Felix dikutieren zum Glück nicht lange und so können wir ganz gemütlich noch mit ihnen auf einen Spielplatz gehen. Ich setze mich auf eine Bank, atme erstmal durch und spüre dabei, wie schnell mein Herz schlägt und wie schlecht mir ist. Das ist wirklich alles zu viel Aufregung heute. Aber ich muss trotzdem sehr doll an Sara denken. Sie liegt da alleine in diesem hässlichen Zimmer, macht sich schreckliche Vorwürfe und Schmerzen hat sie bestimmt auch. Doch ich kann schlecht sagen, dass Samu auf die beiden Jungs alleine aufpassen soll, weil ich zu Sara ins Krankenhaus will. Das geht ja nun gar nicht.

Felix und Paul sitzen im Sand, spielen ganz friedlich und Samu setzt sich zu mir.

"Was ist mit Sara und Lenni?", fragt er mich dann ganz vorsichtig und legt eine Hand auf meinen Oberschenkel. Ich beobachte die Zwillinge und lächele leicht, weil sie so süß und lieb sind.

"Sara ist im Krankenhaus.", antworte ich ihm nach einer Weile und drehe meinen Kopf zu ihm, er sieht mich fragend an. "Ich kann noch nicht darüber reden, weil Sara das so will!"

"Vertraust du mir nicht?" Er nimmt seine Hand weg.

"Das hat damit nichts zu tun!", versuche ich mich zu rechtfertigen. Und warum muss ich das eigentlich? "Sara ist meine beste Freundin. Sie hat mir etwas anvertraut. Und wenn ich es dir erzähle, missbrauche ich ihr Vertrauen. Und wenn ich es dir nicht erzähle, hat das nichts mit Vertrauen zu tun.", sage ich leise. Doch er scheint es nicht zu verstehen. Er steht auf und geht zu den beiden Jungs.

"Lass uns die beiden und dich zu dir bringen.", sagt er dann ernst. Ich nicke und erhebe mich.

Natürlich ist der Herr sauer und liefert mich mit den beiden bei mir vor der Tür ab, sagt kurz "tschüß" und ist dann weg. Genau so enttäuscht wie ich sehen auch Paul und Felix ihm hinterher, wie er in sein Auto steigt und davon fährt.

Als Lenni am Abend bei mir aufschlägt, sind die Kleinen kaum noch wach zu halten. Meine Mutter hat mir auch Leila gebracht, die aber schon schläft. Nur die Zwillinge wollte ich nicht schlafen lassen.

"Wollte Samu heute nicht wieder kommen?", fragt er und sieht mich verwundert an. Ich nicke.

"Ist er ja auch, aber er ist bei sich."

"Hattet ihr Streit?" Ich schüttele den Kopf. Er sollte das gar nicht bemerken.

"Oh doch. Ich kenne dieses Gesicht.", sagt er überzeugt. Doch mir passt das jetzt einfach nicht.

"Lenni, du solltest das mit Sara erstmal klären, dann kannst du über mein Wohlbefinden nachdenken.", sage ich etwas angepisst, da es mir so vorkommt, als wollte er seins damit überspielen.

"Ich fahre morgen zu ihr wenn die Kleinen in der Kita sind.", sagt er dann und hat wohl gemerkt, welcher Film hier gerade läuft. Dann schnappt er sich die Beiden und ich drücke ihn nochmal fest zur Verabschiedung.

"Melde dich bitte.", sage ich und er nickt.



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